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Die Kerzenmanufaktur Tusar: Der letzte Tropfen


von Monica Bege, Fotos: Katharina Dubno

Eine außergewöhnliche Kerzenfabrik versteckt sich inmitten von Mainz – sensor hat den Ein-Mann-Betrieb besucht.
Franz Hubertus Tusar springt die Treppe herunter und sein lederner Tornister hüpft auf dem Rücken auf und ab. Der Weg aus der Wohnung führt zwischen langen Tischen mit sorgsam aufgetürmten Kirchenkerzenhügeln hindurch. Der vertraute Geruch von warmem Wachs zieht ihm in die Nase. Am Nachmittag wird er vielleicht ein paar Adventskerzen im roten Tauchwachs einfärben. Es ist 1958.

Alte Tradition in jungen Händen
„Die Kerzenfabrik ist ein Teil von mir“, sagt der Junge von damals und schaut sich in der Werkhalle um. Kupferrohre mit heißem Wasserdampf verlaufen an Wänden und Decke, glatt geschliffenes Holzwerkzeug und helle Wachsspäne liegen in jahrelang erprobter Manier beisammen – alles ist mehr Manufaktur denn Fabrik. Beim Büromobiliar scheint die Zeit stehen geblieben, es passt sich authentisch ins optische Gesamtgefüge ein. Alles wirkt entschleunigt – wo Wachs das Tempo bestimmt, hat Alltagshektik nichts verloren. 1837 gründet Adam Lorenz Werner, der Glöckner und Küster von St. Quentin, die Fabrik. Generationen später – Mitte der vierziger Jahre – gehen den Werners erbende Nachkommen aus und Tusars Vater übernimmt das Unternehmen. Als Franz Hubertus im elterlichen Betrieb das Handwerk des Wachsziehers erlernt, verstirbt der Vater. Viel zu früh. Mit noch nicht abgeschlossener Ausbildung lastet die Firmenverantwortung nun in seinen Lehrlingshänden.

Wachsweiche Endlosschleife
Hochbetrieb herrscht im Januar – der Kirchenkalender gibt mit der traditionellen Kerzensegnung an Mariä Lichtmess einen großen Auslieferungstermin vor. An die achtzig Mal im Jahr läuft die große grüne Zugmaschine an. Heute dreht sie sich für den Mainzer Dom. Über die beiden Trommeln spannen sich in mehreren Bahnen zwei 65 Meter lange Endlosdochte. Immer wieder tauchen sie im Wachsbad ein und verlassen es mit einer zusätzlichen Schicht von 0,2 bis 0,3 Millimetern. Fünfhundert Wiederholungen braucht die biegsame Kerzenschlange für einen Durchmesser von sechs Zentimetern. Dünner geht es natürlich auch. Alleine kann man sie in dieser Zeit nicht lassen. Tusar prüft die marzipanfarbigen Kerzenstränge alle paar Minuten mit der Hand auf Festigkeit. „Ist das Wachs zu heiß, reißt der Strang, ist es zu kalt, bricht er“, sagt er und heizt die Wachswanne mit etwas Wasserdampf nach. Jahrelange Erfahrung hat sein Fingerspitzengefühl geschult. Eine falsche Entscheidung kann die Arbeit der letzten Stunden zunichte machen. Die Endloskerze wird zusehends schwerer. Eine der Bahnen hängt durch und Tusar zieht sie sofort wieder stramm. Bei jeder Drehbewegung quietschen Tusars Schuhsohlen auf dem wie gebohnert glänzenden Betonboden. Er hört es längst nicht mehr. „Zehn Prozent Bienenwachs, der Rest ist Paraffin“, verrät er die Zusammensetzung. Pflanzliches oder tierisches Stearin verarbeitet er nicht, es würde bei der Biegung um die Trommeln brechen. Die Zugmaschine schafft maximal sechs Zentimeter, für größere Durchmesser werden die Kerzen per Hand übergossen. Mal von oben, mal von unten. Warum kein Tauchbecken? „So kann ich die Länge frei variieren“, die Begründung des Wachsziehers. Ist der Umfang erreicht, rollt er die dicken Kerzen mit einem Holzstück glatt. Die Politur nach dem Bad im Tauchwachs entscheidet über Hochglanz oder Matt.

Die Zeit bleibt nicht stehen
Der Traum der Betriebserweiterung – er ging vom Vater auf den Sohn über und wurde von zu hohen Kosten ausgebremst. Die Firma blieb, wo sie war: in einem Hinterhof an der Binger Straße. Seit Jahren bewältigt Tusar die Arbeit hier ganz alleine. Nur in Würzburg und München gibt es noch Manufakturbetriebe wie den seinen. Ein paar Mal im Jahr werden drei bis vier Tonnen Wachs angeliefert und per Hand abgeladen. Der Transport in die Werkstatt und von dort per Miniaufzug in den kühlen Keller braucht Zeit – Zeit, in der der parkende Lastwagen den Verkehrsfluss behindert. Die Stadt Mainz sieht das nicht gerne und Tusar ärgert sich über Vorschläge wie den der Auslagerung seines Betriebes in ein Gewerbegebiet. Achtzig Kilometer weiter südlich fertigt sein nächster Konkurrent – hochmodern und auf großer Fläche. Kirchenkerzen belegen dort nur eine Sparte, doch die Marktanteile sind heiß umkämpft. Kerzenattrappen mit Kunststoffhülle und Dosen mit flüssigem Brennstoff beanspruchen zusätzlich ein Stück vom großen Kuchen. Sie tropfen nicht und sind einfacher in der Handhabung. Doch: „Die Kerze verzehrt sich selbst beim Verbrennen, so wie Christus sich in seiner Liebe für die Menschen verzehrt hat“, klärt Tusar über die nur einer Wachskerze inne wohnende Symbolkraft auf. Seine genaue Produktionsplanung reicht kaum über eine Woche hinaus. Wo die Logistik großer Unternehmen schlapp macht, wickelt Tusar kurzfristige Aufträge flexibel ab – auch über Nacht. Dank seiner Rund-um-die-Uhr Erreichbarkeit erstrahlte schon eine am Boden zerschellte Osterkerze am folgenden Ostermontag wieder in neuem Licht. Der Wachszieher hat zwar keine Familie, alleine ist er dennoch nicht. Zusammen mit seiner Schwester Maria Theresia wohnt er im Vorderhaus. Sie hilft ihm bei der Kerzendekoration. In ein paar Jahren wird sich der 61-Jährige aufs Altenteil zurückziehen. „Einen Nachfolger gibt es noch nicht“, stellt er sachlich und mit nur einer schwachen Andeutung von Melancholie fest. Der goldene Boden des ursprünglichen Handwerks bröckelt längst und China treibe mit massiven Paraffinaufkäufen die ohnehin steigenden Preise zusätzlich in die Höhe. Tusar ist Realist. Er hat sich damit abgefunden, dass die Kerzenfabrik wahrscheinlich mit ihm schließen wird: „Die Zeit ist einfach vorbei.“