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Größte Schafherde in Mainz-Finthen – Ein Tag mit der Schäfer-Familie

In der Luft hängt der Geruch von Heu und Mist. Das Motorengeräusch von Helikoptern ist zu hören. Felder und Wiesen an den Grenzen von Mainz so weit das Auge reicht. Abgesehen von ein paar einzelnen Besuchern, die die Flieger bestaunen, herrscht wenig Betrieb am Finthener Flugplatz.

Direkt nebenan, in der Halle 5834, geht es dafür umso geschäftiger zu. Hier hütet Holger Hellwig seine Schafe. 350 sind es an der Zahl und damit die größte Schafsherde in Mainz. Erst im Januar dieses Jahres haben der 47-jährige Biologe und seine zwei Jahre ältere Frau Annette Becker das Land in der Nähe des Naturschutzgebiets übernommen. „Blühende Wiesen und Insekten machen mir einfach Freude“, erklärt Hellwig diesen Entschluss. Der Vorgänger habe das Gelände größtenteils verkommen lassen, nun wollen die beiden es auf Vordermann bringen. „Seit Monaten sammeln wir Müll und Schrott und sind immer noch nicht fertig“, schnauft Annette Becker. Gerade arbeiten die beiden darauf hin, auf Bio umsatteln zu können. Wolle und Fleisch würden sie gerne an einen Mainzer Betrieb verkaufen. Und genug Platz haben die Schafe auch: 3.000 qm Stall plus Außenbereich, so groß wie ein halbes Fußballfeld, stehen ihnen zur Verfügung. Fast 10 qm pro Schaf.

Große Familie

Kaum betritt Holger Hellwig die Weide, laufen ihm die Schafe blökend hinterher. Die 11-jährige Tochter Jule reitet auf dem Rücken eines Schafs. „Ein paar haben wir mit der Flasche aufgezogen. Die sind besonders zahm“, so Hellwig. Hirtenhund Cortina ist weniger erfreut, die vielen Schafe schüchtern sie ein. Als zwei Schafe ausbüchsen, hilft sie trotzdem so gut es geht, sie wieder einzufangen. „Wir haben es noch nicht geschafft alle Bauzäune durch Elektrozäune zu ersetzen.“ Da könne es immer mal wieder vorkommen, dass ein Schaf durch die Löcher entkommt, erklärt Hellwig. Woher er dann weiß, dass alle 350 Schäfchen am Abend wieder im Stall sind? Das erfährt er nur bei den stichprobenartigen Zählungen zu den Wurmkuren, bei der Hufpflege oder wenn es ans Scheren geht. Da wird eine Strichliste geführt. Und alle Schafe sind je nach Rasse farbig markiert.

Im Sommer wie im Winter

Jule pflückt ein paar Zweige vom Baum. Sofort ist sie von einem Dutzend von Schafen umzingelt, die über die grünen Stängel herfallen. Der Sommer sei für die Schafe besonders schwer gewesen, erzählt Holger Hellwig. Aufgrund des Steppenwetters hat es auf der Weide nur wenig Gras gegeben. „Wir mussten schon jetzt das Winterfutter anbrechen.“ Das macht ihm Sorgen, denn eigentlich nehmen die Schafe durch das Gras auch das notwendige Wasser auf. Wegen der Trockenheit musste er sie mit zusätzlichem Wasser versorgen, zwei Liter pro Tag und Tier, insgesamt 700 Liter täglich. Generell sind Schafe jedoch pflegeleichte Tiere. „Gras, Wasser und Salz, mehr brauchen sie nicht für ein glückliches Leben“, sagt Annette Becker. Im Sommer ist der Weidebetrieb daher sehr einfach. Einmal am Tag lassen sie die Tiere auf die Weide und säubern die Wasser- und Futtertränken. Schafe sind gesellige Tiere. Vor allem die Flaschenlämmer suchen immer wieder Nähe und fordern eine Kuscheleinheit. „Besonders gerne werden sie hinter dem Ohr gekrault“, sagt Hellwig und streichelt Schnucki. Schnucki ist auf einem Auge blind und hält den Kopf immer etwas schief. Neben ihm steht Lotta, die auch ungeduldig auf Zärtlichkeiten wartet Viele Schafe seien nach Figuren aus Astrid Lindgrens Kinderromanen benannt. „Aber wir hatten auch schon eine Hobbit-Phase“, lacht Annette Becker. Im Winter ist das Schäfer-Dasein dagegen weniger entspannt. Zweimal am Tag werden die Schafe mit Frischfutter und Wasser versorgt. Als die Familie mal krank war, waren sie auf die Hilfe von Freunden und Bekannten angewiesen. Das stört die Schafe nicht. Nach dem Wiederkäuen lassen sie sich faul auf die Wiese fallen und dösen. Oft setzt Hellwig sich dann zu ihnen und liest ihnen etwas vor, meistens die Tageszeitung. Er weiß: „Das bildet Mensch und Tier.“

Text Lisa Winter Fotos Stephan Dinges

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