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Oldie-Studis: Die ältesten Mainzer Studenten machens vor

Ihr Berufsleben haben sie hinter sich gelassen, aber ihr Lerneifer ist ungebrochen. Und weil sie ihr Wissen nicht nur aus Büchern beziehen wollen, gehen mehr und mehr Senioren an die Universitäten, um dort zu studieren. Entweder, um sich in einem regulären Studiengang zu immatrikulieren, oder um Angebote zu nutzen, die auf „Oldies“ zugeschnitten sind. Fünfzig deutsche Hochschulen verfügen über solche speziellen Bildungsangebote, in Horn-Bad Meinberg gibt es seit 2006 sogar eine „Senioren-Universität“.

An die Uni kann jeder

Auch an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz haben spätberufene Studenten verschiedene Möglichkeiten, ihren Wunsch nach akademischer Bildung zu stillen. Da gibt es zum einen das Gasthörerstudium, bei dem sich jeder Interessierte zu regulären Vorlesungen und Seminaren einschreiben kann. Nur für Medizin und Zahnmedizin werden Gasthörer nicht zugelassen. Für die Teilnahme an Seminaren, Übungen oder Sprachkursen braucht der angehende Gaststudent die Genehmigung des jeweiligen Dozenten. Die Kosten für das Gasthörerstudium richten sich nach der Anzahl der Semesterwochenstunden. Abitur oder eine vergleichbare Qualifikation ist nicht notwendig, und man macht auch keine „Scheine“. Das heißt, „studienrelevante Leistungs- oder Prüfungsnachweise“ können nicht erworben werden. Das „Studium Generale“, eine weitere Möglichkeit universitäres Wissen zu erwerben, soll eine „fächerübergreifende Auseinandersetzung mit aktuellen und grundlegenden Themenfeldern ermöglichen“. Die überwiegend kostenfreien Angebote richten sich ausdrücklich auch an die „außeruniversitäre Öffentlichkeit“. Für ältere Studierende gibt es außerdem das Angebot „Studieren 50 Plus“. Für jeweils maximal 25 Teilnehmer gibt es Lehrveranstaltungen zu unterschiedlichsten Themenbereichen.

Wunschtraum Astrophysik

Michael Kiefer ist einer der Mainzer 50 plus-Studenten. In Mainz geboren und aufgewachsen in Marienborn, besuchte er das Willigis-Gymnasium, bevor er Maschinenbau studierte und zuletzt in Rüsselsheim arbeitete. Seit 2011 ist er Rentner. „Gegen Ende meiner beruflichen Tätigkeit habe ich mir Gedanken gemacht: Was machst du, wenn du Rentner bist?“ Ursprünglich hätte der mittlerweile 69-jährige gerne Astrophysik studiert. Diesem Wunschtraum konnte er sich nun wieder annähern. „Durch Zufall entdeckte ich das Studium 50 plus. Beim Durchblättern des Programms fand ich eine Veranstaltung zum Thema `Amerikanische Kultur´, die mich interessierte.“ Seither ist er regelmäßiger Besucher. In mehr als 80 Veranstaltungen aus fünf Themenbereichen kann man bei 50 Plus wählen. Manches klingt praktisch, wie „Italienisch für Fortgeschrittene“ oder „Silver Surfer – erste Schritte mit Smartphone und Tablet“. Anderes wird im Alltag eher weniger Verwendung finden wie z.B. „Hieroglyphen für Einsteiger“. Für Michael Kiefer ging es dann doch noch in Richtung Astrophysik: „Über das Universum vom Urknall bis heute“ hieß die ersehnte Veranstaltung, angeboten von einem Physiker. „Da war ich dann wieder auf Kurs.“ Kiefer besucht die Uni meist einmal pro Woche „am späten Nachmittag“. Spannend fand er auch eine Veranstaltungen zur Mainzer Geschichte: „Das Kloster auf der Karthause. Es lag in der Nähe der Favorite“, oder über Gutenberg, den berühmtesten Sohn der Stadt. Der Dozent ging mit den Senior-Studis auch in die Stadtbibliothek“. Besonders beeindruckt war Kiefer dort von den handgeschriebenen Büchern „mit den großen, handgezeichneten Initialen“. So führt ein Interesse zum nächsten. Fürs laufende Semester hat Kiefer sich bei zwei Veranstaltungen angemeldet: Die „Geschichte von Mykene“ und „Quantenphysik – experimentieren, verstehen und erleben.“ Was er in den Veranstaltungen lernt, vertieft er später im Internet. „Nur für mich alleine“ fasst er die Ergebnisse zusammen. So entstanden bisher fünf oder sechs Bücher, Unikate, gebunden und eindrucksvoll. „Zwei Bände über die Inka, ein Band über Karl den Großen“. So schafft Kiefer sich nach und nach eine private, wissenschaftliche Bibliothek. „Es ist jedem überlassen, was er draus macht“ lautet sein Credo. Und seine beiden erwachsenen Kinder finden es toll, wie der Papa das durchzieht.

Steigende Tendenz für Ältere

Die 50 plus-Studierenden können zwar auf Wunsch ein Abschlusszertifikat erwerben, legen aber keine Prüfungen ab und erwerben keine Scheine. Die Kosten für die Teilnahme richten sich nach Zahl der Wochenstunden. Für die Belegung mehrerer Veranstaltungen im gleichen Semester gibt es Rabatte. Anders als die 50 plus-Studenten nehmen die regulär immatrikulierten Senior-Studis auch an Klausuren teil. Sie müssen Prüfungen ablegen und machen Scheine, alles ganz wie die jungen Kommilitonen. Beim statistischen Bundesamt ist nachzulesen, dass im Wintersemester 2016/17 bundesweit mehr als 5.800 Studierende über 60 Jahren eingeschrieben waren, darunter sogar ein 99jähriger. Und die Tendenz ist steigend. Das mag an der steigenden Lebenserwartung liegen, aber auch an der Aktivität der älteren Generation. Nie waren die so „jung“ und fit wie heute.

Frau Doktor liebt Musik

Mit ihren jungen Kommilitonen kommt sie gut zurecht: „Die akzeptieren mich, ich akzeptiere sie“, sagt Dr. Ellen Legeland. Die Fachärztin für Innere Medizin und Diabetologie studiert seit 2014 Musikwissenschaften und Kunstgeschichte. Damit kehrte sie zu dem zurück, was sie einst begonnen hatte. „Ich wollte unbedingt studieren“, erinnert sich die dynamische Endsechzigerin, „bekam aber nicht gleich einen Medizin-Studienplatz“. Während der Wartezeit begann sie mit Musikwissenschaft und Soziologie im Nebenfach. Als sie dann die Zulassung zum Medizinstudium in der Tasche hatte, „habe ich als Gasthörerin noch Musikwissenschaft weitergehört. Denn neben Medizin ein anderes Fach im Nebenfach zu studieren ist nach wie vor nicht erlaubt.“ Von Mainz wechselte sie nach Bonn, und auch wenn sie die Musikwissenschaft sausen ließ, so hat sie die Musik nie ganz losgelassen: „Ich bin Theaterärztin. In jeder Vorstellung im Theater sitzt ein Arzt, sowohl für die Akteure als auch fürs Publikum. Das ist mein Job.“ Ihre Liebe zur Musik und insbesondere zur Oper verband sie so mit ihrem Berufsstand. Außerdem spielt sie Klavier, „besser als seinerzeit, weil ich heute mehr Muße habe“ und „mein Ziel war es immer, wieder einmal mit Musikwissenschaft zu beginnen.“ Diese Vielseitigkeit findet sie nicht ungewöhnlich: „Ecken und Kanten bringen einen weiter als der gerade Weg. Und: Musikwissenschaft war seinerzeit brotlos. Heute hat man als Operndramaturg Musikwissenschaften studiert. Früher wurde man Musiklehrer.“ Als Medizinerin hatte sie die besseren Chancen, aber es war auch ihr Traumberuf: „Ich brannte für die Medizin. Nur dann kann man diesen Beruf ausüben.“ Seit 15 Jahren ist sie zudem Schiffsärztin: „Auf einem Viermaster Segel-Kreuzfahrer.“ Denn das macht sie in den Semesterferien weiterhin. Während des Semesters ist sie zu beschäftigt. Hätte sie seinerzeit gerne ein Nebenfach studiert, so wäre es ihr heute lieber, aufs Nebenfach verzichten zu können: „Musikwissenschaft alleine würden mir genügen.“ So aber hat sie noch Kunstgeschichte im Nebenfach, „damit habe ich später angefangen, also dauert das noch“. Und ihre weiteren Pläne? Da ist Legeland offen: „Der Weg ist das Ziel“. Eine Promotion fände sie erstrebenswert, „aber das wäre was fürs stille Kämmerlein. Ich brauche die Impulse, die von den Seminaren kommen.“

Studieren im Alter entspannter?

Immerhin haben Senioren schon ein Berufsleben hinter sich und müssen die Konkurrenz nicht fürchten. Ob sie einen Abschluss anstreben, bleibt ihnen überlassen und wer eine Rente oder Pension bezieht, braucht sich um Regelstudienzeit und Bafög keine Sorgen zu machen. Der Studierendenausweis berechtigt zur Nutzung der universitären Bibliotheken und der Sportstätten, günstiges Essen gibt es in den Mensen und Cafés, und im Semesterentgelt ist das Semesterticket enthalten, das zur Nutzung des ÖPNV berechtigt. Allerdings fallen für ein Zweitstudium und für Studierende über 60 Jahren generell Studiengebühren von 650 Euro pro Semester an. Die späte Bildung ist also nicht ganz billig. Schön, wenn man sich das leisten kann.

Von der Chemie zur Ägyptologie

„Ägyptologie im Hauptfach und Archäologie im Nebenfach“ studiert Dr. Heinrich Gabelmann-Kreutz seit dem Sommersemester 2017. Der 66-jährige Doktor der Chemie erfüllt sich mit seinem Zweitstudium einen Traum. „Ägypten hat mich schon immer stark interessiert. Aber die Chemie war dann wohl doch noch interessanter.“ Weil er Ehrgeiz entwickelt und sich über eine Note 3 schon ärgert, ist es gar nicht so leicht. Nach Vorlesungen über Ägyptische Geschichte und Denkmälerkunde lernt Gabelmann- Kreutz nun mittelägyptische Hieroglyphen und die dazugehörige Grammatik. „Und das Schlimmste ist: Ich muss Vokabeln lernen!“ Spannend fand er im vergangenen Semester das Projekt „Ägyptologie macht Schule“. Da ging es darum, sowohl Geschichtslehrern als auch Schülern die Ägyptologie nahe zu bringen. Gabelmann hat mit den Kindern ägyptische Schminke angerührt und die Kids haben sich entsprechend geschminkt. „Da war ich dann wieder bei der Chemie. Angewandte Chemie sozusagen.“ Eine Ausstellung, an der er mitarbeitete, war „Fakenews haben Tradition“. Hier erzählt er begeistert von Kaiser Septimus Severus, der behauptete „Marc Aurel hat mich adoptiert“ und dies untermauerte, indem er seine Standbilder dem Bildnis Aurels anpassen ließ. Drei Professoren und zehn Studenten arbeiteten am Ausstellungskonzept. „Solche Lehrangebote sind das Salz in der Suppe“, freut sich Gabelmann. Und auch bei einer Studienfahrt nach Turin war er mit von der Partie. „Aber um das Lernen der 700 Zeichen, die es im Mittelägyptischen gibt, kommt man nicht herum.“ Fragt man ihn nach seinem Studienziel, lacht er: „Eine bisher unentdeckte Pyramide auszugraben!“ Aber er hat wirklich einen konkreten Plan: „Ich will auf meine alten Tage noch einen Abschluss machen und schon aus Kostengründen das Studium in einem vertretbaren Zeitrahmen abschließen.“ Ärgerlich findet er die Aussage der Ministierpräsidentin: „Bildung darf nichts kosten.“ An anderen Universitäten kostet das Zweitstudium nichts, aber den Wohnort zu wechseln kommt natürlich nicht in Frage, schließlich ist er in Mainz geboren, hat hier studiert und gearbeitet und verheiratet ist er auch. „Ich könnte mich ja auch noch als Assistent bewerben“, meint er mit einem leichten Grinsen. „Und vielleicht schaffe ich es, dass auf meinem Grabstein Dr. rer. nat., Dr. phil. steht.“

Zwei Hauptbeschäftigungen nebeneinander

Auf die Note „Sehr gut“ in Bambara ist sie stolz. Martina Beer ist Studentin der Afrikanistik und Ethnologie, mittlerweile im dritten Semester. „Eine nicht-europäische Sprache zu erlernen ist da Pflicht.“ Das in zwei Semestern Gelernte reicht aus für einen Small Talk. „Und die Atmosphäre, die unser Dozent geschaffen hat, war einzigartig“, schwärmt sie. Beer ist Mitte Fünfzig, hat einen Vollzeitjob und daneben das Studium, das sie innerhalb von sechs Semestern abschließen will. „Früher hatten Frauen in meinem Alter Enkel, um die sie sich kümmern mussten“, stellt sie lakonisch fest. „Ich bin sehr dankbar, dass ich Arbeit und Studium jetzt miteinander verbinden kann.“ Ihr Arbeitsplatz im Dekanat der Evangelischen Theologie erfordert ihre Anwesenheit etwa zur Hälfte, „die übrige Zeit ist Telearbeit.“ Dies und ein verständnisvoller Arbeitgeber ermöglichen ihr „einigermaßen zu rangieren“. Sie betont: „Mein oberstes Bestreben ist es, die Arbeit nicht zu kurz kommen zu lassen. Bis jetzt bin ich voll im Plan.“ Das ist natürlich recht anstrengend, aber Beer sieht es so: „Wenn man das Glück hat, gesund zu sein, ist man als Frau von Mitte 50 heutzutage auf dem Gipfel der Leistungsfähigkeit.“ Mit „Einführung in die Ethnologie, dem Lektüre- und Sprachkurs“ kam sie auf 18 Wochenstunden pro Semester, plus Klausuren! Zu Arbeit und Studium pendelt sie von ihrem Wohnort im Hunsrück. „Mit der Bahn, eine Stunde am Morgen hin, am Nachmittag eine Stunde zurück. Da habe ich viel Zeit mich vorzubereiten und zu lesen, was nötig ist.“ In den Semesterferien schrieb sie ihre erste Hausarbeit über „Rituale“. Wie aber kommt sie auf Afrikanistik? „Im Frühjahr 2017 war ich für drei Wochen auf Sansibar zu einem Volontariat, angeboten von der Non-Profit-Organisation `World Unite´. Für mich war es die Chance in eine andere Welt einzutauchen.“ Dort soll eine ökologisch verträgliche Tourismus-Organisation aufgebaut werden. Der Kontakt zu den Bewohnern des Dorfes, wo sie arbeitete, hat sie nachhaltig beeindruckt. „Dieses Volontariat war mein bisher schönster Urlaub. Ich hatte eine Aufgabe, eine Arbeit“. Es fällt sogar das Wort „Daseinsberechtigung“. Im Frühjahr 2018 war Beer dann in Lesotho, im September in Simbabwe. Dafür hatte sie einen Fragebogen ausgearbeitet „für Menschen, die mit dem Tourismus konfrontiert sind“. Was genau sie vorhat, wenn das Studium beendet ist, weiß sie noch nicht, aber: „Wenn ich mal im Ruhestand bin, würde ich gerne ein Viertel des Jahres in Afrika sein. Aber natürlich nicht als Touristin, sondern mit sinnvollen Aufgaben.“

Text Ulla Grall Fotos Stephan Dinges