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Der Mainzer Guerilla-Gärtner Reinhard Tiemann

Einige der letzten warmen Herbststrahlen scheinen durch die Baumkronen hinter dem Bruchwegstadion und treffen auf ein kleines Beet am Hartenberg-Münchfeld. Reinhard Tiemann kniet inmitten seiner Setzlinge. Er ist kein typischer Gärtner. Grüne Funktionskleidung weicht einer gebrauchten schwarzen Jeans sowie einem lässig anliegenden gelben Shirt. Die Brille auf seiner Nase umrahmt die klugen Augen. Das Auftreten des schlanken Mannes ist locker, doch seinem Hobby geht er passioniert, fast schon rigide nach: Reinhard Tiemann ist das, was man als Guerilla-Gärtner bezeichnet.

Für Reinhard Tiemann beginnt jetzt erst die Blüte seiner Jahre als Guerilla-Gärtner

Im Kern Rebell
Im wahren Leben ist der 56-Jährige Gymnasiallehrer für Kunst, nebenberuflich Rebell im Sinne des Klimas und Autodidakt. Die Fertigkeiten und Kenntnisse, die mit seinem Hobby einhergehen, hat er sich selbst angeeignet. Reinhard geht umher und deutet auf kleine Laub-Hügel, die er zusammengefegt hat. Sie bilden nicht nur Wasserspeicher und Frostschutz für Bäume, sie waren auch die Initialzündung für „bgrün²“ – seine Klima-Initiative. Reinhard sieht als einer der wenigen Nutzen in den losen Blättern: Sie werden Basis für Kompost. Die Natur löst Begeisterung in ihm aus, das merkt man. ‚bgrün²‘ – die Idee für sein Projekt schlummerte schon lange in ihm. Mit platzsparenden Schling-, Klimm- und Rankpflanzen versucht er im grauen Nachverdichtungsboom seines Wohnviertels grüne Akzente zu setzen: „Mit lebendigen Sachen zu tun zu haben, ihnen beim Wachsen zuzuschauen, bereitet mir Freude“, lächelt er sanft, während er berichtet.

Die Initiative findet Anklang
Durch sein Hobby kommt Reinhard viel in der Stadt herum und möchte mit seinem „Laster“ – einem Stufentandem – am liebsten alle kahlen Ecken begrünen und verschönern. Doch er will auch mit Vorurteilen aufräumen, auf Missstände hinweisen und die Akzeptanz für unberührte Stellen und Wildwuchs erhöhen – Menschen dazu bewegen, ‚Kletterer‘ wie Efeu nicht direkt zu beseitigen, und ihnen Natur näherbringen. Und die Arbeit trägt Früchte: Wie ein Wurzelwerk greift die Initiative um sich. Stetig wächst die Zahl der Unterstützenden, und helfende Hände sind gerne gesehen: Guerilla-Gardening – also das eigenmächtige Begrünen von Brachen, Straßenrändern, Fassaden, Zäunen und anderen potenziellen Grünflächen – ist zwar illegal, doch manchmal unumgänglich, um etwas zu bewegen. In Mode geratene Schotter- Gärten oder inflationäres Pflastern und Teeren sind Reinhard Tiemann ein Dorn im Auge und zudem schädlich für Mensch und Umwelt. „Vermutlich ist so etwas in zehn Jahren eine Straftat“, hofft er, denn diese Art der Versiegelung trägt zur Aufheizung von Städten bei. Die Ergebnisse seiner „Verschönerung“ werden überwiegend als gut empfunden. Die nächsten Bepflanzungen sind dann auf offiziellem Wege möglich. Tiemann lacht – wenn nötig aber auch im Sinne eines Guerilla-Gärtners.

Der ‘Laster’ ist voll beladen

Mainz ist mehr als nur Beton
Mainz ist kein Großstadtdschungel. Weder im übertragenen noch im wörtlichen Sinne. Im Gegenteil. Es fehlt der Stadt an Grün – aber nicht nur an angelegtem, sondern auch an Wildwuchs. Generell wird in Rheinhessen zu viel Kahlschlag betrieben, findet Reinhard. Wuchernde Hecken, üppiges Straßengrün oder bewachsene Fassaden und Zäune bleiben eine Seltenheit. Am King-Park setzt die Dämmerung ein. Orte wie dieser und die zuvor beschriebenen faszinieren ihn: Brachen bergen Potenziale. Es sind diese „verwunschenen Orte und wertvollen Verstecke, die Schutz für Tiere, aber auch Menschen bieten – so etwas brauchen Städte“, so Reinhard. Und er hat Recht. Es sind diese Ecken, die aus einer urbanen Betonwüste ein gesundes Ökosystem Stadt entstehen lassen können.

www.bgruenhochzwei.de
Text
Benedikt Palm
Fotos
Marla Dähne

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