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Mainz vs Berlin. Ich will (nicht) nach Berlin?!


von Nicola Diehl
Fotos Ramon Haindl & Vadim Belokovsky

Berlin oder Mainz? Das ist für viele junge und jung gebliebene die Frage. Wir haben die Sommerpause genutzt und uns mit Mainzern in Berlin und Berlinern in Mainz getroffen. Viele sind in die Hauptstadt gezogen. Warum eigentlich? Und wie lebt es sich dort? Und was treibt einen zurück nach Mainz? Sechs kleine Geschichten.

Es ist Donnerstagnachmittag. Moritz von Hammerstein steht mit gepacktem Rucksack am Mainzer Hauptbahnhof. Auf der Anzeigetafel: Berlin. 577 Kilometer. Eine Strecke, die Moritz jede Woche zurücklegt. Denn der einunddreißigjährige Doktorand pendelt zwischen Mainz und Berlin. Als ehemaliger Berliner Student brach er mit dem Klischee, nach geschafftem Uniabschluss erst einmal Großstadtluft zu schnuppern. Stattdessen drehte er den Spieß um und kam zum Promovieren nach Mainz.
Damit schwimmt er gegen den Strom. Denn nicht nur aus Mainz sind in den vergangenen Jahren spürbar viele Absolventen geflüchtet. Weg aus der „Kleinstadt“, rein in die Großstadt. Warum eigentlich?
Keine andere deutsche Stadt hat so viel Geschichte auf einem Fleck wie Berlin, keine andere Stadt so viel politisches Weltgeschehen erlebt. Und die Eroberung nicht nur Ost-Berlins durch den Westen hat vieles möglich gemacht: günstigen Wohnraum in gemütlichen Altbauten, ein exzessives Nachtleben, Kunst und Kultur. Doch wird das irgendwann nicht auch langweilig? Seit einiger Zeit entwickelt sich ein Gegentrend: Berlin wird zunehmend gentrifziert und hipsterisiert – zu viele Jutebeutel, zu viele Nerdbrillen, zu viel Mode, zu viel Oberfläche. Sein eigenes Ding zu machen wird zunehmend schwieriger – von Jobmöglichkeiten ganz zu schweigen. Eine Stadt verliert an Strahlkraft und Authentizität. Viele erkennen das und bleiben lieber in Mainz oder sonst wo und verwirklichen hier ihre Ideen. „Berliner Wind“ hält Einzug. So titelten manche Medien vor zwei Jahren, als mit der Annabatterie das „berlinigste Café in Mainz“ aufmachte. Auch Clubs wie das schonschön und die Dorett-Bar reihten sich – gewollt oder ungewollt – ein. So schrieb die FAZ noch im März dieses Jahres über letztere: „Die Atmosphäre erinnert an Berliner Szenekneipen“. Der Vergleich schmeichelt, aber muss er wirklich sein? Ist Mainz nicht mehr oder zumindest anders als Berlin? Heterogener. Multikulturell. Multigenerationell?

Multikulti war vor der Wende
So sieht es auch Mario von Wantoch-Rekowski (32 Jahre). Er kann den ganzen Berlin-Hype nicht mehr ertragen. Als in Köpenick geborener „echter“ Berliner hat er einen anderen Blick auf die Dinge. „Als Berlin Hauptstadt wurde“, sagt er, „ging es steil bergab mit der Stadt.“ Die Bonner Politiker kamen und mit ihnen Kreative und Studenten aus allen Winkeln Deutschlands, sogar aus ganz Europa.
Beim Besuch einer Bar in Neukölln schwirren tatsächlich hauptsächlich englische und spanische Gesprächsfetzen durch die Luft. Dazu wird belgisches Bier in bauchigen Gläsern serviert. Multikulti auf hohem Niveau? „Vor der Wende hatten wir viel mehr davon, da gab es auch mehr Leben auf der Straße und eine authentische politische Szene“, so Mario. Heute habe das alles abgenommen und die Berliner sind mehr genervt als erfreut über den Zustrom des auswärtigen Partyvolks. Graffiti wie „ATAB (= All Tourists are bastards)“ oder „Hipster raus “ sowie Farbanschläge gegen hippe, schmucke Bars in Stadtteilen, wo überwiegend einkommensschwache Bewohner zu Hause sind, zeugen von einer wachsenden Feindlichkeit gegen Zugezogene und Touristen. Verständlich und erschreckend zugleich – immerhin das Problem hat Mainz nicht.

Schöner Wohnen in Berlin
Die Studentenstadt plagt sich derzeit mehr mit Wohnraummangel. Eine Grund, warum Moritz seinen Wohnort noch nicht komplett nach Mainz verlegt hat. Ursprünglich kam er aus ganz pragmatischen Gründen nach Mainz. „Mein Professor arbeitet eng mit einem Mainzer Professor zusammen. Das Stellenangebot kam, ich habe es angenommen und so bin ich in Mainz gelandet“, erzählt er. Seit Oktober vergangenen Jahres ist er nun Halbmainzer und lehrt an der Uni Geographie. Er lebt von Montag bis Donnerstag in Mainz, das Wochenende über in Berlin. Zwar fühlt er sich wohl in der Stadt, aber er hat auch schon bemerkt, dass er sich nicht ganz so unbemerkt bewegen kann. „Du triffst schon ständig Studenten, was nicht weiter schlimm ist, aber daran muss man sich erst mal gewöhnen.“
In Berlin wohnt mit Freundin Anna und seinem einjährigen Sohn Alvin auch Moritz’ frisch gebackene Familie: „Wir überlegen schon, nach Mainz zu kommen, aber dafür sind Wohnungen und Essen echt teuer und auch an Kita-Plätzen mangelt es“, erzählt der Doktorand. Zwar verfügt Rheinland-Pfalz über einen Rechtsanspruch auf einen kostenfreien Kitaplatz für Kinder ab zwei Jahren, doch das Angebot reicht bei weitem nicht aus. In Berlin haben sich in den vergangenen Jahren viele Elterninitiativen zusammengefunden, die für ein gutes Betreuungsangebot sorgen. Und auch bezahlbarer Wohnraum ist trotz zunehmender Gentrifizierung immer noch einfacher zu finden als in Mainz. Das beweist auch das „Schmuckstück“ von Dina Fluck (27 Jahre). Im für Zugezogene eher unüblichen und ruhigen Berliner Stadtteil Lichtenberg hat sie eine Altbauwohnung gefunden – mit Blick ins Grüne bei gleichzeitiger Nähe zu Friedrichshain und Kreuzberg. Die Wege legt sie mit dem Fahrrad zurück. Auch das ist in Berlin kein Problem. Das Radwegenetz ist gut ausgebaut. „Ich mag es, mit dem Fahrrad durch die Stadt zu fahren, weil man so viel mehr von der Stadt mitbekommt.“ Dina kam vor eineinhalb Jahren nach Berlin. Nach ihrem Kommunikationsdesignstudium an der FH Mainz hat es sie in die Großstadt gezogen. Sie hat damit die Land-Stadt-Wanderung einer ganzen Generation mitgemacht. „Ich bin hier viel häufiger abends unterwegs als in Mainz, weil ständig was los ist. Manchmal muss ich mich wirklich zwingen, einfach mal zu Hause zu bleiben“, lacht Dina. Sie genießt das Berliner Leben, geht gerne auf Ausstellungen oder trifft sich mit Freunden am Spreeufer. Auf Dauer möchte sie aber trotzdem nicht bleiben. „Es ist schon schwer in einer Stadt, in der alle zu jeder Zeit alles haben können, zur Ruhe zu kommen.“

Pulsierende Großstadt oder bekannte Gesichter?
Für Mark Hellbusch (42 Jahre) kam die Wende 2007. Nachdem er sieben Jahre in der Stadt der Künstler und Kreativen verbracht hat, viel unterwegs war und sich hat treiben lassen, zog es ihn zurück nach Mainz, wo er in der Gaustraße seine Galerie betreibt. Ihm war Berlin „einfach zu groß“. Das ständige UBahn-Fahren und die großen Entfernungen nervten. Weil seine Freunde meist in anderen Stadtteilen wohnten, musste er lange Wege in Kauf nehmen, um nicht das Leben eines Einsiedlerkrebses zu führen. So zog er zurück nach Mainz, wo der Fußweg vom einen Ende der Stadt zum anderen maximal zwanzig Minuten dauert und auch das Nachthopping von Bar zu Bar eher unkompliziert ist: „Ich gehe einfach gerne zu Fuß und ich mag es auch, wenn ich Bekannte treffe, ohne mich groß zu verabreden“, erzählt der Künstler und Kunstlehrer. Und das ist in Mainz mehr als möglich, für viele andere aber wiederum einer der Hauptgründe, die Stadt zu verlassen… Wie für Andreas Wagner (32 Jahre), der in Mainz Filmwissenschaft studiert hat. Er freut sich über die Größe, Anonymität und Abwechslung, die ihm Berlin bietet. Auch für seine Arbeit als Filmautor bringt die Vielseitigkeit der Großstadt Vorteile mit sich, auch wenn das nicht der Grund für seinen Umzug war. „Nach zehn Jahren Mainz musste ich einfach mal raus.“ Und weil schon zwei, drei Freunde hier wohnten, wurde es dann eben Berlin. „Im Nachhinein bietet sich Berlin natürlich für unsere TV-Beiträge an, weil du in Berlin zu jedem Thema immer was findest, was du drehen kannst und immer einen Ansprechpartner hast.“ Andreas betreibt zusammen mit seinem Kollegen Benjamin Leng die Filmproduktionsfirma Hick Pix – mit Standorten in Mainz und Berlin. So ganz verlassen hat er Mainz also nicht. Denn die Nähe zum ZDF, für das sie regelmäßig Beiträge produzieren, sichert ihm so manchen Auftrag.

„Hier findet jeder seine Nische“
Dass Berlin nicht nur Moloch ist, sondern auch richtig grün sein kann, zeigt ein Stadtspaziergang mit Hernando Tascon (36 Jahre), den manch ein Mainzer vielleicht noch von der alten Schick-und-Schön-Theke am Südbahnhof kennt. Auch im schonschön, an dessen Ladenkonzept er mitgetüftelt hat, trifft man ihn heute noch hin und wieder an. „Das war und ist einfach meine Mainzer Heimat. Wenn ich in Mainz bin, gehört mindestens ein Abend auch dem Club und den Leuten dahinter“, erzählt Nando. Sein „neues“ Zuhause ist aber Berlin. An seinem Lieblingsort, dem Kanalufer in der Nähe des Gräfekiez in Kreuzberg offenbart sich, wie ruhig, gemütlich und entspannt es sich in Berlin auch leben lässt. Auf einem Floß paddelt Culcha Candela-Sänger Larsito vorbei und grüßt Nando mit einem Wink. Beide sind Kolumbianer, man kennt sich – auch in Berlin. Und auf dem Weg zurück treffen wir noch zwei Wiesbadener, die Nando aus Studienzeiten kennt. Auch das kann hier passieren, wenn auch eher selten. „Das Tolle an Berlin ist, dass es so viele Nischen gibt und hier jeder seinen Platz finden kann.“ Das kann zwar ab und an länger dauern, weil die Größe der Stadt das Finden nicht erleichtert, aber schon bei einer U-Bahn-Fahrt sehen wir eine vermischte Welt: hier eine mit Burka verhüllte Muslima, neben ihr eine Kaugummi kauende Berliner Göre aus dem Plattenbau und an der Tür lehnt ein junger Mann in Bademantel und Jeans. Wundern tut das hier keinen.

Mehr Offenheit in Mainz
Dem Berliner Mario von Wantoch-Rekowski war das alles irgendwann zu viel. „Mein Zuhause ist ganz klar Mainz, ich will nicht mehr nach Berlin zurück.“ Ursprünglich kam er des Jobs wegen nach Mainz, ist aber begeistert von der Stadt und liebt das „französische Flair“ und die Beschaulichkeit. „Schnuckelig“ beschreibt er Mainz und schätzt die Nähe zur Natur – Natur frei von Menschenmengen – die er in Berlin nicht findet. Außerdem seien die Mainzer viel offener als die Berliner, die sich „schon etwas darauf einbilden, aus der ‚Hauptstadt‘ zu kommen.“ Mainz sei zwar überschaubar, aber genau das mache das Schöne an der Stadt aus. Man trifft Bekannte, ohne sich zu verabreden, schlendert über den Wochenmarkt, sitzt in der Weinstube zwischen Jung und Alt und wird als einsamer Gast am Tresen auch einfach mal angesprochen. Zurück zu den Wurzeln im urbanen Kontext? Vielleicht ist das der neueste Trend. Zurück in die Kleinstadt und Nachbarschaftsverhältnisse pflegen, sich gegenseitig helfen, statt anonym nebeneinander her zu wohnen. Und genau das passierte mir an einem Freitagabend in der Zeitungsente, einer der typischen und gemütlichsten Kneipen von Mainz. Nur wenige Plätze waren noch frei an den massiven Holzbänken in der ersten warmen Sommernacht im Juli und ich ließ mich nieder gegenüber einer reiferen Dame. Mit Weinschorle und selbstgedrehter Zigarette saß sie dort. Schnell kamen wir ins Gespräch. So offen ist Mainz – und die Dame, sie kam aus Berlin.

Ein Kommentar “Mainz vs Berlin. Ich will (nicht) nach Berlin?!

  1. juhu würde gern Kontakt zu dem pendler Moritz aufnehmen.da ich selbst auch von mz nach Berlin pendele könnt ihr da vermitteln? danke euch. LG Johanna

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