| | Kommentare deaktiviert für Wenn Text zum Bild wird – Die Mainzer Kalligrafin Pamela Stokes

Wenn Text zum Bild wird – Die Mainzer Kalligrafin Pamela Stokes

von Ulla Grall und Katharina Dubno (Fotos):

“Ich werde immer weiterzeichnen“, sagt die Dame im Sessel lächelnd. Pamela Stokes ist Schriftkünstlerin. Ihre Kalligrafien visualisieren Gedichte und Zitate, sowohl in deutscher Sprache als auch in Englisch. Die Kunst des Schönschreibens hat es ihr angetan. Und: „Ich liebe deutsche Gedichte“, so die 92-jährige. Eine Menge Gedichte kennt sie auswendig und setzt sie in ihrer Arbeit um.

In ihrem Senioren-Appartement hängt jedoch kein einziges der Originale: „Ich habe hier von morgens bis abends Sonne, da würden die Farben zu schnell verblassen.“ Ein vergrößerter Druck ist das einzige, was zu sehen ist, und natürlich reihenweise Bücher über die Kunst des schönen Schreibens.

Schreibfedern aus Balsaholz

Neben dem Schreiben mit Tusche und Pinsel oder metallener Feder hat Stokes eine Technik entwickelt, bei der sie ihre „Schreibfedern“ aus dünnen Balsaholz-Plättchen selbst herstellt und die Schrift anschließend mit Aquarellfarbe aufs Papier bringt. Das leichte, saugfähige Balsa lässt sich mit mehreren Farben nebeneinander einfärben. So entsteht eine subtile Farbigkeit der Schrifttypen, die häufig den Hintergrund des eigentlichen, ebenfalls kalligrafierten Gedichtes oder Zitats bilden.

„Die Kombination von Farbe und Schrift transportiert die Emotion des Textes. In dieser Art, Schrift zu schreiben, bin ich die einzige“, lächelt Stokes. Auf die Lesbarkeit der Texte kommt es ihr nicht unbedingt an, aber „man kann das so Geschriebene durchaus lesen, wenn man sich die Zeit nimmt.“ Zeit spielt in der Kalligrafie eine große Rolle. Viele Kalligrafen verweisen auf den fast meditativen Charakter ihrer Arbeit. Wichtiger als die Leserlichkeit ist die Erzielung perfekter ästhetischer Ausgewogenheit und das Sichtbarmachen der Emotionen.

Stokes Duktus ist unverwechselbar, ihre Handschrift, bildhaft und doch Text. Mittlerweile kann sie auf eine ganze Reihe von Ausstellungen zurückblicken: „Unter anderem in Trier, im Gutenbergmuseum bereits zweimal, in der Galerie Mainzer Kunst und zu meinem 90. Geburtstag im Mainzer Rathaus.“ Arbeiten von ihr sind auch im Londoner „Victoria und Albert Museum“ präsent.

Kalligrafie nach Stokes: ästhetische Ausgewogenheit und vor allem das Sichtbarmachen von Emotionen

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf Umwegen zur Schrift

Vor ihrem Ruhestand unterrichtete sie bis 1989 an der Mainzer Uni. Mit etlichen ihrer ehemaligen Studenten trifft sie sich nach wie vor. „Du gehst immer mehr ins Malerische“, meinte jüngst einer. Kein Wunder: Schrift und ihre Verwendung als Ausgangspunkt für Bildhaftigkeit ist ihr Motor zur Weiterentwicklung. Dabei kam Stokes erst auf Umwegen zur Kunst. In der ländlichen Umgebung der englischen Cotswolds aufgewachsen, wollte sie ursprünglich Schriftstellerin werden. Doch sie begann als Fotografin, „Pressefotografin“, präzisiert sie. Für eine Frau damals eine noch ungewöhnliche Berufswahl.

Für Bernsen´s International Press Service ging sie 1955 nach Hamburg. Geplant war ein Aufenthalt von zwei Jahren. Dann die ernüchternde Erkenntnis: „Journalismus war nichts für mich.“ Für Schrift interessiert sie sich jedoch umso mehr und entdeckt darin ihre wahre Berufung. Drei Jahre lässt sie sich bei der Grafikdesignerin Frieda Weigand zur Schriftgestalterin und Kalligrafin ausbilden und beginnt 1961 mit einer freiberuflichen Tätigkeit. Sie gestaltete Signets, Bucheinbände und Urkunden. „Das wurde damals noch mit der Hand gezeichnet.“ Sie lacht: „So kam ich dann auch nach Mainz.“

Für´s ZDF zeichnete sie die Schrifttafeln. „Es gab damals noch keine Computer, die das konnten.“ Mit Smartphone und Internet kann sie noch immer nichts anfangen. „Meine Sache ist das Zeichnen mit der Hand.“ Neben ihrer Freiberuflichkeit begann sie eine Lehrtätigkeit an der Mainzer Uni im Fachbereich Bildende Kunst. „Das wurde langsam immer mehr und ich wollte dann eine Festanstellung.“ Dass sie nun schon seit mehr als 15 Jahren in Rente ist, scheint sie selbst zu verwundern. In ihrem Schlafzimmer hat sie sich ihren Arbeitsplatz eingerichtet. Und ihr 93. Geburtstag steht unmittelbar bevor. Aber wie soll es anders sein: „Die Kunst hält mich jung“, sagt Pamela Stokes munter.