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Hilfe im Alter: Das Konzept der Gemeindeschwester kehrt zurück

Unterstützung: Gemeindeschwester Zakia
Amallah und Klient Koch beim Spaziergang

Hilfe im Alter wird immer wichtiger. Auch, wenn die Senioren noch rüstig sind. Es gibt hier viele neue Konzepte wie Nachbarschaftstreffs und -hilfen, seit zwei Jahren aber auch wieder das alte Konzept der Gemeindeschwester – in Mainz mit plus. Petra Studt ist seit Sommer 2020 die erste Gemeindeschwesterplus in Mainz und mit einer Dreiviertelstelle zuständig für den Einzugsbereich der Stadtteile Altstadt, Neustadt und Oberstadt. Hier leben mehr als 3.100 Menschen über 80 Jahre, davon 1.200 hochbetagte Menschen alleine. Diese Menschen berät sie bei Fragen der Pflege oder Prävention – wenn gewünscht. Die zweite Gemeindeschwesterplus ist Zakia Amallah, seit Oktober 2020 Ansprechpartnerin in den Stadtteilen Bretzenheim, Lerchenberg, Marienborn und Drais. Mainz ist eine von mehreren Kommunen im Land Rheinland-Pfalz, die am Projekt „Gemeindeschwesterplus“ teilnehmen. Die Landesregierung startete mit dem präventiven und gesundheitsfördernden Beratungs- und Vernetzungsangebot 2015. Es wird vom Land gemeinsam mit den gesetzlichen Krankenkassen und Krankenkassenverbänden finanziert und richtet sich an hochbetagte Menschen, die noch keine Pflege brauchen.

Unterstützung und Beratung
Die Gemeindeschwestern besuchen die Menschen zu Hause, wenn sie Unterstützung und Beratung wünschen. Sie ermitteln im Gespräch Wünsche, Sorgen und Bedarfe der Senioren. Ihre Aufgabe ist es zudem, bei Bedarf über Angebote im Bereich Freizeit, Unterstützung, Prävention und Gesundheitsförderung zu informieren, zu beraten und gegebenenfalls notwendige Kontakte zu vermitteln. Die Beratung ist kostenfrei. Die beiden Frauen führen selbst keine pflegerischen Tätigkeiten aus, stellen aber bei Fragen rund um das Thema Pflege einen Kontakt zum örtlichen Pflegestützpunkt her. „In Mainz gibt es immer mehr hochbetagte Menschen. Einige von ihnen leben sehr zurückgezogen. Mit dem Projekt Gemeindeschwesterplus machen wir ihnen ein Angebot, das ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sichern kann“, erklärt Sozialdezernent Eckart Lensch. So könnten zudem Risiken der Pflegebedürftigkeit früher erkannt werden und Senioren länger in ihrer gewohnten häuslichen Umgebung bleiben. Denn mit 80 Jahren nehme das Risiko zu, pflegebedürftig zu werden, erläutert Susanne Groll, die städtische Sozialplanerin: „In Mainz ist die Zahl der Älteren in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Immer mehr hochbetagte Menschen leben zurückgezogen und sind von sich aus nicht mehr in der Lage, eigenständig aktiv zu werden und Hilfen anzunehmen. Die Gemeindeschwesterplus füllt die bestehende Lücke zwischen der klassischen offenen Seniorenarbeit, die auf Eigeninitiative angelegt ist, und dem Pflegesystem, das überwiegend auf professionelle Versorgung ausgerichtet ist.“

Unterwegs mit der Schwester
Wir verabreden uns mit Zakia Amallah (44 Jahre). Uns begleitet Herr Koch (83), einer von Frau Amallahs Klienten. Es geht auf einen besonderen Stadtspazierhang, organisiert vom Mainzer Malteserorden. Während wir gehen, erzählen Herr Koch und Frau Amallah, wie sie zueinander gefunden haben. Herr Koch habe Unterstützung benötigt, sich für einen Impftermin anzumelden und sei mit Frau Amallah in Verbindung getreten. Derzeit betreut Frau Amallah über 60 Klienten im Alter von 80 bis 102 Jahren. Sie hat mittlerweile über 1.000 Menschen im Alter über 80 angeschrieben, um auf das Betreuungsangebot der Stadt aufmerksam zu machen. So habe auch Herr Koch von dem Angebot erfahren. Er lebt seit dem Tod seiner Frau allein, die Ehe ist leider kinderlos geblieben. Ihm hilft noch seine zehn Jahre jüngere Schwägerin mit dem Essen, die für ihn mitkocht. Der ehemalige Schweißer und Hobbyringer hat wie alle älteren Menschen besonders an der Isolation während der Pandemie gelitten. „Eine gute Seele“ sei Frau Amallah, so Herr Koch. Einmal hat sie ihm auch geholfen, einen alten Teppich zu entsorgen, der eine Stolperfalle in seiner Wohnung war. Zakia Amallah ist sozial ausgerichtet. Als ausgebildete Krankenschwester und dreifache Mutter engagiert sie sich seit Jahren ehrenamtlich für Sozialprojekte. Wie sie auf die Tätigkeit als Gemeindeschwesterplus gekommen ist, möchte ich wissen. Sie sei eben „sozial eingestellt“, so Amallah, und liebe Menschen. Schon in Frankreich, wo sie aufgewachsen ist, hat sie sich als freiwillige Helferin engagiert. Die betreuenden Senioren brauchen oft einfach nur etwas Hilfe, zum Beispiel, um einen Brief zu verfassen oder einen Behördengang zu erledigen. Auch Sturzprophylaxe ist wichtig, deshalb fahre sie zu ihren Klienten nach Hause, damit sie sehen kann, wie sie leben, was sie brauchen oder wo man etwas verbessern kann. Sie schaut dabei auch nach möglichen Netzwerken und tauscht sich mit den anderen Gemeindeschwestern regelmäßig aus. Der Erfolg gibt ihnen Recht. Manche Menschen leben so einsam im Alter, sie hätten kaum mehr einen Kontakt ohne die Gemeindeschwestern. Manche Senioren sind völlig verängstigt und haben sich seit Corona nicht mehr aus dem Haus heraus getraut. Das Programm soll daher nun auf alle Mainzer Stadtteile ausgeweitet werden. Darüber hinaus sieht der Koalitionsvertrag der Landesregierung vor, die Gemeindeschwesterplus stufenweise auszubauen und in Rheinland-Pfalz flächendeckend einzuführen. Jeder Landkreis und jede kreisfreie Stadt in Rheinland- Pfalz soll zukünftig 1,5 Vollzeitstellen erhalten.

Text Marta Moneva
Foto Sven Hasselbach

Ein Kommentar “Hilfe im Alter: Das Konzept der Gemeindeschwester kehrt zurück

  1. Echt toll, diese Einrichtung. Warum nur eine halbe Stelle? Hier werden mehr Leute benötigt die mit Rat und Tat auch für die Pflegenden zu Verfügung stehen. 2 Frauen für die ganze Stadt…sehr optimistisch. Oftmals ist die Verbindung zwischen Hausarzt und Pfleger sehr wichtig. Die Gemeindeschwester könnte den Bezug herstellen und Mängel aufdecken. Alt werden ist echt kein Spass…

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