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Der Opernsänger vom Brand


von Christina Jackmuth
Fotos Andreas Coerper

Gemächlich zieht er eine schwarze Tasche auf Rollen hinter sich her. Und adrett schwarz ist auch der Anzug des hoch gewachsenen Mannes, der auf den ersten Blick kaum auffällt. Erst wenn er seinen CD-Spieler ausgepackt und Spendenkörbchen, Visitenkarten und CD´s vor sich platziert, nehmen Passanten Notiz von ihm. Dann stimmt er begleitet von Musik eine Arie an und gebannt von seiner voluminösen Opernstimme bleibt augenblicklich eine ganze Schar von Schaulustigen stehen.
Herbert Wüscher, ausgebildeter Tenor, liebt das. Er mag die Straße als Bühne und den unmittelbaren Kontakt zum Publikum, das nicht wie im Theatersaal vor der Bühne verborgen bleibt. Erstaunt ist er immer wieder, mit welcher Ehrfurcht besonders kleine Kinder auf ihn reagieren. Aber auch eine obdachlose Dame hat sich schon mal zum Mitsingen neben ihm postiert, erzählt er. „Gegen eine Gage von drei Euro durfte ich dann wieder solo singen.” Seit drei Jahren singt Wüscher so gut wie jeden Samstag am Brand, am Leichhof und auf dem Domplatz. „Allerdings nur bei schönem Wetter.“ Zu seinem Repertoire gehören Arien aus bekannten Werken von Mozart, Puccini, Verdi oder Lehar. Besonders beliebt ist auch sein „Ave Maria“ von Schubert oder „Nessun Dorma“. Länger als zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten darf seine Darbietung jedoch selbst bei frenetischem Applaus nicht dauern, besagen die so genannten Zeit- und Zonenregeln für Straßenmusiker.

Straßenmusiker aus Not, aber mit Leidenschaft

Vor etwa einem Jahr führte Herbert Wüscher die Trennung von seiner Lebensgefährtin nach Mainz. Davor lebte er in Friedberg bei Frankfurt. Und davor sah alles noch ganz anders aus: Wüscher war drauf und dran, Karriere als Opernsänger am Stadttheater Würzburg zu machen. Zahlreiche Gast-Engagements folgten, unter anderem in Wien, Hamburg, München, Frankfurt und Berlin. Dann verletzte er sich jedoch übel am Fuß und die Karriere war erst mal futsch. Feste Opernengagements blieben seitdem aus und Wüscher wurde freischaffend – aus der Not heraus zum Straßenmusiker.
Die Straßengage ist für ihn jedoch nicht ausschlaggebend. Als „Aushilfssänger“ in Chören oder als Solist auf Veranstaltungen wie Hochzeiten oder Betriebsfeiern verdiene er momentan ganz gut. Mit der Straßenmusik möchte er tatsächlich möglichst viele Menschen für die Oper begeistern und Herzen berühren. Einige würden Opernmusik heutzutage nicht einmal mehr kennen, beklagt er sich. Und noch etwas reizt ihn: „Inzwischen muss ich aufpassen, dass ich mich nicht in das Straßenmusikerleben verliebe. Es ist ein leichtes Leben und ich bin niemandem verpflichtet.“
Gegen feste Engagements hätte er dennoch nichts einzuwenden. In seinem Alter, das er uns nicht verraten möchte (geschätzt zwischen Mitte / Ende 40), seien die gar nicht so einfach zu bekommen. „Die Agenten möchten am liebsten 25-Jährige mit 30-jähriger Erfahrung haben. Es werden zwar auch ältere Sänger engagiert, aber im Moment habe ich den Eindruck, dass die Opernbühne einer Art Jugendwahn verfallen ist.“

Liebe und andere Krankheiten

Entmutigen lässt sich der leidenschaftliche Sänger davon nicht. In eigenen Projekten findet er neben den Straßenauftritten seine Berufung. Geplant ist für den nächsten Frühling ein Operettenabend und die Aufführung der „Schönen Müllerin“, ein Liederzyklus nach Franz Schubert. Außerdem hat er gemeinsam mit der Sopranistin Ute Frenzel unter dem Titel „Liebe & andere Krankheiten“ ein heiteres Programm mit Liedern, Arien und Duetten aus Oper, Operette und Filmmusik rund um das Thema Liebe zusammengestellt. In der „musikalischen Komödie der anderen Art“ wird der Straßentenor auch sein Schauspieltalent unter Beweis stellen. Darin sei er ebenfalls sehr begabt … Die Premiere sollte ursprünglich im Oktober in Mainz sein, musste jedoch aus organisatorischen Gründen ebenfalls auf das kommende Frühjahr verschoben werden. Die genauen Termine lagen uns bis Redaktionsschluss leider nicht vor. Wir bleiben jedoch wie immer dran… Herbert Wüscher auch.