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Glücksspiel in Mainz – Nichts geht mehr

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von Florian Barz  Fotos Jana Kay

Automaten-Casinos gehören zum Stadtbild. Die Hoffnung auf das schnelle Geld macht immer mehr Menschen süchtig. Der Gesetzgeber greift nun durch.

Geld liegt in der Luft. Bunte Buchstaben, Zahlen und Symbole rattern im Fünf-Sekunden-Takt über den Bildschirm. Unablässig scheppert und schrillt der Automat, spuckt stetig Gewinne aus, die sich rasch zu einem dreistelligen Betrag aufsummieren. Mehrere Kunden der kleinen Spielothek in der Nähe des Hauptbahnhofs drängen sich um den Automaten und schauen dem Treiben gebannt zu. „50 Freispiele, das passiert so gut wie nie“, raunt eine ältere Frau ehrfurchtsvoll.

Der junge Mann mit Designerbrille, der den Automat bedient, ist weniger beeindruckt. Er hat auf mehr gehofft, sagt er, als die Gewinnsumme feststeht, beinahe 200 Euro. Das gewonnene Geld steckt er gleich wieder in andere Automaten, vier Stück bedient er gleichzeitig. Man kann schließlich nie wissen, ob an diesem Abend nicht noch ein größerer Gewinn wartet.

Es ist der Traum vom schnellen Geld, von dem die Glücksspielindustrie lebt. Das richtige Sportergebnis, Treffer beim Lotto, oder fünf gleiche Symbole beim Automatenspiel. Manchmal reichen zwei Euro Einsatz, um in kurzer Zeit große Gewinne zu erzielen. Mehr als 70 Milliarden Euro gaben die Deutschen 2013 für Glücksspiel aus, davon 17 Milliarden für Automatenspiele.

Auch in Mainz boomen die Casinos. 35 Spielotheken gibt es inzwischen in der Stadt. Deren verheißungsvoll leuchtenden Neonschilder prägen das Stadtbild mancher Viertel. Besonders rund um den Bahnhof ballen sich viele. Wer am Münsterplatz steht, kann zwischen fünf Spielotheken wählen, ohne mehr als 200 Meter laufen zu müssen. Doch damit wird bald Schluss sein, denn der Bund und das Land haben der Automatenindustrie den Kampf angesagt.

Schärfere Gesetze

Um die Spieler vor sich selbst zu schützen, greift der Gesetzgeber massiv ein. Bis 2017 gilt in Rheinland- Pfalz eine Übergangsfrist. Dann tritt der Glücksspielstaatsvertrag aus dem Jahr 2012 auch für bereits bestehende Spielotheken in Kraft. 500 Meter müssen dann mindestens zwischen den einzelnen Spielotheken liegen, das ist eine große Hürde.

Interessant auch: Der maximale Verlust wird auf 60 Euro pro Stunde und Automat begrenzt. Das Verbot der Automatiktaste verhindert zudem, dass Spieler an mehreren Automaten gleichzeitig spielen. Außerdem ist eine landesweite Sperrdatei für Spielhallen geplant, um Spielsüchtigen den Zutritt zu verbieten.

„Überfällig“, nennt Jürgen Trümper vom „Arbeitskreis gegen Spielsucht“ die neuen Regelungen. Automatenspiele seien be- sonders gefährlich. „Die hohe Ereignisdichte und die ständige Stimulationen in Form von Tönen und Bildern sind extrem verlockend, besonders für junge Männer.“ Anders als etwa beim klassischen Lotto 6 aus 49, liegen beim Automatenspiel nur Sekunden zwischen Einsatz und Gewinn.

Und weil die Automaten 60 Prozent des Einsatzes als Gewinn wieder ausschütten, entsteht bei vielen Spielern das Gefühl, permanent zu gewinnen. Ein Trugschluss, denn auf Dauer gewinnt immer nur das Casino, nicht der Spieler.

Wenn Spielen zur Sucht wird

„Ich heiße Stefan und bin spielsüchtig“. Die Gruppe grüßt murmelnd zurück, ein eingespieltes Ritual. Wie jeden Dienstagabend, treffen sich die anonymen Glücksspieler (GA) im Suchtzentrum in Wiesbaden. Heute sind sie zu sechst, die meisten aus Mainz, ausschließlich Männer, unauffällig, sympathisch. Fast alle haben ein geregeltes Einkommen. So wie Stefan. Jahrelang hielt er seine Spielsucht vor Freunden und der Familie geheim. „Das war ein unglaubliches Lügengerüst, das ich mir aufgebaut habe“, erzählt er mit ruhiger Stimme.

Abends nach der Arbeit ging er regelmäßig in die Spielothek daddeln, zum Runterkommen, immer in der Hoffnung, den Automaten zu besiegen. Auf Dienstreisen war es noch schlimmer. „Da habe ich von den Städten quasi nur noch die Spielhallen gesehen. Du liegst abends im Bett und denkst heute gehst du nicht spielen und fünf Minuten später stehst du schon wieder in der Spielo.“ Die anderen nicken zustimmend. Sie kennen das. „Du spielst nicht mehr, um zu gewinnen“, erklärt einer. „Du spielst, um zu spielen.“

Bis zum Bankrott

Schätzungen gehen von über 400.000 Menschen mit pathologischem Glücksspielverhalten in Deutschland aus. Tendenz steigend. Die überwiegende Mehrheit davon ist männlich und den Automaten verfallen. Der Verlauf der Sucht ist oft ähnlich. Zunächst gibt es eine Gewinnphase, bei der die Spieler zufällig erste Gewinne machen, etwa beim Automaten in einer Kneipe.

Wegen dieser Erfolge und der damit verbundenen Spannung spielen Anfänger nun häufiger und regelmäßiger, bis sie in die Verlustphase abgleiten. Nun beginnt eine „Aufholjagd“, um finanzielle Verluste auszugleichen, die aber alles nur noch schlimmer macht. Konten werden überzogen, Angehörige um Geld angepumpt. Schließlich gleiten Betroffene in die Verzweiflungsphase, in der sämtliches Geld verspielt wird.

Das ganze Leben dreht sich nur noch um Glücksspiel oder um die Beschaffung von Geld. „Wir müssen diese Menschen vor der Verelendung schützen“, sagt Jürgen Trümper und nimmt die Spielhallen in die Pflicht: „Wer eine Dienstleistung anbietet, von der Gefahr ausgeht, muss Maßnahmen ergreifen, um Spieler zu schützen.“

„Schwarze Schafe gibt es in jeder Branche“

Die Spielothek „Spiel-Ecke/Etage“ in der Parcusstraße ist ein zweistöckiges Zockerparadies mit insgesamt 36 Automaten. Teppiche dämpfen die Schritte, an den Wänden hängen farbenfrohe Gemälde. Es ist früh am Morgen, werktags. Trotzdem haben sich schon viele Spieler eingefunden, werfen Münzen in die dröhnenden Automaten. Es riecht nach Zigarettenrauch und Kaffee. Alle Getränke sind in der Spielecke umsonst – ein besonderer Service für die Kunden.

„Wir engagieren und schon lange für den Spielerschutz“, sagt Lutz Wagner, ein Mann in den besten Jahren mit grauem Bart und Lederweste über dem Hemd. Wagner ist Geschäftsführer der Firma Harlekin, die die „Spiel- Ecke“ in der Parcusstraße seit 30 Jahren betreibt. Tatsächlich steht ein Tisch mit Broschüren zur Spielersucht recht prominent im Raum und auch der Eintritt ist in der Spiel-Ecke ist erst ab 21 Jahren erlaubt. Die Mitarbeiter seien alle geschult. „Wenn wir sehen, dass einer aggressiv wird oder tagelang spielt, greifen unsere Mitarbeiter ein, zum Schutz des Spielers“, versichert er. Klar gebe es auch schwarze Schafe unter den Spielhallen. „Aber man kann doch nicht eine ganze Branche dafür bestrafen.“

Spielotheken vor dem Aus?

Durch die neue Abstandsregel droht der „Spiel-Ecke“ in der Parcusstraße und den 13 Mitarbeitern das Aus. Im Umkreis der geforderten 500 Meter finden sich ein halbes Dutzend Spielhallen. Nur eine dürfte nach dem neuen Gesetz bleiben. Wer eine neue Konzession bekommt, das entscheidet die Aufsichts- und Dienstleistungsbehörde in Rheinland-Pfalz. Doch selbst wenn die “Spielecke” bleiben darf, droht ein Umsatzverlust. Denn der Gesetzgeber erlaubt ab spätestens 2021 nur noch zwölf Automaten pro Betreiber.

„Damit ist bei größeren Objekten die Miete nicht mehr zu stemmen“, prognostiziert Wagner. Etwa 11 Euro Umsatz macht ein Automat pro Stunde. Davon wandern vierzig Prozent in die Kassen von Kommunen und Staat, in Form von Umsatzund Vergnügungssteuer. „Spielen ist ein Grundbedürfnis des Menschen“, sagt Wagner wütend. „Wenn einer alle paar Tage kommt und ein bisschen spielt zum Runterkommen. Wo ist das Problem?“

Die Teilnehmer der Selbsthilfegruppe in Wiesbaden bekamen von den Spielhallenmitarbeitern keine Hilfe angeboten. „Da wirst du eher hofiert“, erzählt einer. „Wer schmeißt schon seine besten Kunden aus dem Laden?“ Es gibt Berichte von Spielhallen, deren Mitarbeiter den Zockern sogar Essen an den Automaten bringen, Geld leihen oder für die Ehefrau das Alibi spielen. Bei den Anonymen Spielern in Wiesbaden haben die meisten den Absprung eigenhändig geschafft.

So wie Stefan. Irgendwann beichtete er seiner Frau und den Kindern von seiner Sucht und den vielen Schulden. „Das war meine persönliche Befreiung“, sagt er. Inzwischen ist er seit vielen Jahren spielfrei, geheilt ist er nicht. „Das ist wie bei den Alkoholikern. Ein Spieler bleibt ein Leben lang ein Spieler.

Beratung und Behandlung von Suchtkranken
und deren Angehörigene bietet in Mainz der Caritasverband Mainz an:

Ansprechpartner: Christofer Bolwin
Lotharstrasse 11-13 55116 Mainz
Telefon: 06131 962920
E-Mail: c.bolwin@caritas-mz.de