| | Kommentieren

Ein hartes Brot: Lebensmittelverwertung in Mainz

Ist das noch essbar oder muss
das weg? Ladungen einer
Essensrettungsinitiative

Ein kühler Sommerabend, als wir mit unseren Fahrrädern in eine Hauseinfahrt einbiegen. Hier stehen mehrere Tonnen und Rollschränke, die ein wertvolles Gut bergen: Essen. „Manchmal kamen wir schon am Wochenende abends her, um uns ein Croissant fürs Frühstück zu holen“, sagt Martina* schmunzelnd, die uns zum „Containern“ mitnimmt. Containern heißt, dass Mülltonnen von Läden gezielt nach Essen abgesucht werden. Wir sind dabei ausgerüstet mit Taschenlampen und Plastikhandschuhen. Die erste Tonne wird geöffnet: Darin befinden sich Paprika, Salatköpfe, Joghurtprodukte, aber auch Topfpflanzen. Es riecht faulig und die Sachen sind verschmutzt. Ein Karton Eier taucht auch auf, in dem nur ein Ei kaputt ist. Dennoch ist die Packung damit unverkäuflich und wird von den Supermärkten weggeworfen – mit neun heilen Eiern darin.

Viele helfende Hände
„Es ist schockierend, auf wie vielen Ebenen Lebensmittel weggeworfen werden“, sagt Martina. Die junge Frau ist im sozialen Bereich tätig und kämpft aus politischen Gründen gegen das Entsorgen von Brot, Eiern und Co., indem sie das Weggeworfene zurücknimmt. Dies ist formal ein Diebstahl – doch zu einer Anzeige ist es laut Martina noch nicht gekommen. Mehrere legale Initiativen bearbeiten das Thema Lebensmittelverwertung in Mainz, allen voran die „Mainzer Tafel“, aber auch der Verein „Foodsharing“, in dem Martina und Urs aktiv sind. In Bahnhofsnähe warten wir am Rolltor eines Supermarktes. Es wird geöffnet und mehrere Einkaufswagen mit Lebensmitteln stehen für uns bereit: Backwaren, Gemüse, Avocados. Urs (Biologe) und Carina (Ethnologie-Studentin) sortieren Verschimmeltes aus. Der Rest kommt in die „Fairteiler“. Dies sind Schränke, die öffentlich zugänglich sind und vom Verein befüllt und gepflegt werden. „Die Kunden achten in Bio-Läden besonders darauf, dass Obst und Gemüse einwandfrei aussehen“, bemerkt Urs. Die Müllquote sei hier also noch höher. Foodsharing ist entsprechend gut organisiert und wird mittlerweile von vielen Betrieben und der Stadt anerkannt. 60 Firmen machen mit bei der „Versorgung“, etwa 400 aktive Foodsharer in Mainz gebe es, so Urs und zwei Regeln: „Nichts Verwertbares wegwerfen, nichts weiterverkaufen.“

Problem Privathaushalt?
Bundesernährungsministerin Julia Klöckner hat 2019 eine nationale Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung vorgelegt. Demnach tragen die Privathaushalte mit 52 Prozent den Hauptteil an den 12 Mio. Tonnen Essensmüll, die jährlich in Deutschland anfallen. Der Handel kommt auf einen Anteil von nur 4 Prozent. „Das deckt sich nicht mit meiner Erfahrung“, sagt dagegen Martina. Es läge wohl auch am Personal der Märkte, wie viel weggeworfen wird. Sowohl Schulung als auch die Anschauung bei Foodsharing und Co. führe bei den Angestellten oft zu einem Umdenken. Als ich in die Supermarkttonne tauche und glücklich eine Flasche Bier zu Tage fördere, bin ich jedenfalls ermattet von der schieren Masse der Lebensmittel, die man finden kann. Martina und ich räumen noch auf, denn es ist wichtig, dass beim Containern kein Chaos entsteht. „Wir müssen wegkommen von der Wegwerfgesellschaft!“, gibt sie mir noch auf den Weg mit. Mein Fahrradanhänger ist jetzt voller Obst und Gemüse, zu viel für mich allein. Aber Abnehmer werden sich bestimmt finden. *Der Name wurde von der Redaktion geändert.
www.foodsharing.de Fairteiler mit Lebensmitteln, die noch gut sind (gratis)
www.toogoodtogo.de Gerichte aus Restaurants abholen (kostenpflichtig)

Text Benjamin Schaefer Fotos: Bea (privat)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.