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sensor Titelgeschichte: Verlegen in Mainz – Über die hiesige Buchverlagsszene

Was die Verlagsszene macht in jener Stadt, in der vor über 500 Jahren der Buchdruck erfunden wurde? Sie ist überschaubar! Befragt man Mainzer Verleger, so scheint sich sogar vieles im Verborgenen abzuspielen. „In der Stadt werden wir kaum wahrgenommen“, sagt etwa Jonas Engelmann vom Ventil Verlag. Und Donata Kinzelbach, Verlegerin im gleichnamigen Verlag, beklagt: „Die Buchhandlungen bedienen vor allem die Bestsellerlisten. Wir kleinen Verlage fallen hinten runter.“ Mehr Rückhalt ist hier und da erwünscht, denn: „Wir sind doch Teil der Kreativwirtschaft!“ Nachdem es noch vor wenigen Jahren bis zu fünf Büchermessen in Mainz gab, pausiert die einst bejubelte Buchmesse Rheinland-Pfalz bis auf Weiteres. Übrig geblieben sind einzig die Mainzer Büchermesse (im November) sowie die traditionsreiche Mainzer Minipressen- Messe, die 2020 turnusmäßig aussetzt. Die Büchermesse wird seit 20 Jahren von Donata Kinzelbach zusammen mit Sigrid Fechner-Sabo organisiert. Regionalen Kleinverlagen – wie den eigenen – soll so zu mehr Sichtbarkeit verholfen werden. Normalerweise spielt sie sich im Rathaus ab. Wegen der Sanierung desselbigen fand sie jedoch zuletzt in der Akademie der Wissenschaften und der Literatur statt: „Da werden Entdeckungen gemacht und natürlich auch viel gekauft“, weiß Kinzelbach. Seit 2016 sitzt das Kulturamt mit im Boot, wird aber weiterhin von ihr unterstützt. Mit 36 Institutionen, darunter viele Mainzer Verlage, waren es im letzten Jahr immerhin so viele Aussteller wie noch nie.

Donata Kinzelbach organisiert
die Mainzer Büchermesse mit
und verlegt Bücher mit Schwerpunkt
Nordafrika

Von Archäologie bis Typografie
In Mainz findet sich eine bunte und diverse Verlagskultur ohne wirkliche Riesen, aber mit vielen Spezialverlagen. So etwa mit Kinzelbach, der einzige deutschsprachige Verlag, der sich auf Literatur aus dem Maghreb, den nordafrikanischen Staaten, spezialisiert hat. Es gibt aber auch Verlage wie Hermann Schmidt und Ventil, die national und darüber hinaus bekannt sind und 2019 zudem den erstmals verliehenen Deutschen Verlagspreis erhalten haben. Ältester noch bestehender Verlag ist dagegen Philipp von Zabern, einer der führenden Wissenschaftsverlage im Bereich der Archäologie: 1802 in Mainz gegründet, gehört er seit 2014 jedoch zur Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (WBG) Darmstadt. Bei Hermann Schmidt in Finthen machen sie schönste Bücher für Kreative zum Anschauen und Anfassen – vor allem Fachbücher aus den Bereichen Typografie und Grafikdesign. Viele davon sind inzwischen zu Standardwerken avanciert. Geführt von Bertram und Karin Schmidt-Friderichs, versteht sich der Verlag als Netzwerk und Plattform für die Kreativbranche und arbeitet daher auch eng mit der Hochschule zusammen.

Vorläufer des Verlags war eine 1945 gegründete Druckerei, die schließlich von Hermann Schmidt, dem Vater des heutigen Verlegers, übernommen wurde. Wie das so üblich war, stieg auch der Sohn, Bertram Schmidt-Friderichs in den väterlichen Betrieb mit ein, nachdem er bei der Allgemeinen Zeitung Bleisetzer gelernt – und sich dort mit dem „Typografie-Virus“ infiziert hatte. Es folgten ein betriebswirtschaftliches Studium sowie Berufstätigkeiten bei namhaften Verlagen und Druckereien, bevor der Verleger in seine Heimatstadt Mainz zurückkehrte. Die Geburtsstunde des Verlags in seiner heutigen Form war 1992. Sie begann mit einem Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse, auf der Schmidt-Friderichs zeigen wollte, was seine Druckerei im Bereich Typografie so draufhat. Das war auch das Jahr, in dem die Architektin Karin Schmidt-Friderichs beschloss, in den Verlag ihres Mannes einzusteigen. „Unsere Leser sitzen noch mehr als andere vor dem Computer. Wenn sie in ihrer Freizeit etwas lesen, sind sie besonders empfänglich für ansprechend gestaltete Bücher“ – vor allem, da viele selbst beruflich Gedrucktes gestalten: „Das Vernunftareal im Gehirn kauft den Inhalt und das Leidenschaftsareal liebt die Form“, bringt es die Verlegerin auf den Punkt.

Karin und Bertram Schmidt-
Friderichs vom bekannten Design-
Verlag Hermann Schmidt

Mainzerin als Chefin des Börsenvereins
Im vergangenen Herbst wurde Karin Schmidt- Friderichs zudem zur Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gewählt, der wichtigsten Interessenvertretung für Buchhändler und Verlage. Seither ist Pendeln angesagt zwischen Mainz und dem Vorsteherinnenbüro im Haus des Buches in Frankfurt. Obwohl das Amt offiziell „nur“ ein Ehrenamt ist, ging zumindest in den ersten Monaten ein Großteil ihrer Zeit dafür drauf. Die Quereinsteigerin in die Buchbranche ist erst die zweite Frau an der Spitze des fast 200 Jahre alten Börsenvereins. Dort muss sie nicht nur die großen und kleinen Player der Buchbranche, Buchhandel, Verlage und Zwischenbuchhandel, die nicht immer die gleichen Interessen verfolgen, an einen Tisch bringen, sondern auch die gesamte gebeutelte Branche gegenüber Politik und Gesellschaft vertreten. Da geht es um Themen wie die Buchpreisbindung, das Urheberrecht oder Ausschüttungsregeln der VG Wort. Im Hermann Schmidt Verlag macht sie daher bewusst „nur“ 20 Bücher im Jahr: Qualität geht vor Quantität. „Je mehr kostenlose Information und Unterhaltung es im Netz gibt, desto mehr erwarten Leser von gedruckter Information“, sagt Schmidt-Friderichs. Die sorgfältige Arbeit an einem Buch zahlt sich aus. Viele ihrer Titel werden nachgedruckt. So erübrigte sich schließlich auch die einstige Überlegung, nach Berlin zu ziehen – auch aufgrund der vielen langjährigen Mitarbeiter. Karin Schmidt-Friderichs Lieblingsbuch aus ihrem aktuellen Programm beschäftigt sich mit der Natur als kreativer Inspirationsquelle. Der Autor war ursprünglich mit einem Wanderführer an den Verlag herangetreten, und man ihm sagen musste, man verlege leider keine Wanderführer. Er wollte aber unbedingt zu Hermann Schmidt, sodass er sein Werk daraufhin noch einmal komplett umschrieb.

Lyrik und Handwerkskunst:
Bettina Augustin und Johannes
Schneider vom Golden Luft Verlag

Altes Handwerk und schöne Literatur
Ein weiterer interessanter Mainzer Verlag wurde erst vor vier Jahren gegründet: Inhaberin, Literaturwissenschaftlerin und Autorin Bettina Augustin nennt ihr Baby „Golden Luft Verlag“. Er ist in der Altstadt an der Ecke zur Goldenluftgasse beheimatet, die zu ihrem Namen kam als einzige Straße der Stadt, die im 17. Jahrhundert von der Pest verschont geblieben sein soll. Verlagssitz ist die älteste Buchbinderei der Stadt. Das ist kein Zufall – die 1891 gegründete Buchbinderei Gärtner-Fiederling wird seit vielen Jahren von Augustins Mann Johannes Schneider geführt. Beide arbeiten Hand in Hand an den Golden-Luft-Publikationen. „Unser Augenmerk gilt den Außenseitern und Randständigen der Literatur, aber auch neuen und wieder zu entdeckenden Texten“, so Augustin. Ein großer Erfolg war 2019 ein bisher nicht publizierter Gedichtzyklus des prominenten schottischen Gegenwartsautors John Burnside. Besprechungen in wichtigen Feuilletons gaben dem Verlag einen guten Schub. „Mit bekannten Autoren ziehen wir auch wieder neue Autoren an“, sagt die Verlegerin. Augustin konzentriert sich mit ihrem Programm auf die kleine literarische Form: Prosastücke, Lyrik und Erzählungen. Drei Hefte entstehen so pro Jahr. Johannes Schneider fadenheftet diese in Handarbeit– mit Auflagen zwischen 200 bis 700 Exemplaren. Einen Computer sucht man in seiner Werkstatt vergebens. Dafür finden sich Regale mit Leinenrollen und eine große Sammlung über hundert Jahre alter Buntpapiere sowie Schubladen voller historischer Messingschriften zum Prägen der Titel. „Was es hier nicht gibt, ist Stress. Da werden die Sachen nicht gut“, sagt der Buchbindermeister schmunzelnd. Heute nehmen vor allem Sammler und Privatleute Schneiders Dienste als Buchbinder und Restaurator in Anspruch. Früher war das anders. Da gehörten zu seinen Kunden hauptsächlich Bibliotheken und Firmen. „Aber die Leute besinnen sich wieder auf das Handwerk.“ Und mittlerweile haben auch die öffentlichen Institutionen erkannt, wie wichtig die Bestandserhaltung alter Bücher und Dokumente ist.

Musik und Veganes aus dem Hinterhof
Der Ventil Verlag mit Sitz in einem Hinterhof-Altbau mitten in der Neustadt war bei seiner Gründung 1999 dagegen ein klassischer Underground-Verlag. Inzwischen ist er zwar immer noch ein Kleinverlag mit mittlerweile fünf Mitarbeitern, hat sich aber zu einem der renommiertesten deutschen Musikverlage gemausert. Sachbücher und Belletristik rund um Popkultur und Popdiskurs bilden den Kern der Veröffentlichungen. Zu den Autoren zählen Größen wie Tomte-Sänger Thees Uhlmann oder der Musikjournalist Linus Volkmann. Musikliebhaber und Experten finden Gedrucktes über Punk und Hip-Hop. Aber auch Film und queere Themen kommen nicht zu kurz. Aktueller Bestseller ist ein Buch über die feministische Musikgeschichte – kein Trend, auf den der Verlag aufspringt, sondern „wir haben schon immer Bücher über Feminismus und Pop gemacht“, sagt Jonas Engelmann, einer der Geschäftsführer. Ähnlich ist es mit den vegetarisch-veganen Koch- und Ratgeberbüchern. Mit der Edition „Kochen ohne Knochen“ hat sich Ventil schon vor vielen Jahren einen Namen in der Szene erarbeitet und so manch weiteren Best- und Longseller zu dem Thema hervorgebracht. Mit diesem Standbein ist der Verlag aus der Neustadt auch regelmäßig auf Vegan-Messen präsent. „Da greift dann auch die Streaming-Generation zum gedruckten Buch“, sagt Ingo Rüdiger. Er und Engelmann teilen sich Pressearbeit, Lektorat und Vertrieb und halten den Kontakt zu den Autoren. Oliver Schmitt ist für das Layout der Ventil-Publikationen zuständig. „Mit Verlagssitz Mainz fühlt man sich in der Musikbranche schon manchmal abgehängt“, gibt Engelmann dabei zu bedenken. Es könne aber auch ein Vorteil sein, sich alles ein bisschen aus der Distanz anzuschauen. Immerhin sind die Ventil-Autoren fleißig auf Lesereise in den Szenelocations der Republik unterwegs.

Punkrock meets Tofu: Ingo Rüdiger,
Oliver Schmitt und Jonas Engelmann
(v.l.n.r.) vom Ventil Verlag

Gegenbewegung zum Digitalen
Unsere Mainzer (Klein)verlage sind überzeugt, dass es in Zeiten der digitalen Reizüberflutung eine Rückbesinnung auf hochwertige gedruckte Bücher gibt. „Reanalogisierung“ nennt Buchbinder Johannes Schneider diese Entwicklung: „Je digitaler die Welt wird, desto bewusster erleben wir das Analoge“, glaubt auch Karin Schmidt-Friderichs. Dass das Buch noch lange nicht tot ist, zeigt auch der beliebte Mainzer Studiengang Buchwissenschaft, bundesweit einst der erste und auch größte seiner Art. „Die deutsche Verlagslandschaft blüht“, weiß hier Professorin Ute Schneider, akademische Direktorin der Abteilung Buchwissenschaft. Die meisten Absolventen des Studiengangs streben nach wie vor in die Verlagsbranche. Vom Vertrieb über Marketing, Öffentlichkeitsarbeit oder Lizenzabteilung bis zum Lektorat sind die Betätigungsfelder vielfältig. Trotzdem haben es die Verlage schwer, vor allem die kleinen. „Viele gehen nicht pleite, sondern werfen irgendwann das Handtuch, weil es sich einfach nicht rechnet“, sagt Ingo Rüdiger von Ventil. Auch Donata Kinzelbach übt ihr Business als Ein-Frau-Verlag aus. „Wirtschaftskrisen kommen bei uns sofort an. Zur Not verzichten die Leute eben auf das Luxusgut Buch“. Immerhin können sie und auch andere von sich behaupten, sie haben ihr Hobby zum Beruf gemacht!

Katja Marquardt
Fotos: Katharina Dubno