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Nach der Kampagne ist vor der Kampagne: Kult-Fastnachter Johannes Bersch im Portrait

In Position gebracht – Johannes Bersch
in seiner Lieblingsrolle der Moguntia (Foto: Johannes Bersch)

Ein Leben geprägt von der Mainzer Fastnacht. Seine ersten Erfahrungen und Berührungspunkte hat der gebürtige Bischofsheimer Johannes Bersch schon als kleiner Junge gesammelt. Mit zehn Jahren stand er zum ersten Mal auf der Bühne. Seitdem ist die Kampagne fest in seinem Jahreskalender verankert und gehört quasi zum Alltag.

Vom Elternhaus geprägt
„Meine Eltern haben sich bereits in den 1970er Jahren auf kommunaler Ebene für die Fastnacht engagiert“, erzählt Johannes, „das war die Närrische Achse.“ Gedrängt, etwas Eigenes zu gestalten, haben sie ihn aber nie. Die Neugier, selbst auf der Bühne zu stehen und einen eigenen Text vorzustellen, kam von alleine. „Meine Eltern haben mich immer unterstützt und die Fastnacht nach Hause getragen. Das hat mich begeistert.“ 1992 stand der junge Bersch dann in der Figur eines Schusters zum ersten Mal auf der Bühne und hat einen Reim in Versform vorgetragen: „Und das Publikum war begeistert“. Das war die Geburtsstunde, aus dem Schreiben und Dichten ein Hobby zu machen. Und aus dieser Leidenschaft entwickelte er dann Jahre später die Figur der Moguntia.

Ohne Verkleidung und MakeUp kaum wiederzuerkennen (Foto: Maike Schuppe)

Moguntia – ein Mann in Frauenkleidung
Sie gehört zur Mainzer Fastnacht und gilt mittlerweile als Tradition. „Ich weiß gar nicht woher dieses Gefühl der Menschen kommt, dass die Moguntia schon immer zur Fastnacht gehöre. Sie ist ja erst fünf Jahre alt“, lacht Bersch, aber freut sich über positives Feedback. „Ich denke, die Entscheidung, die Moguntia zu erfinden, lag an der römischen Geschichte der Stadt Mainz. Es gibt die Bavaria oder die Germania, aber eben noch keine Personifizierung des römischen Verwaltungsbezirkes „aurea moguntia Mainz“, so Johannes über die Hintergründe. Doch schlüpft er gerne auch in andere Rollen. So zum Beispiel 2023 als Queen Camilla, die er mit großer Freude verkörperte. „Die Moguntia bleibt natürlich, solange ich das Gefühl habe, dass sie Menschen erfreut. Aber ich bin offen, auch andere Figuren auf die Bühne zu bringen und thematisch vielseitig zu arbeiten.“ Auch die Arbeit mit Kollegen gefällt ihm sehr.

„Es ist und bleibt live und einmalig“
Beim Texteschreiben sind die letzten Wochen vor der Sitzung entscheidend. Ein wirkliches Ende ist nie absehbar. „Manchmal passieren noch kurz vor einer Sitzung Ereignisse, die ich mit aufnehmen möchte. Das Schreiben ist ein fortdauernder Prozess.“ Wie viel Zeit man fürs Schreiben braucht, kann auch ein Profi wie Johannes nicht sagen. Sein Ziel ist es aber, unterhaltsame Minuten zu schenken. Das gibt ihm Motivation und Vorfreude beim Schreiben: „Das ist wie beim Geschenke-Auspacken. Der Schenkende weiß, was verpackt ist, und ist gespannt auf die Gesichter. Dieses Gefühl beflügelt mich immer wieder. Und jedes Publikum entwickelt eine Eigendynamik. Das sind für mich bleibende Erinnerungen.“ Das ist auch das Besondere an einer Live-Sitzung: authentisch und einmalig; und das Gefühl, dass es nur heute so passiert, zeichnet für Johannes das Erleben aus: „Es sollte unsere Zielsetzung heutzutage in einer digitalisierten und schnelllebigen Gesellschaft sein, dieses Privileg und Ambiente eines gemeinsamen Live-Events zu erhalten. Davon lebt die Fastnacht! Ich würde gerne einmal 120 Jahre zurückreisen und dort eine Sitzung miterleben. Das stelle ich mir viel turbulenter vor“, schmunzelt er. Fastnacht ist für ihn nicht nur „Halligalli“, wie er es bezeichnet, sondern dringt tiefer in die Gesellschafts- und Politikkritik ein. Dafür sei die Mainzer Fastnacht bekannt. Die Tradition der Sitzungen und Büttenreden muss nach Bersch am Leben bleiben. Daher sollte verstärkt der Nachwuchs motiviert werden. „Ich bin offen für alles. Auch ein paar mehr Frauen bei der Fastnacht wären schön.“

Bekannt als Redner in der Bütt: die Moguntia (Foto: Johannes Bersch)

Voller Terminkalender
Bei 20 bis 30 Auftritten während der fünften Jahreszeit – und das sind noch wenig – stellt sich die Frage, wie man Beruf, Hobby, Familie und Freizeit unter einen Hut bekommt. „Ohne die Unterstützung und das Verständnis meiner Familie würde das in dieser Form gar nicht gehen“, erklärt der Malermeister und Restaurator und ist dankbar. Die Fastnacht ist eine intensive Zeit, die aber jedes Jahr aufs Neue gerne in Kauf genommen wird. Die Erschöpfung kommt meist erst am Ende. Doch wer einmal in die Kampagnentradition hineingeboren und von der Leidenschaft gepackt wurde, kommt so schnell nicht mehr aus dem Kreis der Fastnachter heraus. Für Bersch selbst geht eine Kampagne meist bis zur großen Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz“. Er begräbt die Fastnacht am Fastnachtsdienstag bei der Fastnachtsposse des MCV. „Das ist mein persönlicher Abschluss einer Kampagne. Dann beginnt für mich, was für Tiere vielleicht die Winterruhe ist, eine kleine Pause.“ Augen und Ohren sind jedoch immer offen, um wieder neue Ideen für das nächste Jahr zu sammeln, und die Vorfreude bleibt.

Text Maike Schuppe

14 responses to “Nach der Kampagne ist vor der Kampagne: Kult-Fastnachter Johannes Bersch im Portrait

  1. Hallo ich liebe diese Figur mit der authentischen Ausstrahlung, und der tollen Büttenreden .
    Kaum zu glauben wie er sein Aussehen verändert, ich sehe ihn hier in natura zum ersten Mal, Daumen hoch👍🏻
    Hoffentlich gehen ihm die Ideen nie verloren, er ist die beste Bereicherung für den MCV

  2. Absolut großartig, ein Meister seines Fachs. Ein guter Beobachter, der die Sache glasklar gepaart mit Ironie und Sachverstand auf den Punkt bringt. Allein schon Grund genug, Mainz wie es singt und lacht zu gucken. Fan vom Bodenee

  3. Der gelungene Höhepunkt der Sitzung. Geschliffene Prosa auf den Punkt gebracht, nicht beleidigend aber gekonnt pointiert.
    So muss Fastnacht aus Mainz sein.
    Mit solchen Rednern muss sich der Mainzer Karneval keine Sorgen um die Zukunft machen.

    Ein Fan aus dem Norden

  4. Hallo, lieber Johannes Bersch,
    ich schreibe Ihnen heute, um Ihnen mitzuteilen, dass mich Ihre Vorträge nicht nur inhaltlich, sondern vor allem auch sprachlich begeistern.
    Sie sprechen perfekt und ohne Makel die „südhessische Umgangssprache“, wie ich diese auch als Lehrer jahrzehntelang benutzte. Sie ist – so denke ich- für jedermann in ganz Deutschland verständlich, ohne das Charakteristische unserer Umgangssprache aufzugeben! Ganz toll gemacht!

    Übrigens: Ich unterrichtete Mathematik und Physik und hatte nie Probleme das Wort „Gleichung“ südhessisch, nämlich „Gleischung“ (ohne vorgeschobene Lippen) auszusprechen oder statt „Strecke“ „Stregge“ zu sagen.

  5. Hallo Herr Bersch,
    das war gestern wieder ein absoluter Höhepunkt in der Mainzer Fastnacht.
    Sehr schöne Kritik zu den Themen der Zeit.
    Prima vorgetragen!
    Vielen Dank dafür!
    Weiter so…..

  6. Liebe „Moguntia“ Lieber Johannes Bersch! Sie sind für uns das absolute Highlight der Mainzer Fasnacht ! Esprit und Humor vom Feinsten! Vielen Dank, Applaus und Helau 😍👍

  7. Lieber Johannes, gerade habe ich Ihren Moguntia-Auftritt nochmal angeschaut und dabei Tränen gelacht! Auch Ihre Camilla und Ihren Lauterbach bewundere ich immer wieder. Sprachlich, inhaltlich und vortragsmäßig einfach perfekt. Und dass man aus einem Mann eine so wunderschöne Frau machen kann, das ist das Sahnehäubchen! 🥰

  8. Lieber Herr Bersch, ich freue mich jedes Jahr über Ihren Beitrag bei Mainz bleibt Mainz. Auch in diesem Jahr waren Sie wieder ein echter Gewinn. Vielen Dank – Helau nach Mainz Ihr Thorsten Rollmann aus Großostheim bei Aschaffenburg

  9. Lieber Herr Bresch, sie sind der Allerbeste mit Ihrem Auftritt bei Mainz wie es singt und lacht. supertoll, ich freue mich schon auf 2025.
    Schon Ihr Auftritt als Camilla war gigantisch. Ich war froh, daß ich es bei Ausschnitten von 2024 nochmal sehen konnte. Weiterhin viel Erfolg und gute Ideen, wir warten und hoffen wieder auf Sie. Liebe Grüße aus Simonswald im Schwarzwald.

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