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Neue Gastromeile Gaustraße

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von Felix Monsees, Fotos: Elisa Biscotti

Die Gaustraße verbindet die Innen- mit der Oberstadt und ist immer wieder Sorgenkind der Stadtentwicklung. Allen Marketingattacken zum Trotz haben die Mainzer die Steillage bisher nie als Ausgehmeile angenommen. Zahlreiche Neueröffnungen könnten das jetzt ändern:
Hubert Neumann zum Beispiel stellt nicht nur seinen Vornamen zur Verfügung, denn so heißt die Bar in der Hausnummer 12. Er ist auch Erfinder der Bezeichnung „San Francisco von Mainz“ für die Gaustraße. In einigen Interviews hat er das Schlagwort fallen gelassen, was bereitwillig von den Journalisten aufgenommen wurde. Solche einschlägigen Slogans liegen ihm als Autor, Dozent für wissenschaftliches Schreiben und Teilzeit-Gastronom. Im „Hubert“ ist Neumann das Gesicht des Ladens. „Hinter der Theke wird man mich allerdings niemals sehen“, dafür hat er sein Team. Als „Conférencier“ obliegt ihm die Aufgabe, die Gäste in Gespräche zu verwickeln und zusammenzubringen. „Zumindest die, die zusammen zu bringen sind“, lacht er. Es ist die einzige Aufgabe für ihn. Er ist weder Barkeeper noch Inhaber. Die Bar gehört zwei Freunden, die unerkannt bleiben wollen. Beide haben so etwas wie das „Hubert“ in Mainz vermisst und daher selbst eröffnet – eine erwachsene Bar mit vernünftigen Getränken. „Man braucht ein halbes Jahr, um sich durch die Karte zu trinken“, meint Neumann, der als Conférencier lieber bei Johannisbeersaft bleibt. Im Barmenü des „Hubert“ sind zahlreiche alte und neue Cocktail-Klassiker verzeichnet. Selbstverständlich – für einen Dozenten für wissenschaftliches Schreiben – mit Quellenangabe. Zu den Cocktails wird der Erfinder genannt. Die sensor-Tester haben verkostet und für gut befunden: Padovani, Martinez, Sazerac. Vorsicht, reichlich Alkohol! Vier Wochen nach der Eröffnung soll man lieb zum noch nicht eingespielten Service sein, bittet Neumann. Weiterer Wermutstropfen in den Cocktails: Nur Bares ist Wahres. Das „Hubert“ akzeptiert keine Kartenzahlung.

Konkurrenz belebt das Geschäft
Bereits seit letztem Herbst hat quasi gegenüber das „Wangenrot“ geöffnet. Die modern und nüchtern eingerichtete Weinbar hat sich bereits in kurzer Zeit ein Stammpublikum erobert. Donnerstagabend ist meistens jeder Tisch besetzt. Sensation in Mainzer Weinstuben: Nicht nur Weine aus Rheinhessen werden ausgeschenkt, sondern ebenfalls aus anderen deutschen Regionen, sowie Italien und Frankreich. Neben gutem Trinken gibt es kleine Speisen. Flaschenweine sind auch zu freundlichen Mitnahmepreisen zu erwerben. „Wenn wir zumachen, schicke ich meine Gäste weiter nach oben zum Absacker trinken“, sagt Gastgeberin Angela Deserno und deutet auf das „Hubert“. Konkurrenz belebt das Geschäft: „Je mehr hier los ist, desto mehr Leute kommen auch.“

Lob für Lilli
„Dickes Lob an die dicke Lilli, die zieht Leute in die Gaustraße, die sich sonst nicht über die Kaiserstraße trauen“, sagt Markus Wehrle. Das Café an der Ecke zur Breidenbacherstraße (siehe sensor Dezember 2012) war die erste der zahlreichen Neueröffnungen am Standort. Hinterher zogen das fernöstliche Restaurant Gautor-Korea und die Kaffeekommune mit ihren wertigen Kaffesorten, die bereits vorher temporär die „Dicke Lilli“ bespielte. Wehrle eröffnete mit seinem Kompagnon Kai Tietze in einem Hinterhof des Kindermodeladens „Kinderkram“ am Fuße der Gaustraße das Café „Lönneberga“. Dafür ließen sie sich von Schweden inspirieren, wo Tietze sein Studium verbrachte: Mit viel Holz und Licht eingerichtet, spricht das Café insbesondere Familien mit Kindern an. Anders als in Schulen und städtischen Kindergärten dürfen die Eltern hier auch mal ein Bier trinken. „Mit Mitte 30 will man ja auch noch was vom Leben haben“, sagt Wehrle, der selbst zweifacher Vater ist. Zum Frühstück gibt es – typisch schwedisch – Rentiersalami und Blaubeermarmelade, nicht in Möbelhaus-, sondern Bioqualität. Wie alles hier im Laden. Beratender Barista ist wiederum Paul Bonna von der Kaffekommune, weshalb die beiden „Lönneberga“-Betreiber besonders stolz auf ihren Cappuccino sind. „Die ganze Gaustraße arbeitet kollegial zusammen“, freut sich Tietze. Und so schließt sich der Kreis.