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So wohnt Mainz: Seelsorgender Weltenbummler


von Monica Bege | Fotos: Frauke Bönsch

Altgriechische Mythologie neben biblischen Motiven – die epochenübergreifend bestückte Fassade sieht historisch aus, ist aber nicht alt. Im Zweiten Weltkrieg wurde das heute durch eine schmale Gasse vom Café Extrablatt getrennte Gebäude „Markt 5“ vollkommen zerstört. Der einsetzende Wiederaufbau stagnierte jedoch bereits nach der Errichtung des ebenerdigen Betonkubus. Erst Anfang der 90er Jahre fanden auch die oberen vier Geschosse nach Vorgabe alter Dokumente ihre Vollendung. Das tief heruntergezogene, schieferbedeckte Dach schmiegt sich windschief Halt suchend an das Nachbarhaus. Von den obersten beiden Stockwerken blicken nur zwei Fenster auf den Markt, unter dem größeren prangt ein goldener Phönix. Pfarrer Johannes Merkel blickt von hier auf seine Wirkungsstätte: den monumentalen Mainzer Dom.

Seine Ellbogen ruhen auf einem passgenauen Fensterbankkissen. Sonnengebräunt, leicht zerzauste Haare und gepflegter Dreitagebart – fast schon ein wenig verwegen, passt er so gar nicht in das gängige Bild eines Kirchenmannes. Die Priesterlaufbahn schlägt der gebürtige Wiesbadener nach dem Abitur ein. Bereut hat er sie keinen Tag. „Die positive Zusammenarbeit mit Menschen, den Hoffnungslosen wieder einen Sinn im Leben geben“, so erklärt er die Freude an seinem vielfältigen Beruf. Jederzeit an Ortswechseln interessiert, verbrachte er bereits viel Zeit im Ausland. Eine mehrwöchige Krankenvertretung auf Gran Canaria prägte sein Faible für die kanarische Insel. Andere ferne Länder erschließt er sich über die Mitreise auf Kreuzfahrtschiffen; nicht als Gast, sondern als Seelsorger für Touristen. Die Gottesdienste an Bord werden von einem Pianisten und einer professionellen Sängerin begleitet und wenn Zeit ist, hilft der Pfarrer auch bei Landgängen aus.

Dem Himmel ein Stück näher
Hinter der im engen Seitengässchen versteckten Eingangstür führt ein fensterloser Aufgang zu seiner lichtdurchfluteten Maisonette-Wohnung. Erklimmt man zwei weitere Treppenaufgänge, tritt man durch den Glasaufbau auf die Dachloggia. Die Brüstung ringsherum ist mannshoch. Kleine Auftritte eröffnen eine grandiose Aussicht, die auch gerne von Kamerateams genutzt wird. Hier verbringt Johannes Merkel gerne Zeit mit Freunden, Elektrogrill, Büchern oder einfach nur einer Tube Sonnencreme. Einzig beobachtet von dem gegenüber auf dem Domgiebel balancierenden St. Martin hoch zu Ross. Unter einer Reihe kleiner Dachfenster befindet sich das Schlafgemach – nachts offenbart es den Blick in den Sternenhimmel. Das Tischchen mit flottem Stoffüberwurf neben dem Bett hat seine eigene Geschichte: „Unter dem Tuch stehen unausgepackte Umzugskisten“, Merkel wohnt hier seit drei Jahren und grinst verschmitzt. Die farbenfroh angelegten Wände spiegeln sein heiteres Gemüt wieder. Er mag seine Wohnung, auch wenn sie sich wegen der nach oben hin verjüngenden Zimmer nicht unbedingt zum Schrankaufstellen eignet.
Morgens vermag den 54-Jährigen die Sonne kaum zu wecken, er ist längst zur Andacht unterwegs. Auf dem Rückweg schlendert er über den Wochenmarkt und greift – sagt ihm der Mittagstisch im nahe gelegenen Erbacher Hof mal nicht zu – nach erfolgreichem Einkauf selbst zum notwendigen Küchenutensil. Er liebt alles, was mit Käse überbacken ist. Aber vom Frühjahr bis zur Sonnenwende kommt reine kulinarische Freude auf und Merkel gesteht: „Ich könnte mich bis dahin ausschließlich von Spargel ernähren – auch wenn ich eigentlich zu faul zum Schälen bin.“

Pop, Primiz und Predigt
Das Cembalo auf der Galerie zupft er gelegentlich an, mehr noch liegt ihm der Gesang. Von Kindesbeinen an bis zum vierten Studiensemester singt er in verschiedenen Chören. Sein Musikgeschmack ist klassisch, lässt aber neben Mozart und Bach auch Silbermond und Andrew Lloyd Webber zu. Ansonsten ist der Haushalt sakral geprägt: Neben einem alten, hölzernen Altar mit Kerzen, Kelchen und Kreuz steht ein kniehohes Figurenpaar mit Merkels Namenspatron: die Taufe Jesu durch Johannes den Täufer. „Das war ein Geschenk zur Primiz, meiner ersten Messe, die ich nach der Priesterweihe 1983 als Hauptzelebrant hielt“, und fügt scherzend hinzu, dass dies so etwas wie die Hochzeitsnacht des Priesters sei. Seine Predigten bereitet er am Notebook vor – zu Hause, im Dom oder im Bischöflichen Ordinariat. Schreibblockaden geht er mit Spaziergängen am Rhein aus dem Weg oder er lässt seinen Gedanken beim Blick auf den Markt freien Lauf. Von Sammelleidenschaft zeugen viele Bücher in den Regalen und die mit kleinen, vornehmlich gelben Klumpen gefüllten Glasgefäße: Weihrauch, ein kostbares Harz. Manchmal verglimmen hier ein paar dieser Körnchen und Johannes Merkel genießt den aromatisch duftenden Rauch außerhalb der Liturgie mit Erinnerungen an ferne Länder und Abenteuer.