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SkaterPitt – Der musikalische Rollstuhlfahrer

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von Julius Braun Fotos Daniel Rettig

Skaterpitt ist mit seinem musikalischen Rollstuhl in Mainz unterwegs. Wer hat ihn noch nicht gehört?

Auf der Theodor-Heuss-Brücke stauen sich die Autos. Der Asphalt glüht. Es riecht nach Gummi und Benzin. Fahrräder scheuchen Fußgänger klingelnd beiseite und im Rhein glitzert die Abendsonne. Aus der Ferne klingt leiser Elektro-Swing. Mit der Musik nähert sich ein Rollstuhlfahrer. Klaus-Peter Pollak, genannt „Skaterpitt“ oder einfach „Pitt“. Auf seinen Rollstuhl hat er einen Audioverstärker montiert, eine Gel-Batterie – 28 Ampere –, sowie zwei schwere, holzverkleidete Boxen. Die eine vorne bei den Beinen, die andere hinten. Er lächelt. Die Funk-Musik lässt Jogger langsamer laufen, Passanten grüßen lachend und hinter den Autoscheiben zücken Fahrer ihre Digitalkameras. „Ich will damit nicht auffallen“, sagt der Dreiundfünfzigjährige, „aber lasst dem Pitt halt seinen Spaß.“ Pitt hat graue Haare, trägt ein lockeres Hemd und Sonnenbrille. Die Anlage sei für ihn ein Türöffner. „Früher haben die Leute Abstand zu mir gehalten. Aber wenn sie meine Musik hören, kommen sie auf mich zu.“ Seit er Krebs bekommen hat, ist er an den Rollstuhl gefesselt. Depressiv sei er deswegen nie gewesen. „Das Leben geht weiter. Ich will ein Vorbild sein und andere motivieren. Ich bin noch immer gut drauf. Trotz allem. Obwohl es mir eigentlich echt schlecht geht.“

Boxen im Kinderwagen
Der Lebenskünstler und Vater von drei Kindern hat „schon so ziemlich alles“ gemacht: Er ist gelernter Bäcker, war Einzelhandelskaufmann, Cafébesitzer, Geschäftsführer, DJ im Dorian Gray und verkaufte als Künstler selbstgemalte Herzen in Barcelona. Den Spitznamen „Skaterpitt“ bekam er lange vor seiner Krankheit. „Früher war ich bei jedem Skate-Event in Mainz dabei und bin Marathon gelaufen.“ Auch damals war die Musik immer dabei. Auf einer Skate-Tour von Mainz nach Worms trägt er eine 26 Kilogramm schwere Stereoanlage auf dem Rücken und sorgt für „Aufsehen und Partystimmung“, wie die Rhein-Zeitung 2003 berichtet. Als seine Kinder größer werden, baut er Boxen in einen alten Kinderwagen und schiebt ihn beim Skaten vor sich her. „In den Kurven bin ich damit oft auf zwei Rädern gefahren“, grinst er. „Die Polizei hat immer gelacht.“ Im Oktober 2008 sorgt Pitt für Schlagzeilen, als er ein nostalgisch eingerichtetes Kulturcafé in Mainz eröffnet. Das „Künstlerschmiede und Kaffeestübchen“ in der Residenzpassage gilt mit seinen 18 Quadratmetern Fläche als „wahrscheinlich kleinstes Café der Stadt“. In den Schaufenstern stellen Künstler ihre Werke aus und drinnen serviert Pitt Filterkaffee und Schokochili-Käsekuchen auf geblümtem Porzellan. Doch nach nur acht Monaten muss er den Laden schließen, weil sein Mietvertrag gekündigt wird. „Und dann bin ich krank geworden“, sagt er.

Zurück ins Leben
„Bis vor einem Jahr konnte ich noch gar nicht laufen.“ Schließlich fängt er an zu schwimmen, macht Gymnastik und Lauftraining. Er nimmt knappe 20 Kilo ab und kämpft sich zurück ins Leben. „Wenn man im Rollstuhl sitzt, merkt man erst, wer die wahren Freunde sind“, sagt Pitt und zeigt über den Rhein. Da hinten in Wiesbaden Gräselberg wohnt er inzwischen in einer Behindertenwohnung und bekommt 450 Euro Rente. Vor neun Monaten entschließt er sich dazu, eine Musik-Anlage auf seinen Rollstuhl zu montieren. „Ich habe mir gesagt: Das mache ich jetzt. Egal, was die Leute denken.“ Seit vier Monaten geht es ihm gesundheitlich besser. „Ich habe den Krebs noch nicht besiegt, aber ich gebe nicht auf. Nur Tabletten werde ich wohl immer nehmen müssen.“ Ja, meint er nachdenklich, vielleicht haben ihm die Musik und die Anlage gesundheitlich geholfen. Er selbst hört am liebsten Pink Floyd, Gary Withe, Jazz oder ab und an mal elektronische Musik. Doch viel wichtiger ist ihm, dass allen seine Musik gefällt. „Du merkst sofort, was die Leute hören wollen. Dann tanzen sie auf der Brücke“, sagt er stolz. „Beim WM-Finale sind 200 Leute hinter mir her gelaufen.“ Viereinhalb Stunden lang, bis spät in die Nacht habe er Musik gespielt. Am Schluss viel Elektro und „die Leute haben nur noch getanzt.“ Bis zu 111 Dezibel kann er die Anlage aufdrehen. „Aber nur wenn es niemanden stört“, sagt er lächelnd. „Aber manchmal muss ich den Bass eben spüren.“

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