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Der König der Gitarren – Music Shop Liebrechts neuer Inhaber

von Elif Urel / Fotos: Katharina Dubno

Wer hier eintritt, betritt eine Welt mit eigenen Regeln. Die wichtigste davon lautet: Lass den Shit draußen! Es ist ein nahezu heiliger Ort, den er hütet und bewacht: Christoph Brandt. Wie ein Wächter wirkt der 49-Jährige aber keineswegs in seiner Jeans samt dunkelblondem Schopf, sondern eher wie ein großer Bruder. Seit einem Jahr ist er der neue Inhaber des 42 Jahre alten Gitarrenladens in der Franziskanerstraße.

Der einstige Chef Rainer Liebrecht befindet sich nun im Ruhestand. Komplett neu ist er aber nicht, denn Christoph gehört seit 26 Jahren zum Inventar: „Mein Weg hierher ist dem Zufall geschuldet – wie so oft im Leben. Eigentlich sollte ich damals bei Schallplatten Dornhoefer anheuern. Dann erzählte mir aber ein Kumpel, dass hier einen Azubi gesucht wird. So begann ich am 1. September 1989 meine Lehre als Kaufmann im Einzelhandel.“ Sein Chef wusste damals genau, wen er sucht. Eines sollte der Neue besonders gut können: mit Menschen umgehen.

Geschützter Raum

Die Kunden sind so vielfältig wie die Gitarren, die hier zum Verkauf stehen. Ein jeder, der den Laden betritt, hat seine eigene Geschichte, Herausforderung und Musik, die ihn antreibt – vom Profimusiker über den Musikstudenten und Gelegenheits-Klampfer bis hin zu Großeltern, die ihren Enkeln einen Klang-Gefährten schenken möchten. Christoph Brandt begleitet manche Menschen schon ihr ganzes Musiker-Leben lang: „Ich kann das gut, denn ich bin selbst Musiker. Ich komme aus einer Musikerfamilie. Mein Vater war Chorleiter und Pi  Pianist und meine Oma Kammersängerin. Ich bin mit Klassik groß geworden.“

Worauf es neben der Hingabe zur Musik aber vor allem ankommt ist Aufmerksamkeit und ein offenes Ohr, sowohl für alltägliche Sorgen als auch für individuelle Klänge. Profi-Kunden füllen schon mal mit einem Gitarren-Solo den ganzen Raum. Aber nicht nur sie sind willkommen: „Hier werden alle Gitarristen-Klischees erfüllt. Wir haben den jungen Schüler, der seine Freundin beeindrucken will, wie auch den ‚Stairway to Heaven‘-Virtuosen. Ich will, dass die Menschen hier eintauchen. Das ist ein geschützter Raum. Der Stress bleibt bitte draußen“, lächelt er und geht zum nächsten Kunden.

Lokale Marken statt großer Namen

Wer bei Music Liebrecht den rauen Ton einer „Fender-Telecaster“ anstimmen oder im warmen Gesang einer „Les Paul“ schwelgen möchte, wird enttäuscht sein. Die üblichen Gitarren-Verdächtigen Martin, Taylor, Gibson und Fender gibt es hier nicht. „Das liegt hauptsächlich daran, dass wir einheimische und europäische Marken unterstützen möchten, vor allem die kleinen Hersteller. Da gibt es mindestens genauso gute Produkte. Außerdem schreiben die großen Firmen vor, wie viel ich pro Monat zu verkaufen habe. Das mache ich nicht mit und so kann ich auch gegen Internet-Riesen wie das ‚Musikhaus Thomann‘ bestehen.“

Unterstützung erhält er von zwei alten Weggefährten: Joy bedient die E-Gitarrensparte und Tommy kümmert sich um Reparaturen aller Art. Ein eingespieltes Team – nicht zuletzt weil sie schon zusammen in einer Band gespielt haben. Das schweißt zusammen.

Leben für den Augenblick

Im Tagesverlauf tummeln sich verschiedenste Musiker im Geschäft. Hier erklingt ein Bossa-Nova, da ein paar Akkorde, oder hinten einfach nur ein Hintergrund-Gemurmel. Christoph Brandt schließt seine Augen: „Es ist dieser Augenblick, den ich so liebe. Wenn die Luft vibriert durch die Klänge. Wenn Leute gedankenversunken spielen, Fachgespräche fließen und sich alles stimmig anfühlt. Diesen Augenblick nehme ich am Ende des Tages mit.“

Dabei ist es kein leichtes Schicksal, das ein Gitarrist heutzutage im Koffer mit sich herumträgt. Als Teenie wagt man sich an die ersten Akkorde großer Namen heran, ist ewig unglücklich in die Unerreichbaren verliebt und verdammt sich freiwillig zur Isolation im Jugendzimmer, nur um den einen Song perfekt spielen zu können. Wer diesen süßen Musiker-Schmerz kennt, weiß, was Sache ist. Und der weiß, was er hat, wenn er oder sie sich durch die Ladentür wieder zurück in den Alltag verabschiedet.

Foto: Katharina Dubno

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