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Der Keyboardspieler

Text: Monica Bege
Fotos: Katharina Dubno

Seit Mitte der siebziger Jahre spielte Helmut Sperber mit stoischer Hingabe auf seinem Keyboard in der Innenstadt. sensor besuchten ihn zuhause.

Nicht unbedingt jeder Ton saß in letzter Zeit an seiner richtigen Stelle, aber das war irgendwie auch nicht so wichtig. Neben den umherziehenden halbprofessionellen Klarinetten- und Saxophonspielern wirkt er wie ein skurriles Urgestein. Wir kannten ihn. Doch – wenn wir ehrlich sind – bei jeder Begegnung beschlich uns das Gefühl der Befremdung und Verwunderung: Ein Dutt mit Schleifchen im Haar, Ohrringe und Lippenstift, statt der Hose einen Rock. Seit einiger Zeit ist er jedoch aus dem Stadtbild verschwunden. Warum?

Im November ist er 84 Jahre alt geworden, seine Frau ist zwei Jahre älter. Eine große Feier gab es nicht, die geplante gemeinsame Weinprobe am Abend musste abgesagt werden. „Ich merke jetzt schon das Alter, manchmal geht es einfach nicht mehr so, wie ich will“, erklärt Sperber. Daher auch sein Rückzug aus der Stadt. „Auf dem einen Ohr höre ich gar nichts mehr, für das andere habe ich ein Gerät.“ Und selbst das trüge er ungerne, bemerkt seine Frau lachend. Sie sitzt neben ihm auf dem Sofa, über ihnen an der Wand selbstgemalte Bilder des Hobbymusikers. Die Wände im Treppenhaus hat er vor längerem in eine vom Schwarzwald inspirierte Landschaft verwandelt. Sie sieht sie nur noch in ihrer Erinnerung, mit 51 Jahren erblindete sie von einem auf den anderen Tag. Das Paar kommt damit zurecht. Es war nicht die einzige Schwierigkeit, die sie in ihrem Leben zu meistern hatten.

Helmut Sperber kleidet sich anders als andere Männer. Na und? sagen wir heute. Die Gesellschaft ist liberaler geworden, kuriose und komische Typen stehen hoch im Kurs. Aber komisch ist er eigentlich auch nicht. Er hat einen ulkigen Humor, der uns mehrfach zum Lachen bringt. „Na, macht er wieder Grimassen? Er macht das so gerne – schon immer“, erinnert sich seine Frau, früher selbst leidenschaftliche Fastnachterin, die es in einer Kampagne auch schon mal auf 44 Auftritte brachte.
Er wuchs als einziger Junge unter vier Schwestern auf. Dass Frauen ja auch Hosen anhätten‘, war Helmut Sperbers Standardkommentar zu diesem Thema. Er bot der Öffentlichkeit keine Skandale, doch es gab immer wieder welche, die sich verbal auf sein Äußeres stürzten. „Wir haben viel geweint und wussten oft nicht weiter“, blickt seine Frau auf die schwere Zeit zurück. Ihr Vater riet zur Scheidung, das Paar hatte bereits eine gemeinsame Tochter. Doch Frau Sperber stand hinter ihrem Mann, so wie er hinter ihr stand. Selbst der Umzug in schottische Gefilde stand kurzzeitig zur Debatte. Das schelmische Aufblitzen in seinen Augen bleibt uns nicht verborgen. Zwischendurch stimmt er leise und sachte ein Lied an, ihr gemeinsames Liebeslied. Die Vergangenheit wurde wach: die Heimkehr aus dem Krieg und das Kennenlernen. „Mit dem Lied hast du mich aus dem Schützengraben nach Hause gerufen“, er schaut zu ihr rüber und hält ihre Hand. Nach 60 Ehejahren wirken sie nicht verliebt – sie sind es.

Zunächst Akkordeon und Mundharmonika, später erschloss sich Helmut Sperber auch das Keyboard als Autodidakt. Es machte einfach Spaß – mehr noch, wenn er eine Zuhörerschaft bespielen konnte. Der Ausdehnung seiner Freizeitbeschäftigung auf wochenendliche Jahrgangstreffen stand allerdings die Gattin entgegen. „Er spielt dann in irgendwelchen Hallen und ich sitze hier und warte bis er nachts heim kommt. Nein, das wollte ich nicht.“ Bis vor zwei Jahren fuhr er daher mit seinem Mofa das Keyboard in die Innenstadt. Ein Kompromiss, mit dem beide gut auskamen.

Herbert Grönemeyers Zeilen „Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist…“ bringen es auf den Punkt, den Rhythmus erahnt er mehr, als er ihn hören kann. Für uns holt er sein Instrument noch einmal aus dem Keller. Ein Privatkonzert, das Erinnerungen weckt, auf beiden Seiten. Er spielt und spielt und spielt. Zu guter Letzt auch noch auf der Mundharmonika.

Er mag Publikum. Nicht auf eine in Szene setzende Art, einfach so. Kleider und Schmuck, so fühlt er sich wohl, so ist es für ihn richtig. Es ist nichts Verkehrtes, nichts, was er verbergen möchte. Sein Leben war nicht leicht und er ist gewiss nicht den leichten Weg gegangen. Doch eines ist er: er ist sich auf jeden Fall treu geblieben. Trotz aller Unwegsamkeiten im Leben strahlt das Paar eine unglaubliche Ruhe und Zufriedenheit aus. Wir wünschen alles Gute.

7 Kommentare “Der Keyboardspieler

  1. Liebe sensor Redaktion, als Fan der ersten Stunde, habe ich Eure Bericht ueber den Keyboard-Spieler gelesen. ich kenne ihn seit Jahrzehnten und zollte ihm stets meinen Respekt. Ich wohne in der Taunusstrasse in MZ und in der Hafenstrasse – quer ueber meinen Hof lebt ein anderes Mainzer Orignal: der singende Gaertner. stets zu Weihnachten schmettert er, wie ein echter Hofsaenger Weihnachtslieder und erntet nicht nur meinen Balkonapplaus. Ich finde, er hat eine Doppelseite bei Euch verdient. Nehmt gerne bei Interesse Kontakt mit mir auf. Liebe Gruesse, Beate

  2. glückwunsch zu einem gut fotografiertem, flüssig geschriebenen bericht. diese art features findet man nicht oft und sensor liegt deshalb sehr weit vorn. in drei jahren hat klaus sein 50stes zugplakettchenverkäuferjubiläum. ist noch ein bißchen hin, aber wenn ihr so weitermacht und nicht zu einem rücksichtsvollen einzelhandelswerbeblättchen mutiert schafft ihr das locker. im übrigen wäre ich wohl bereit, bis zu fünf euro (höchstens! gerne weniger) in eine sensor- jahresendzusammenfassungssonderausgabe zu investieren.

  3. ja fein. An den Zugplakettchen-Menschen habe ich auch schon gedacht. Gute Idee auch mit der Jahresendzusammenfassung. Mal sehen, haben auch schon an eine Ausstellung gedacht: Die besten Bilder aus einem Jahr oder so. Wird passieren 🙂

  4. Es gibt noch so ein Mainzer original das glaube ich vielseits nicht ganz ernst genommen und noch weniger verstanden wird – vielleicht habt ihr ja auch für “Mr cool ice” irgendwann einmal eine Seite. Vielleicht könnt ihr ja so etwas wie eine Serie draus machen.

    1. Hey Mainzwurst, vielleicht solltest du dir erstmal unsere 1 . Ausgabe holen oder als PDF hier runterladen, bevor du sowas schreibst 😉 und außerdem ist es doch schon längst eine Serie…

  5. Durch zufall bekam ich euren link geschickt. bin sehr begeistert über diese infos!!
    Ich bin active gästeführerin in mainz und finde diese informationen als große berreicherung, habe meinen Kollegen den link weitergeleitet!

    Tausend Dank !!! a.Krieger-Haus

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