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Die Welt des Dr. Tretznok (Januar)


Bei einem Schaufensterbummel bleibe ich vor einem Schuhgeschäft stehen. Große Hinweisschilder mit der Aufschrift „reduziert“ wollen zum Kauf anregen und bei mir funktioniert sowas auch, also schaue ich mir interessiert die Auslage an. Die Schuhe sind mir allerdings zu teuer, so dass ich mich frage, was mit „reduziert“ gemeint sein könnte, da es sich wohl nicht auf den Preis bezieht. Wahrscheinlich sind nicht der Preise reduziert, sondern etwas anderes, vielleicht die Anzahl der Schuhe oder die Verpackung.
Ich bin mit merkwürdigen Begriffen leicht zu verwirren. „Reduziert“ heißt so viel wie „verringert“. Entsprechend sind reduzierte Waren einfach verringerte Waren. Da ich aber keine verringerten Waren haben möchte sondern vollständige, löst das bei mir eine gewisse Skepsis aus.
Andere Worte, mit denen Waren angepriesen werden, sind noch verwirrender. Die meisten Lebensmittelläden führen inzwischen eine eigene Serie mit „Bio-Produkten“. Man kann sich entscheiden zwischen Karotten und Bio-Karotten, aber ich frage mich, was eine Bio-Karotte sein soll. Bio war in meiner Schulzeit die Abkürzung für Biologie, die Lehre vom Leben. Sind Bio-Karotten also Biologie-Karotten? Oder biogenetisch veränderte Karotten? Und was ist mit den Karotten, die nicht „bio“ sind, sind die tot?
Ebenso unklar ist die Abkürzung „öko“. Es gibt immer mehr Öko-Produkte, aber was ist damit gemeint? Ich vermute, dass zumindest bei einigen Dingen mit öko ökonomisch gemeint ist, wahrscheinlich im Sinne der Hersteller und Händler, die sehr ökonomisch damit sehr viel Geld verdienen wollen. Tatsächlich habe ich mal, noch Ende der 80er, also vor der „Öko-Welle“, in einem Betrieb gearbeitet, der „Öko-Produkte“ vertrieben hat und damit besonders ökonomische Dinge meinte, zum Beispiel gab es einen Öko-Bleistiftspitzer, mit dem sehr schnell und effektiv Bleistifte angespitzt werden konnten.
Die ganze Öko-Bio-Welle treibt auch sonst absonderliche Blüten. Auf der Packung der Milch, die ich immer kaufe, steht: traditionell hergestellt. Als ich das zum erstenmal las, bekam ich noch im Laden einen Lachkrampf, weil ich mir eine besonders traditionsbewusste Kuh vorstellte, deren traditioneller Euter ein wenig schaukelt, die noch die Kuhglocke ihrer Urgroßmutter trägt und deren politische Ansichten eher konservativ sind.

Mit Begriffen sind wir ganz schnell um den Verstand zu bringen, weil wir uns nichts mehr darunter vorstellen können oder ein völlig falsches Bild vor Augen haben. So gibt es seit einiger Zeit Kaffee zu kaufen, der „karamellisiert“ ist. Ich sah sofort edle, teure Karamellbonbons vor mir, die man dem Kaffee beigefügt hat, um ihn zu veredeln. Sofort kaufte ich eine Packung. Dass Karamell einfach nur Zucker ist, dass also karamellisierter Kaffee mit billigem Zucker gepanschter Kaffee ist, wurde mir erst zu Hauser klar. Dass dieser reduzierte Kaffee den Hersteller nur die Hälfte kostet ist dann besonders öko im Sinne von ökonomisch.

Man sollte die Werbung wirklich häufiger wörtlich nehmen. Während ich dies schreibe läuft das Weihnachtsgeschäft auf Hochtouren, und überall bieten die Läden „Geschenke“ an. Ich sollte doch wirklich einmal in solch einen Laden gehen, mich artig für die Geschenke bedanken und einfach alles mitnehmen. Wenn ich dann wegen Ladendiebstahl vor Gericht stehe zücke ich den Duden und verweise darauf, dass Geschenke grundsätzlich kostenlos sind und deshalb von Diebstahl keine Rede sein kann. Ich fürchte aber, dass die juristischen Begriffe, die ich dann zu hören bekomme, mich so durcheinander bringen, dass ich ein leichtes Opfer für die Justiz bin.
In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern möglichst keinen Rutsch und ein nicht reduziertes Jahr 2011!