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So wohnt Mainz: Beste Aussichten in der Rheinallee

Geräumige Dachterrasse mit Blick auf die Christuskirche

Wer Oliver Valentin in der Neustadt besuchen will, braucht Ausdauer und gesunde Knie. Mit 110 Stufen über Normalnull dürfte er über eine der höchstgelegenen Altbauwohnungen von Mainz verfügen. Mit seiner Frau Steffi Zendel bewältigt er die Fitnessübung seit über 30 Jahren, und allmählich macht das Ehepaar sich auch Gedanken über Alternativen. Das „Gefühl von Freiheit“ über den Dächern der Stadt – auch wenn gegen Abend die Lichter angehen – möchte der 55-Jährige aber vorerst nicht missen. Und in der Tat kann man den Blick kaum abwenden – auf Augenhöhe mit den Kirchtürmen ringsum. Für die vierbeinigen Mitbewohner – den spanischen Migrantenkater Jack und die 17-jährige Katze Lotta – bedeutet das auch Freigang über deutsche Dachpanoramen.

Weite Couch-Landschaft mit Kunst im Visier

Lauer Straßenlärm
Den einen schrägen Ton im täglichen Glockenspiel der nahen Christuskirche (Neustädter wissen, was wir meinen) hat er schon fast liebgewonnen – im Gegensatz zum Lärm der Rheinallee, der hier oben leider genauso dröhnt wie auf Straßenniveau. Vor allem über nächtliche Raser regt er sich gerne mal auf, die jedoch seit Tempo 30 in der Innenstadt zumeist der Vergangenheit angehören. Kein Wunder, dass das Ehepaar auch deswegen über eine Wohnung am Stadtrand nachdenkt, z. B. bei den Feldern in Hechtsheim, denn Steffi läuft dort gerne. Wenn Parterre, dann aber mit Garten, so Oliver. Er wünscht sich nämlich einen Hund. Zudem ist er der Familiengärtner der Dachterrasse, die mit Sonne von morgens bis abends und viel Wind ständiges Wässern erfordert. Eigene Olivenbäume überwintern in einem Gewächshaus, die diesjährige „Ernte“ ist eingebracht. Als ob sechs Stockwerke nicht genug wären, wurde vor Jahren der Dachboden ausgebaut, und zu den 90 qm mit den ehemaligen kleinen Gesindezimmern kamen 35 dazu – und noch einmal 10 Stufen. So entstand eine Maisonettewohnung. Der kleinteilige Grundriss des unteren Teils (vermutlich ein ehemaliges Gesindezimmer) wirkt mit zweckmäßiger klarer Möblierung, viel hellem Holz und wenig Krimskrams übersichtlich. Auch das „unmögliche Möbelhaus aus Schweden“ ist mit dabei. Eine Etage höher wurde mit einer Couch-Landschaft großzügiger eingerichtet und man hat schließlich im Schlafzimmer den Gipfel des Hauses über sich. Außer Frage, dass viele Zimmer schräge Decken haben.

Treffpunkt unter dem “einsamen Mädchen”

Job bei der Stadt
Die Stadt Mainz und ihre „Akteure“ dürfte der gebürtige Mannheimer so gut kennen wie kaum ein anderer, denn er ist der Mann im städtischen Hauptamt für die öffentlichen Veranstaltungen unter freiem Himmel. Ob „Mainz lebt auf seinen Plätzen“, Johannisnacht, Straßenkünstler oder Tag der deutschen Einheit – Oliver kümmert sich um alles, was gebraucht wird, vom Sicherheitskonzept bis zur Toilettenanmietung. Dabei hilft ihm seine Erfahrung in der Eventagentur „Eventagent“, die einer Branche, die im Moment ziemlich darniederliegt. Aber 2021 gibt es wieder eine Johannisnacht, hofft er, die Planung ist allerdings schwierig. Oliver Valentins Frau leitet die VHS in Rüsselsheim, und dann gibt es noch zwei erwachsene Kinder, die auf eigenen Füßen stehen.

 

 

Kunst-Interesse
Wer in der Stadt viel herumkommt, dem fallen irgendwann die „traurigen Mädchen“ auf, die als stilvolle Graffiti so manche Mauern zieren. So lernte auch Oliver den Künstler kennen (der nach wie vor anonym bleiben möchte), kaufte Bilder und hilft ihm dann und wann. Ein weiterer Künstler, der es ihm angetan hat, ist der Fotograf Luigi Toscano, auch er mit einem Faible für Präsentationen in der Öffentlichkeit. Zwei Porträts von Auschwitz-Überlebenden hat er erworben, wobei es ihm bei allem Ernst des Themas auch auf den Ausdruck von Lebensmut in den Gesichtern ankam. Und die Neustadt? Für Oliver das „Klein-Berlin“ von Mainz, der interessanteste und lebendigste Stadtteil. Zwei- oder dreimal geht es aber auf Reisen nach Italien oder Frankreich. Am Lago de Bolsena bei Rom stand schonmal der eigene Wohnwagen. Heute ist die Familie mit dem Wohnmobil unterwegs, Mountainbikes immer mit dabei. Ansonsten schätzt er vor allem aber das Carsharing – und natürlich das Fahrrad, für ihn das Corona-Fahrzeug der Zukunft.

Text Minas Fotos Marla Dähne

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