| | Kommentare deaktiviert für Flüchtlinge in Mainz: Am Pranger

Flüchtlinge in Mainz: Am Pranger

_MG_8262_bearb_web
von Bernd Fabritius, Fotos: Katharina Dubno

Dass Flüchtlinge in Mainz nicht immer willkommen sind, haben vor kurzem Proteste von Bürgerinitiativen gezeigt. Viele Bürger ignorieren lieber menschliche Tragödien.
Das Lächeln von Shah Ruh Khan begleitet den 19-jährigen Soleman Nazari seit der Kindheit. Allein zwei Poster mit dem Bollywood-Star hängen im Wohnzimmer, weitere fünf in den übrigen Räumen. Nazaris Wohnung ist ein gepflegter Ort der zur Schau gestellten Freundlichkeit. „Shah Ruh Khan lacht, um Menschen glücklich zu machen, und er weint aus Mitleid mit den Armen“, sagt der Teenager, und aus seiner Gestik spricht eine demütige Höflichkeit, wie sie nur jemand verbreiten kann, der eine tiefe Ehrfurcht vor dem Menschlichen hat. Dabei ist Nazari nicht gläubig, und wenn der junge Flüchtling aus Afghanistan seine Lebensgeschichte erzählt, muss man aufpassen, dass man nicht selbst vom Glauben abfällt.

Es begann mit einem Familienstreit. Nazari war 14. Bis dahin lebte er in dem Glauben, er sei als Einzelkind bei seinen Eltern aufgewachsen. „Ich erfuhr plötzlich, dass ich bei Onkel und Tante lebte“, sagt er. Seine Eltern und drei Geschwister waren da längst tot. Islamistische Taliban hatten das Familienhaus in Mazar-i-Sharif gesprengt. Nachts. Nazari erinnert sich nicht. Der erst Dreijährige hatte überlebt, weil er im Haus der Tante schlief. Als der Junge die Wahrheit erfuhr, rannte er weg, raus aus Afghanistan. Die Flucht führte ihn über Pakistan nach Indien und den Iran, wo er sich mit Hilfsarbeiten als Automechaniker durchschlug, um die Schlepper zu bezahlen. Über die Türkei gelangte Nazari nach Griechenland, wo der nunmehr 16-Jährige monatelang auf Athener Parkbänken schlief. Bei der Armenspeisung einer lokalen Kirchengemeinde lernte er eine Familie kennen, die den Obdachlosen bei sich aufnahm. Nach fünf Monaten wollte der junge Afghane die Almosen der Familie nicht mehr annehmen, wenngleich keine Hoffnung bestand, in Griechenland Asyl zu bekommen. Da erzählte ihm ein Freund von Deutschland. „Es hieß, dass man dort nicht auf der Straße leben müsse und finanzielle Hilfe bekomme. Da wusste ich: Ich will nach Deutschland“, sagt der Teenager und lächelt schüchtern.

Flucht auf der LKW-Achse
Nazari musste per Fähre von Griechenland nach Italien gelangen. Er kannte die Gefahr. Sein Freund war mittlerweile im Sarg von der Überfahrt zurückgekehrt. Es ist die von Tausenden Verfolgten praktizierte Methode: Um Grenzpolizisten zu meiden, fixierte Nazari seinen Körper liegend und mit Händen klammernd auf der Hinterachse eines Sattelschleppers – ein absurdes Szenario, das die Erste Welt nur aus Kinofilmen kennt. „Es kostet sehr viel Kraft. Zum Glück machte der LKW-Fahrer nach einer Stunde Pause und ich war gerettet. Wenn ich heute daran denke, bekomme ich Angst“, erzählt Nazari und senkt seinen Blick. Wenn LKWs nach der Fähre nicht bald anhalten, verlässt viele Flüchtlinge die Kraft und sie fallen unter die Räder. Im Zug fährt Nazari von Rom aus Richtung Hamburg, bis ihn Polizisten kontrollieren. Er verbringt zwei Nächte in einem Hamburger Asylheim, bevor die Behörden den unbegleiteten Minderjährigen nach Trier überweisen. Dort lernt er im Park die junge Deutsche Jasmin kennen. Sie reden kurz und gehen auseinander. Keiner ahnt, dass sie sich in Mainz erneut begegnen würden. Indes erfährt Nazari aus Afghanistan, dass er Verwandte in Deutschland hat. Eine Tante lebt in Mainz. Durch den Verwandtschaftskontakt darf Nazari die Stadt wechseln. Sechs Monate verbringt der Teenager in Bretzenheim auf der Alten Ziegelei. Er trifft auf Leidensgenossen, die teils seit Jahrzehnten auf engstem Raum leben. Sein kleines Zimmer teilt Nazari mit einem Afghanen und einem Somalier. Dass Nazari rund eineinhalb Jahre später in einer Neustädter Wohnung leben kann, ist nicht nur Ausdruck seines Muts, sondern liegt vor allem an sozialen Kontakten, NGOs, Sozialbetreuern, Behörden und Politikern – in dieser Reihenfolge, mit abnehmendem Anteil.

Anderswo in Mainz kann man indes sehen, dass Flüchtlinge keinesfalls stets willkommen sind – und dass vielen Bürgern der Bezug zu individuellen Flüchtlingstragödien in globalen Krisenzeiten fehlt. Bürgerinitiativen und Kundgebungen haben vor kurzem gegen die Einrichtung weiterer Asylunterkünfte protestiert. Dabei gibt es in Mainz neben der Alten Ziegelei und zwei weiteren Gebäuden nur wenig Platz für Flüchtlinge. Eine weitere Sammelunterkunft öffnet im Dezember am Rande des Mombacher Industriegebiets. Zuvor war in Gonsenheim eine Unterbringung im leerstehenden Hotel Waldhorn verhindert worden. Aus Bretzenheim bekam der Mainzer Oberbürgermeister eine 180-Unterschriften-Liste mit der Forderung: Keine Flüchtlinge im SPAZ-Gebäude!

Von „Belastung“ keine Rede
Die Begründung der Gegner: Das SPAZ-Gebäude müsse eine Kita werden – es gebe zu wenig Kitaplätze. Zudem brächte ein Flüchtlingsheim einen „sozialen Brennpunkt“ und rechtsradikale Aufstände mit sich. Überhaupt sei Bretzenheim bereits mit der Alten Ziegelei „überlastet“. Sozialdezernent Kurt Merkator (SPD) schüttelt den Kopf: „Ginge es nach dem Willen der Bürgerinitiativen oder rechtspopulistischer Organisationen wie ProMainz, dann würden Flüchtlinge nie in einem sozialen Umfeld unterkommen.“

Tatsächlich sind die Beweggründe der Initiativbürger zweifelhaft: Kitaplätze sind im Ort auf absehbare Zeit genug vorhanden. NGO-Vertreter, Flüchtlingshelfer und Politiker meinen, dass es in Mainz keine sozialen Brennpunkte gibt – anders als in Berlin und Köln. Kein Zuständiger erinnert sich an rechtsradikale Übergriffe auf Asylheime in der rund 30-jährigen Flüchtlingshistorie von Mainz. Die Alte Ziegelei liegt weit abseits von örtlichen Wohngebieten, direkt an der B40. Laut Merkator und Ortsteilbürgermeister Wolfram Erdmann (CDU) wissen die meisten Bretzenheimer selbst 20 Jahre nach Einrichtung der isolierten Unterkunft nichts von deren Existenz. Von Problemen oder „Belastung“ keine Rede. Ein Gespräch mit den Notleidenden hat bisher keiner der Initiativbürger gesucht. Die Gegend hinter dem SPAZ-Gebäude ist rund um den Holunderweg geprägt von vierstöckigen Mehrfamilienhäusern mit braunen und weißen Fassaden. Lattenzäune trennen Vorgärten vom gepflasterten Trottoir, grüne Mülltonnen stehen parallel in den Eingängen. Nachfrage bei Ralf und Dagmar Baecker, den Initiatoren der Bürgerinitiative: Was genau werfen Sie den Behörden vor? Was haben Sie gegen die Flüchtlinge? „Wir möchten zu dem Thema nichts mehr sagen.“ Erneutes Bitten um Auskunft. Kurzes Klacken, stumme Sprechanlage. Was sind die wahren Gründe für den Protest? Unwissen? Sozialneid? Fremdenfeindlichkeit? Ist die Gesellschaft nicht mehr empfänglich für die Not hilfsbedürftiger Menschen und schicksalsgeplagter Flüchtlinge wie Soleman Nazari?

„Misstrauen und Egoismus“
Kurt Merkator bemüht sich um Verständnis. Viele Bürger, meist aus der Mittelschicht, fühlten sich lediglich diffus benachteiligt: „Das Misstrauen und der Egoismus sind gewachsen, vor allem seit der Finanzkrise 2008. Das heißt nicht automatisch, dass die Leute politisch rechts stehen.“ Es gehe eher um verbliebene Privilegien, wie Geld für den Urlaub. Wie ist die Lage in Gonsenheim? Der Blick dorthin zeigt, dass im Streitmittelpunkt weniger die Flüchtlinge stehen als vielmehr die Machtkämpfe alteingesessener Anwohner mit den regionalen Politikern. Ein Wettbewerb auf hyperlokaler Ebene, dessen Hauptleidtragende die Opfer globaler Krisen sind. Die Gegend im so genannten Waldvillenviertel rund um das leere Hotel Waldhorn ist ruhig und vornehm. Viele Einfamilienhäuser mit Oberklasse-Limousinen in den Einfahrten. Hier waren bereits zwischen 1994 und 2006 Flüchtlinge untergebracht – zwölf Jahre Routine im Umgang mit Vertriebenen.

Tatsächlich liegen die hiesigen „Erste-Welt-Problemchen“ – wie Neustadt-Ortsvorsteher Nico Klomann (Bündnis90/Die Grünen) sie bezeichnet hat – vom Flüchtlingsleid noch weiter entfernt als Gaza von der Côte d’Azur. Anwohner Bernd König will ohne Anwalt eigentlich gar nichts sagen– der Fall Waldhorn sei juristisch noch nicht entschieden. König gehört der Bürgerinitiative an, die eine erneute Sammelunterkunft verhindern will. Ob er die Not der Flüchtlinge verstehe? Ja, man sehe sie in den Nachrichten. Man müsse denen schon helfen. Warum aber nicht im Waldhorn? „Wir hatten hier früher Lärmprobleme, vor allem im Sommer, als die Flüchtlinge vor dem Hotel saßen.“ Aber im Sommer sitzen Leute gerne draußen, oder? „Naja, außerdem sah ich fremde Leute auf meinem Grundstück und fand öfter Gegenstände“, sagt König. Bis heute seien Politiker nicht auf seine Beschwerden eingegangen. Und er schiebt hinterher: „Es geht nicht um Flüchtlinge, sondern um die Politiker.“

Flüchtlinge als Objekte im Machtspiel
Kann jemand, der Flüchtlinge als Objekte sieht, solidarische Entscheidungen auf der Basis menschlicher Begegnung treffen? Wäre es bei dieser Argumentation nicht schlüssig, wenn niemand mehr den Dialog mit notleidenden Menschen suchte? Dabei konnten einige Bürger ihre Ressentiments im Verhalten der Stadtpolitik bestätigt sehen. Die städtische Öffentlichkeitsarbeit hatte mehrdeutige Wörter wie „Zustrom“ und „explosionsartig“ im Flüchtlingskontext verwendet – und dabei Kritik bei der Menschenrechtskampagne Save Me hervorgerufen. Auch Sammelunterkünfte sind umstritten: Eine Mainzer Diplomstudie kam 2012 zu dem Ergebnis, dass die hiesige Stadtverwaltung in der Wohnungsbaupolitik für Benachteiligte „eine Ausgangssituation“ gefördert habe, die eine „negative Wahrnehmung von Flüchtlingen“ unterstütze – was NGOs wie ProAsyl und Save Me ebenfalls bemängeln. Die Integration ins Gemeinwesen hängt demnach auch vom Verzicht auf Sammelunterkünfte ab – und der weitgestreuten Verteilung auf soziale Wohnungen. Dort sei Gemeinwesensarbeit wichtig: der Kontakt zu Schulen, Vereinen und Glaubensgemeinden, wo sich Menschen auf Augenhöhe begegnen. Gerade hat der Bürgerwiderstand gegen Flüchtlinge der klammen Kommune ein weiteres Problem beschert: Die Angst von Vermietern vor dem Pranger. Wegen des Ungleichgewichts auf dem sozialen Wohnungsmarkt (siehe sensor-Ausgabe 10/13) ist die Stadt teils auf das Anmieten von Privatimmobilien angewiesen. „Bis Oktober haben wir ernsthafte Gespräche mit zwei privaten Vermietern geführt. Es ging um zwei Gebäude, insgesamt 14 Wohnungen für rund 40 Flüchtlinge“, verrät Sozialdezernent Merkator. Nach fortgeschrittenen Gesprächen hätten die Vermieter das Angebot überraschend per E-Mail zurückgezogen. Machtspiele hin, fehlende Dialogbereitschaft her: Sämtliche Proteste und Vorurteile, die Flüchtlingen entgegenschlagen, spiegeln in keiner Weise die Einzelschicksale von Flüchtlingen wider.

Tränen der Trauer und des Glücks
Soleman Nazari trägt ein marineblaues Hemd und sitzt auf dem braunen Kunstledersofa in seinem bescheiden eingerichteten Wohnzimmer. Während er seine Geschichte erzählt, hält er mehrmals kurz inne und senkt den Blick, so als ob ihm die Tränen peinlich sein müssten, die seine braunen Augen zum Glänzen bringen. Es sind Tränen der Trauer – aber auch des Glücks. Denn Nazari hat nach seiner Ankunft in Mainz zufällig Jasmin wiedergetroffen, das deutsche Mädchen aus dem Park in Trier. Sie studiert mittlerweile in Mainz. Fortan steht sie ihm zur Seite: in der Sprache, bei Papierkram und besonders beim Beantragen des Ausländerpasses. Als er den bekommt, hilft Jasmin bei der Wohnungssuche. Nach vier gemeinsamen Besuchen beim Sozialamt erhält der junge Flüchtling eine ersehnte Wohnung in der Neustadt. Weil er nicht von staatlichen Hilfen leben möchte, strebt Nazari danach, die Miete auf absehbare Zeit aus eigener Kraft zu zahlen. Eines Tages, während seines VHS-Deutschkurses, machte Nazari Kaffeepause im naheliegenden Bistro Cubo Negro. Er sprach den Kellner an, er hätte gerne einen Job. „Der Vorgesetzte lud mich für den nächsten Abend zum Probearbeiten ein.“ Nazari wurde eingestellt. Tagsüber lernte er fleißig Vokabeln, abends spülte er Geschirr, hinten in der Küche. Aufmerksam und wissbegierig schaute er dabei den Kollegen beim Kochen zu. Nach vier Monaten traute er sich zu fragen, und der Küchenchef ließ ihn erstmals an den Herd. Später soll er zu Nazari gesagt haben, dass er das Gericht selbst nicht besser hätte zubereiten können.