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Mainz im Rausch der Klimadebatte – Zeigt der Notstand Wirkung?

@ Vagabunt

Das Thema „Klimawandel“ ist in aller Munde und macht auch vor uns nicht halt: Während die Jahre 2015 bis 2018 weltweit die heißesten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen vor 230 Jahren waren, berichteten auch lokale Bauern im letzten Jahr von Ernte-Einbußen, der Rhein führte Niedrigwasser und die Feuerwehr warnte vor erhöhter Waldbrandgefahr. Im Zuge der weltweiten Bewegung konnte sich auch der Mainzer Stadtrat nicht mehr sperren und beschloss Ende September den „Klimanotstand“ für Mainz.

Der Begriff „Klimanotstand“ in diesem Sinne meint keinen Notstand, sondern bedeutet „lediglich“, dass Verwaltungen erklären, dass es eine Klimakrise gibt und dass sie Maßnahmen ausarbeiten, die versuchen, die globale Erwärmung aufzuhalten. Im besten Fall soll bei sämtlichen Beschlüssen drauf geachtet werden, dass sie dem Klima eher zu- als abträglich sind. Weite Teile der Stadtverwaltung sind zwar der Meinung, dass mit dem Masterplan 100% Klimaschutz, dem Masterplan M3 Green City und dem Klimprax-Projekt bereits gute Grundlagen erfüllt sind. Dennoch beschloss man weitere neun Maßnahmen: etwa bis 2035 klimaneutral zu werden, sämtliche Beschlussvorlagen klimamäßig zu kennzeichnen, eine Solarsatzung zu erlassen, das Baurecht zu überprüfen und die Mobilitäts- bzw. Verkehrswende weiter voranzutreiben. Es bleibt die Frage, ob die Verwaltung sich auch wirklich darauf einschießt oder ob es sich um reine Symbolpolitik handelt. Im aktuellen Stadtrat mit einer großen Grünen-Fraktionen und weiteren klimafreundlichen Parteien ist zumindest eine gute Mischung – auch für derartige Mehrheiten – gegeben.

Zu heiß zum Wohlfühlen
Um den Stadtrat gebührend zu informieren, wurden vor die Klima-Sitzung im September acht Redner aus verschiedenen Bereichen geladen, vorgeschlagen von den Stadtratsfraktionen. Eine der Rednerinnen war Dr. Eva Riempp vom Geographischen Institut der Johannes Gutenberg-Universität: „Wenn man Ihnen einen Liegestuhl in die Hand drückt und Sie fragt: Wo wollen Sie sich hinlegen: auf einen Parkplatz oder auf eine Wiese? Dann wird niemand den Parkplatz wählen!“, ärgert sich Riempp über klimaschädliche Aktionen der Stadt, insbesondere was Fächenversieglung statt Begrünung angeht. Ein prominentes Beispiel hierfür ist die kürzlich eröffnete „Bürgerfläche“ auf der Südmole des Zollhafens. Zubetoniert und gepflastert biete sie nur wenig Aufenthaltsqualität. Aber auch das gesamte Campusgelände gerät ins Visier der Wissenschaftler. Gemeinsam mit Dr. Julia van Lessen fragte sich Riempp im Rahmen des Projekts „Freiraum Campus“, wie dieser aussehen muss, damit Studierende sich wohlfühlen: „Viele derzeitige Umgestaltungen sind durch eine starke Versiegelung und geringe Nutzung gekennzeichnet“, stellt Eva Riempp fest. Nimmt man den Eingangsbereich der Uni: Wo früher auf Rasenflächen Studierende und Mitarbeiter picknickten, im Gras lagen oder Frisbee spielten, sieht man heute eine Betonfläche mit deutlich weniger Bäumen und Wiesen: „Der Platz erfüllt nur noch eine Funktion als Haltestelle und Durchgangsort. Aber wir wissen alle, dass niemals 500 Leute gleichzeitig aus einem Bus aussteigen und sich auf den Weg Richtung Campus machen.“ Ähnliche Architektur findet sich vor dem Georg-Forster-Gebäude, der Hochschule für Musik und dem Forum. Die Befragungen der Wissenschaftler zeigen, dass die Menschen, die täglich auf solchen Plätzen unterwegs sind, sich andere Dinge wünschen: „Um sich auszuruhen oder arbeiten zu können, braucht es Pflanzen, Bänke mit Rückenlehnen, Tische, Steckdosen und weniger Verkehr“, erläutert van Lessen. Ein wichtiger Faktor sei auch die Beschattung durch Bäume. Sie senken das empfundene Temperaturniveau vor allem an Hitzetagen.

Helge Simon, Julia van Lessen und Eva Riempp (rechts) vom Geographischen Institut der Uni Mainz

Alles nur Gefühle?
Was macht, dass Menschen heiß wird, weiß Riempps Kollege Dr. Helge Simon: „Das thermische Empfinden ist mehr als nur Lufttemperatur. Auch Windgeschwindigkeit, Luftfeuchte und Sonneneinstrahlung spielen eine große Rolle.“ Werden Flächen versiegelt, etwa durch Gebäude oder asphaltierte Straßen, führt das nicht nur dazu, dass kein Regen in den Boden eindringen kann, sondern auch zu Hitzebildung. Die Ergebnisse der Klimasimulationen, die Simon für das „Freiraum Campus“-Projekt durchführte, zeigen: Schon minimale Eingriffe wie Asphaltierungen können einen Temperaturanstieg um gefühlte 9 Grad bedeuten: „Bei 21 Grad fühlen wir uns wohl, bei 30 Grad aber nicht mehr.“ Für diesen Unterschied brauche es daher vor allem: „Mehr Bäume und weniger Flächenversiegelung!“ Das Vorgehen auf dem Campus sei auf die Stadtplanung übertragbar: „Wenn ein Platz oder eine Straße umgebaut werden soll, wird eine Ausschreibung gemacht, um die sich Planer mit Entwürfen bewerben – Bürgerbeteiligungen finden, wenn überhaupt, oft zu spät statt. Wir müssen diesen Prozess umkehren und zuerst die Menschen fragen, die den Platz täglich nutzen: ‚Welche Gestaltung wünscht und braucht ihr?‘ Dann haben Architekten diese Befragungsergebnisse umzusetzen“, sagt Riempp. „Macht man Stadtplanung für den Menschen, macht man sie automatisch auch für das Klima.“ Das Trio fordert daher, für jede Bauplanung vorher eine Klimasimulation durchzuführen. „Natürlich gibt es hier keine Patentlösung“, weiß Simon. Bäume und Entsiegelung seien auch nicht immer nur der Königsweg. „Und viele Planer antworten darauf auch, dass das Zeit und Geld kostet. Das stimmt. Aber diese Zeit und Gelder muss nicht die Stadt aufbringen. Es würde reichen, wenn die Stadt in ihren Ausschreibungen Klimaverträglichkeit und die Ergebnisse einer Klimasimulation fordert. Die Architektenbüros haben das dann im Portfolio und werden entsprechende Maßnahmen mitdenken, weil sonst ihr Entwurf durchfällt.“

Wo die Abkühlung herkommt
Eine gute Vorarbeit, die die Städte Mainz und Wiesbaden in den vergangenen Jahren geleistet haben, ist das „Klimprax“-Projekt. Das Projekt des Hessischen Landesamts für Umwelt und des Deutschen Wetterdienstes beschreibt das jetzige und zukünftige Klima in beiden Städten und gibt Auskunft darüber, wo kalte Luft entsteht und wo sie hinfließt. Die Ergebnisse sind alarmierend: Wenn nichts geschieht, drohen Mainz bis zu dreißig heiße Tage über dreißig Grad pro Jahr und ebenso viele „Tropennächte“ über zwanzig Grad. Was bis 2000 eine absolute Ausnahme war, könnte ab 2030 zur Regel werden. Das sei vor allem für alte Menschen und Kleinkinder gesundheitsgefährdend, betont auch Umweltdezernentin Katrin Eder (Grüne). Schon im letzten Jahr teilte die Mainzer Unimedizin mit, dass aufgrund der Hitze mehr Patienten in die Notaufnahme kämen als sonst. Doch das „Klimprax“-Projekt warnt nicht nur, es zeigt vor allem Lösungen auf. Die Studie hilft zu verstehen, dass Kaltluft zumeist auf Frei- und Grünflächen entsteht – vor allem außerhalb der Stadt. Aufgrund des Höhenunterschieds zwischen der Innenstadt und den umliegenden Hügeln und der Tatsache, dass kalte Luft schwerer ist als warme, fließt kalte Luft nachts stadteinwärts. Man spricht hier von Frisch- oder Kaltluftschneisen, unbebauten Talsystemen, die wie ein riesiges Ventilationssystem funktionieren. Die wichtigsten Mainzer Kaltluftschneisen verlaufen über das Gonsbachtal, die Draiser Senke, das Wildgrabental, Kessel- und Aubachtal sowie aus Richtung des Ober-Olmer Waldes. Baut man auf Kaltluftentstehungsgebieten, entsteht weniger kalte Luft. Baut man zu nah an ihnen, hält man ihren Fluss Richtung Innenstadt womöglich auf – fatal für Temperatur und Luftverschmutzung in der Stadt.

Umweltdezernentin Katrin Eder (Grüne) will mehr Grün und Flächen-Entsiegelung in Mainz

Wohnen vs. Klima
Durch das stetige Wachsen der Stadt werden die Freibereiche und Kaltluftschneisen gefährdet. „Es findet gerade ein Überbietungswettbewerb statt, was ums Stadion oder zwischen Hechtsheim und Ebersheim alles entstehen könnte“, sagt Umweltdezernentin Eder. Wohnbebauung, Gewerbe, Park-and- Ride – das alles sind legitime Anliegen einer wachsenden Stadt: „Als Umweltdezernentin möchte ich aber appellieren, nochmal innezuhalten. Wir drehen sonst den Leuten in der Innenstadt die Luft ab“, warnt Eder. Viele Interessen stoßen bei diesem Thema also aufeinander. Im Zuge des wachsenden Wohnbedarfs brachte Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) auch einen neuen Stadtteil nahe Hechtsheim ins Gespräch. Hier verläuft aber über Agrarflächen eine Kaltluftschneise. Der Hechtsheimer Ortsbeirat fordert deshalb, auf die Planung eines neuen Stadtteils in der Hechtsheimer Gemarkung zu verzichten. Und: Klima hört nicht an der Landesgrenze auf: Ein breiter Kaltluftstrom nach Mainz kommt vom Wiesbadener Ostfeld über den Rhein in die Neustadt. Doch auch dort hat die Stadt Wiesbaden Pläne für ein Neubaugebiet mit fünfstöckigen Gebäuden, in denen bis zu 10.000 Einwohner unterkommen sollen. Das Mainzer Amt für Stadtentwicklung warnt, dass sich das Planungsgebiet Ostfeld-Kalkofen fast vollständig mit dem Quellgebiet für Frischluft deckt. „Natürlich muss mehr Wohnraum geschaffen werden“, sagt Eva Riempp von der Uni, „aber vielleicht geht das auch mit alternativen Ansätzen.“ So werde häufig außer Acht gelassen, dass in den letzten zehn Jahren die Flächennutzung pro Person gestiegen ist. Schuld daran sei unter anderem der Anstieg der Mieten: „Ziehen die Kinder oder ein Partner aus, wird die Wohnung oft behalten, da neue kleinere Wohnungen jetzt deutlich teurer geworden sind.“ Riempp fordert, dass Menschen, die nach weniger Wohnraum suchen, politisch unterstützt werden müssen, wenn sie sich den aktuellen Marktpreis nicht leisten können. Auch das Thema Verkehr und Mobilität spielt in die Diskussion mit hinein. Helge Simon sieht das derzeitige Verkehrskonzept als Klimafeind Nummer eins: „Enorm viel Raum in der Stadt wird von Blechkisten eingenommen.“ Viele Autos stünden mehr auf Parkplätzen herum, als sie zum Fahren verwendet würden. Zudem säße in vielen nur eine Person. „Ich sehe beim Verkehr ein noch größeres Potenzial, Stadtklima zu gestalten.“ Ein Verkehrskonzept, dass sich auf den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, Fahrräder und Fußgänger stütze, löse viele Probleme auf einen Schlag: „Hätten wir weniger Autos, hätten wir mehr Freifläche, weniger Lärm und weniger Luftverschmutzung.“

Ein Masterplan soll her
Die Handlungsempfehlungen für Mainz sind klar: Frischluftschneisen müssen freigehalten werden, es braucht Kühlinseln wie Brunnen und Wasserspiele und „vor allem Begrünung“: Bäume, Dach- und Fassadenbegrünung, weg mit den Schottergärten, fordert auch Umweltdezernentin Katrin Eder. Zudem sollte dichte und zu hohe Blockbebauung vermieden werden: „Und wenn wir uns doch darauf verständigen, etwas zu bauen, dann müssen die Regelungen verschärft werden“, sagt sie mit Blick auf den Anteil der Fläche, der versiegelt werden darf. Die Baustelle in der Großen Langgasse stellt für Katrin Eder ein gutes Beispiel für aktiven Klimaschutz und die Verkehrswende dar: Zum einen, weil der motorisierte Individualverkehr zurückgedrängt und mehr Platz für Fußgänger geschaffen wurde. Zum anderen, weil Beete angelegt, Fläche entsiegelt und alte Bäume geschützt wurden. Im kommenden Jahr will sie die Grünsatzung verschärfen, so dass der Geltungsbereich für Dachbegrünung auf alle Stadtteile ausgedehnt und es Investoren erschwert wird, sich von dieser Verpflichtung „freizukaufen“. Eine große Verantwortung liege auch bei Bund und Land. Es reiche nicht, nur Klimaziele zu vereinbaren. Die Bundesregierung müsse den Mut aufbringen, auch Maßnahmen durchzuführen, die „weh tun“. Zu viele Maßnahmen, die dem Klimawandel entgegenwirken, gelten immer noch als „freiwillige Leistungen“ und können aufgrund der hohen Verschuldung der Stadt nicht finanziert werden: „Vom Bäumepflanzen über Radwege bis hin zu Gebäudestandards: immer müssen wir zu irgendwelchen Finanztricks greifen oder mit Sicherheit argumentieren. Es ist zum Verzweifeln“, so Eder. Immerhin fördert der Bund sogenannte Masterpläne. Der „Masterplan 100 % Klimaschutz“ setzte sich schon 2016 zum Ziel, Mainz zum Jahr 2050 klimaneutral zu machen. In diesem Zeitraum soll der Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen um 95 Prozent reduziert und der Energieverbrauch im Vergleich zu 1990 halbiert werden. Man ist auf dem Weg.

Theresa Gemke ist eine der Organisatoren von “Fridays for Future”. Bis zu 10.000 Menschen gehen hier auf die Straßen

Der Notstand
Für die Bewegung „Fridays for Future“ reichen die Maßnahmen aber noch lange nicht. „Es gibt zwar Pläne, aber die sind erstens nicht ambitioniert genug und zweitens werden sie auch nicht besonders gut umgesetzt“, sagt Theresa Gemke. Zusammen mit acht anderen Jugendlichen organisiert sie die Mainzer Ortsgruppe von „Fridays for Future“. „Natürlich ist vieles Bund- oder Ländersache. Aber wir sind an einem Punkt angekommen, an dem jede Person und jede Stadt zählt. 2050 ist eigentlich schon zu spät!“, sagt Gemke mit Blick auf den „Masterplan 100 % Klimaschutz“. Sie zeigt sich daher erfreut über die Ausrufung des Klimanotstandes für Mainz: „Es kann der erste große Schritt sein. Aber es kommt nun auf die Umsetzung an. Ziele und Versprechen hören wir oft.“ Und auch Helge Simon weiß: „Wir sind an einem Scheideweg angekommen. Die Frage ist, ob wir den Moment nutzen. Hier aufzuhören, wäre ein Fehler.“

Nora Cremille
Fotos: Stephan Dinges

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