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Nach Auszug der Flüchtlinge ist die Zukunft des Allianzhauses ungewiss

Ein Block steht beinahe leer – und nebenan die Büroimmobilie der LBBW auch (Foto: Domenic Driessen)

Das markante Gebäude auf der Großen Bleiche steht wieder leer. Vor Jahren sollte es abgerissen werden und einem Neubau weichen. Jedoch legte der Kulturclub schon schön im Erdgeschoss Einspruch ein, da er noch einen Mietvertrag bis 2025 besitzt. Der neue Eigentümer, die stadtnahe Mainzer Aufbau Gesellschaft (MAG), musste einlenken und eine neue Idee wurde zusammen mit der Stadt geboren: Während der Flüchtlingskrise 2016/17 wurde das Allianzhaus als Flüchtlingsunterkunft ertüchtigt. An die 200 Menschen fanden seitdem dort Platz. Nun sind die verbliebenen 143 ausgezogen und ihre – als auch die Zukunft des Allianzhauses – steht wieder offen.

Viele Geflüchtete haben mittlerweile eigene Wohnungen gefunden. Die anderen wurden gleichmäßig auf die acht verbliebenen Unterkünfte der Stadt aufgeteilt, in denen aktuell um die 1.000 Flüchtlinge leben. Sie erhielten vor Kurzem auch eine Impf-Priorisierung. Im Allianzhaus resultierten aus der kurzfristigen Bekanntgabe der Umzugstermine und der Sprachprobleme Verwirrung und Unsicherheit. Was dem deutschen Durchschnittsbürger als gewöhnlicher Umzug erscheint, zieht in der Perspektive eines knappen Arbeitsangebotes sowie allgemeiner Covid-bedingter Verzweiflung unter den Geflüchteten gravierende Konsequenzen nach sich.

Freude trotz Umzugszwang
Bis drei Monate vor dem Termin wussten die Bewohner nicht, dass sie umziehen werden. Die neuen Unterkünfte wurden kurzfristig mitgeteilt. Empörung gab es dennoch nur beim „Wie“ des Umzuges, nicht beim „Wohin“. Den Grund teilt der 17-jährige Mohammed Said Osman aus Somalia mit: Er bezweifelt, dass es ein noch schlechteres Asylheim als das Allianzhaus geben kann. Er ist froh, mit seiner 14-köpfigen Familie aus den bisherigen zwei Zimmern auszuziehen, da er sich nun ein zusätzliches Zimmer erhofft. Im Allianzhaus war nicht nur die Privatsphäre der Familie kaum existent, auch der Zugang zu grundlegenden Einrichtungen wie Küche oder Bad war stark begrenzt. Auf einer Etage befanden sich bei 40 Zimmern nur eine Küche und drei Toiletten. Dies war oft genug Grund für Streitigkeiten. Die verschiedensten Ursprungsländer der Bewohner führten zu weiteren Kommunikationsproblemen, verbunden mit der Unsicherheit bezüglich ihrer Zukunft. Dies alles in einer Anspannung, die nicht selten der hausinterne Security- Dienst schlichten musste. Der 28-jährige Mohammed Issaaus Afrin, der jetzt mit seiner Frau und 3-jährigem Sohn nach Gonsenheim gezogen ist, erzählt vom rauen Umgang unter den Bewohnern: „Ich spüre keine Liebe an diesem Ort.“ Er freut sich, seinem dreijährigen Sohn Omar nun eine andere Umgebung bieten zu können.

Shehe Ali Bakar kurz vor dem
Umzug nach Gonsenheim

Heruntergekommen
Diese Art von Miteinander spiegelt sich auch im Umgang der Menschen mit dem Haus wider. Verständnislos erzählt Mohammed von Bewohnern, die ohne Rücksicht auf andere in den Baderäumen Alkohol und Zigaretten konsumierten. Nicht selten wurden auch Haare geschnitten und die Abfälle danach liegen gelassen. Auch die maroden Anlagen waren häufig defekt. Mindestens einmal wöchentlich quollen die Toiletten über. Obwohl die Havarien stets gemeldet wurden, kamen die Handwerker oft erst Tage später. So ist es leicht vorstellbar, wie sich unter solchen Umständen Krankheiten schneller verbreiten können. Das Allianzhaus stand zwei Mal wegen positiver Corona-Testungen unter Quarantäne – ein Grund für die längst überfällige Schließung? Gefährlich wurde es vor allem für Menschen, die aufgrund von Erkrankungen auf makellose Hygiene angewiesen sind. Ein Beispiel dafür ist Abbas Maajir. Der Vater zweier Söhne leidet unter Herzproblemen und einem Harnwegsinfekt. Ein Ärzteschein bestätigt, dass er nicht auf engstem Raum mit mehreren Fremden leben sollte, geschweige denn mit ihnen das Badezimmer teilen. Seine Frau Iman versucht seit Monaten, die Wohnsituation der Familie zu verändern. Sie schildert, dass es keine zureichende Antwort der Sozialarbeiter auf ihre Appelle für eine passendere Unterkunft gäbe. Stattdessen Zurechtweisungen und Ermahnungen. Die einfachste Lösung, eine private Wohnung zu beziehen, scheint der Familie blockiert – der älteste Sohn möchte als Friseur arbeiten, darf aber aufgrund seines laufenden Asylverfahrens nicht angestellt werden. So greifen die Maajirs zur letzten Möglichkeit und hoffen nun auf Erfolg auf dem juristischen Weg. Der große Vorteil des Allianzhauses ergab sich hauptsächlich aus seiner Lage. Es ist nur wenige Minuten vom Hauptbahnhof entfernt. Die wichtigsten Geschäfte sind um die Ecke und erleichterten die Lebensorganisation. Die anderen Flüchtlingsunterkünfte liegen am Stadtrand. Bei dem 24-jährigen Romal verlängert der Umzug in die Wormser Straße

Familie Said Osman bezweifelt, dass es ein noch schlechteres Asylheim als das Allianzhaus geben kann

den Arbeitsweg um eine halbe Stunde. Da der Afghane in Groß-Gerau arbeitet, muss er jeden Tag fünf Euro mehr für Tickets ausgeben. Auf den Monat hochgerechnet macht ihm der Betrag zu schaffen. Auch Shehe Ali Bakar aus Somalia muss jetzt mit Bus und Bahn fahren. Der Angestellte des Restaurants „Baron“ auf dem Uni-Campus fuhr bisher mit dem Rad zur Arbeit. Von seinem neuen Wohnort in Gonsenheim aus ist das jetzt erschwert möglich. Der 11-jährige Ekshit Kpoor zieht auch dort hin – sein Schulweg verlängert sich so um eine halbe Stunde und seine Eltern müssen womöglich für die Fahrtkosten aufkommen. Die Übernahme der Anfahrtskosten von Schülern wurde bisher nicht deutlich kommuniziert – vor allem die Großfamilien machen sich Sorgen um die finanzielle Belastung. Bei ca. 1.400 Euro an monatlichen Gesamtleistungen (inkl. Kindergeld etc.), die eine mehrköpfige Familie erhält, sind tägliche Transportkosten von ca. fünf Euro pro Kind erheblich.

Fehlende Umzugsorganisation
Für die meisten Familien bedeutet der Umzug auch Stress. Die Sozialbehörden stellen ein kleines Auto für kurze Zeitfenster bereit. Manche Familie haben Glück – ihre Freunde haben ein zusätzliches Fahrzeug und helfen. Wie aber sollen Menschen den Umzug meistern, wenn Sie keine Freunde oder Verwandte haben? Es gibt einsame und schwache Personen, die auf Hilfe angewiesen sind. Einer der Helfenden war nach seiner Flucht aus dem Iran

Mohammed Issa im Kinderwagenraum

langjähriger Mitarbeiter des Ankunftszentrums in Gießen. Ihn wundert der Mangel an Aufmerksamkeit gegenüber Flüchtlingen nicht, erst recht nicht in Pandemiezeiten. Seit Anfang der Flüchtlingsbewegung um das Jahr 2015 stellt er einen stetigen Rückgang an Engagement seitens der Behörden fest. Dennoch unterstreicht er, wie dankbar er und alle Bewohner für die Chancen und Obhut sind, die ihnen die Stadt Mainz gibt. Und was wird nun aus dem Allianzhaus? Ob weitere Bürogebäude nach einer Post-CoronaÄra mit Homeoffice-Pflicht überhaupt noch gebraucht werden, steht in den Sternen. Das Haus wird wohl nicht zuletzt auch ein Politikum bleiben – so wie direkt nebenan das Gebäude der LBBW (Landesbank Baden-Württemberg), die in den Zollhafen gezogen ist: Zwei größere Filet- Stücke mitten in der Innenstadt, die nun im Prinzip so gut wie leer stehen. Die Investoren warten auf die Entwicklung.

Text & Fotos Gerd Waliszewski

3 Kommentare “Nach Auszug der Flüchtlinge ist die Zukunft des Allianzhauses ungewiss

  1. Eine 14-köpfige Familie?
    Ich weiß sowas darf man nicht fragen, aber aufgrund welchen Vorstellungen von einem Leben bekommt man, während man in einer Sammeleinrichtung lebt, auf die Idee ein Kind nach dem anderen in die Welt zu setzen?

    Bei allem Verständnis und dem Wille zu helfen, fragt man sich dann ob nicht auf diese Menschen eine Verantwortung haben? Oder muss man die Eigenverantwortung ignorieren?

    Der ganze Artikel klingt so, als ob diese Menschen nichts bekommen und nur leiden müssen und andere dafür Verantwortlich sind, dass diese leiden zu beseitigen sind. Dann werden Erschwernisse postuliert, wo man sich fragt, was ist das Problem?
    Ob die Fahrt vom Allianzhaus oder aus Gonsenheim auf den Uni Campus schwerer ist, dürfte für jeden Studenten aus Laubenheim oder Ebersheim marginal vorkommen. Aus Gonsenheim kommend spart er sich zumindest den Anstieg der Saarstrasse.

    Das ein Gebäude/Grundstück im „Regierungsviertel“ nicht unbedingt mit Sozialwohunungen neu bebaut wird, dürfte irgendwie einleuchten. Wenn es aber der Stadt gelingt 1000 Menschen und dann weitere 143 in Wohnungen zu verteilen, scheint die Grundsituation doch recht gut gesichtert zu sein. Daher verstehe ich nicht warum so ein klagenden klingender Artikel daraus gemacht wird.

    Das jemand Fahrtkosten hat um zur Schule oder zur Arbeit zu bekommen, betrifft ja letztlich alle Menschen und die meisten erhalten dafür auch keine Unterstützung. Kann man diesen Menschen nicht zeigen wie sie selbst ihre Situation verbessern können oder das sie auch selbst für ihr Leben etwas tun sollten?

      1. Ist das was man heute Schwurbeln nennt?
        Ich habe keine Antihaltung, im gegenteil ich wundere mich über die Antihaltung im Artikel. Aber ich kann auch unsachlich sein.

        Mir scheint da ist ein böser Schelm der Menschen, die geflüchtet sind, keinerlei Verantwortlichkeit für ihr Leben zutraut und daher sich darüber beschwert das diese Verantwortung nicht von anderen erfüllt wird.

        Und Lopigang wieviel Kinder hast du? Welches Bild von einen Menschen hast du, die 14 Kinder in so einem Umfeld in die Welt setzen?
        Wäre diesen Menschen nicht mehr geholfen, wenn man ihnen versucht zu erklären, dass sie auch die Kinder ernähren können müssen?
        Ich habe keine Kinder und auch bewußt mich dagegen entschieden, da ich in Lebensphasen war, in denen ich mir nicht zutraute Kinder ausreichend zu versorgen. Wenn aber das Wohl der Kinder keine Rolle mehr spielt, dann ist dies eine andere Welt als ich sie mir vorstelle.

        Auch diese Vorstellung, das immer andere für das eigene Leben Verantwortung tragen müssten entspricht nicht meiner Haltung. Das in Notsituationen Hilfe der Gemeinschaft selbstverständlich ist, ist keine Frage. Aber diese „Antihaltung“ gegenüber freien Menschen die für ihr handeln selbst verantwortlich sind, ist mir ein Rätsel. Diese führt in ihrer Konsequenz letztlich zu einer Gesellschaft in der die Kontrolle und Aufsicht des Staates immer größer wird. Daher halte ich diese Haltung auch eher für reaktionär, als progressiv. Nicht umsonst ist der barmherzige Samariter ein Bild der Religionen.

        Ja, ich denke böses über Leute die eine reaktionäre Politik fördern und den Menschen nichts selbst zutrauen.

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