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Die neue „Bio-Pforte“: Mut und Tatkraft in der Krise

Einheimische Lieblingsstücke – vielfältig, regional und Bio.

Das neu eröffnete Bio-Lädchen in der Mainzer Jakobsbergstraße Nähe Weinhaus Michel ist fast sowas wie ein Hofladen in der Stadt. Gegründet von Bio-Bauer Ludger Schreiber aus Klein-Winternheim präsentiert es „einheimische Lieblingsstücke“ – die Unterzeile des Ladennamens – also: so viel Regionalität wie möglich. Ludgers Frau Désirée, die neben ihrem Beruf als Bauingenieurin fürs Hofmarketing zuständig ist, verrät: „Die Räume wurden uns angeboten und im August letzten Jahres begann die Planung.“ Trotz Corona wurde der Laden im März eröffnet. Ludgers Schwester Daniela öffnet an drei Tagen die Woche: Donnerstag und Freitag von 10 bis 18 Uhr, samstags von 8 bis 15 Uhr. „Es gibt schon jetzt Stammkunden“, freut sich Daniela.

Eier-Automat: frisch rund um die Uhr.

Eier von glücklichen Hühnern
Der Schwerpunkt liegt bei den hofeigenen Produkten. Der Schreiber´sche Hof „An der Bio- Pforte“ ist in der Region bekannt für das Hühnermobil – auf rheinhessisch „Hinkelschlofstubb“ genannt. Die fahrbaren Ställe mit Schlafplätzen und Legenestern wechseln nach Bedarf den Standort. Drumherum wird ein Zaun gezogen, die Hühner können im Freien scharren und picken. Fünf solcher „Mobilheime“ versorgten bislang Gastronomie und die „Eierkiste“, den Verkaufsautomaten an der Pariser Straße in Klein- Winterheim. „Um auch den Laden mit Eiern zu versorgen, haben wir ein weiteres Hühnermobil angeschafft“, sagt Ludger. Neben den Legehennen leben auch Gockel auf dem Bioland-Betrieb. „Etwa 600 Bruderhähne ziehen wir jedes Jahr auf.“ Im Laden gibt es also auch Geflügelfleisch – ein Beitrag gegen das grausige Schreddern der männlichen Küken.

Vielfalt vom Hof
Noch weitere Mitbewohner des Bioland-Hofs sind ungewöhnlich: Eine kleine Herde Rinder weidet auf Flächen des Biobetriebs. „Acht Mutterkühe mit drei Kälbern. Black Angus und Braune“, sagt Ludger. „Unser Ziel ist es, viermal im Jahr schlachten zu können.“ Das Fleisch wird, portionsweise eingeschweißt, ebenfalls über die „BioPforte“ vermarktet. Ebenfalls vom eigenen Hof stammen Apfel- und Traubensaft sowie Nudeln aus BioPforte-Eiern, produziert von einem Hersteller bei Worms, in Bioland- Qualität, versteht sich.

Aus der Region
„Unsere Lieferanten sind meist auch die Hersteller der Produkte“, sagt Ludger. In den Regalen stehen Wurst von der „Duppewutz“ aus der Bio-Schweinothek Gau-Bickelheim sowie Bio-Eistees aus Mainz. Weine kommen von drei regionalen Weingütern, eines davon stellt auch Essige her. Biere stammen von der Braumanufaktur Sander aus Worms. Eine Bio-Erzeugergemeinschaft liefert die „Landmacher“ Produkte wie Mehle, Maisprodukte, Hülsenfrüchte, süße Aufstriche, und, und, und… „Das Angebot wird sich vergrößern“, verspricht Daniela.

Ludger Schreiber ist Bio-Bauer
aus Überzeugung.

Bio-Bauer mit Ideen
Ludger Schreiber ist Bauer in der dritten Generation, seinen Hof in Klein Winternheim bewirtschaftet er nach den Richtlinien von Bioland. „2012 habe ich meinem Vater die Pistole auf die Brust gesetzt.“ Er wollte die Landwirtschaft gerne weiterführen, aber Bio sollte es unbedingt sein. Vier Jahre später hat Vater Schreiber seinem Sohn den Hof überschrieben und Ludger konnte seinen Traum von vielfältiger Öko-Landwirtschaft in die Tat umsetzen. Zwei Mitarbeiter unterstützen den dynamischen Bauern auf seinem Betrieb. Im Hauptberuf ist er jedoch Gartenund Landschaftsbauer mit 14 Angestellten: „Das ist momentan noch der Haupt-Broterwerb.“ Aber seine Zukunft sieht er in der biologischen Landwirtschaft. An Ideen mangelt es nicht. „Wir probieren sehr viel aus“, lacht Ludger, „aber mein Lehrgeld-Konto ist schon ziemlich voll.“

Bio-Hauslieferung boomt
„Die Corona-Krise hat übrigens einen Boom bei der Haus-Lieferung ausgelöst!“, sagt auch Dieter Letscher, Einkäufer beim Naturkosthändler NOVUM: „Wir haben 60 Prozent mehr Kunden als zuvor“. Andererseits: „Unsere Anbauer müssen auch in der Lage sein, mitzuziehen.“ In einer Zeit, da „bleib daheim“ die Devise ist, nutzen zahlreiche Novum-Neukunden das Angebot, sich das frische, regionale Biogemüse im Abo liefern zu lassen. Und sie schätzen das umfassende Naturkostsortiment, das über den Online-Shop von NOVUM bestellt werden kann. Seufzend gesteht er: „Eigentlich haben wir zu viele Anfragen.“ Der Großhandel und die Erzeuger wurden überrannt. „Es konnte sich ja keiner vorbereiten.“ Auf die Frage „warum dieser Bio-Boom entstanden ist, haben wir keine Antwort.“ Den Trend, jetzt daheim Brot zu backen, konnte auch er beobachten. Mehl war auch bei NOVUM oft ausverkauft. Die Vorlieferanten kamen kaum nach. „Hefe haben wir früher 20 bis 30 Päckchen pro Woche verkauft, jetzt sind es Tausend. Der Umsatz mit Brotbackmischungen hat sich verzehnfacht.“ Letscher rechnet jedoch nicht damit, dass „nach Corona“ jeder Neukunde auf Dauer dabeibleibt. Aber Vorhersagen wagt er nicht. Wer weiß…
www.biopforte.de
www.novum-gemueseabo.de

Ulla Grall
Fotos: Stephan Dinges

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