
DJ aus Leidenschaft und Kurator der Musik
Über 2000 Singles aus den unterschiedlichsten Genres stehen bei Wolfgang Kerl zu Hause im Regal. Musik ist für den 74-Jährigen nicht nur ein Hobby, sondern eine echte Leidenschaft, die ihn seit Jahrzehnten begleitet. Kerl ist ein gefragter „Best-Ager-DJ“, der die Kunst des Auflegens mit Erfahrung, Feingefühl und persönlichem Stil verbindet. Seine Liebe zur Musik beginnt kurz nach der Absolvierung der Wehrpflicht. „Das war Anfang der 70er Jahre in der Mainzer Studentendiskothek Tangente“, erinnert sich Kerl. Der Club gilt damals als legendär, mit Partys an nahezu jedem Abend. Als dort per Aushang nach einem „guten DJ“ gesucht wird, nimmt der junge Kerl Kontakt auf, „ich habe gefragt, was sie mit einem ‚guten DJʻ meinen, und sollte mich daraufhin direkt beweisen.“ Er sagt zu und erkennt schnell: Das ist seine Welt. „Das war mein persönlicher Anfang in der Musik.“
Einst in der Tangente
Für einige Zeit ist Kerl regelmäßig als DJ in der Tangente zu Gast und steht auch bei anderen Veranstaltungen am Plattenteller. Das Auflegen begeistert ihn. Doch mit dem Ende seines Studiums an der Medienakademie ist zunächst Schluss mit der Musik. „Mein Berufswunsch waren schon immer die Medien, und als ich nach Abschluss der Medienakademie direkt beim ZDF einen Einstieg fand, war klar, dass ich diese Chance nutze.“ Kerl wird Bildmischer und später Regisseur beim ZDF. Von 1975 bis 2008 ist er beim Zweiten Deutschen Fernsehen tätig. Die Musik hat in diesen Jahren wenig Raum, bleibt jedoch stets ein Bestandteil seines Lebens. Als sich 2008 die Möglichkeit ergibt, in den vorzeitigen Ruhestand zu gehen, kehrt Wolfgang Kerl zu seiner „ersten Liebe“ zurück. Er startet als Radiomoderator und Programmgestalter beim Wiesbadener Stadtradio (www.radiorheinwelle.de). Sein Musikformat „YEAH! YEAH! YEAH!“ ist bis heute alle vier Wochen zu hören. Mit eigenen Partyformaten im Wiesbadener „Kulturpalast“, im „Walhalla im Exil“ oder mit Soulnächten im legendären „Rom Brennt“ zeigt er zudem immer wieder, dass es erfolgreiche Alternativen zu mainstreamorientierten House- und Elektro-Partys gibt. Heute wird er nicht nur im Rhein-MainGebiet, sondern zunehmend auch in London und Nizza gebucht. Dabei versteht er sich nicht ausschließlich als DJ: „Ich würde mich eher als ‚Kuratorʻ bezeichnen, der sein Publikum genau liest und seine Sets auf die jeweilige Stimmung abstimmt.“ In Mainz legt Kerl regelmäßig an Fastnacht auf und er ist im Club „Schick“ eine feste Größe – etwa bei der Partyreihe „Single.Klub“, die insbesondere beim studentischen Publikum großen Anklang findet. Seine Sets folgen dabei meist einem klaren musikalischen Konzept: „Ich lege eine bestimmte Richtung auf – und die Leute kommen genau deshalb.“ Als DJ „Mr. Mojo“ legt Kerl auch bei der Silvester-Gala 2025 im Wiesbadener Kurhaus auf. „Für die Gala wurde ich vom Veranstalter als Vinyl-DJ gebucht, um mit den besten Platten der 70er- und 80er-Jahre die Gäste ins neue Jahr tanzen zu lassen. Dafür habe ich sogar unseren gemeinsamen Urlaub in Nizza unterbrochen.“ Den ganzen August verbringt Wolfgang Kerl seit vielen Jahren in London. Das Netzwerk von ihm und seiner Frau Bettina vor Ort wächst stetig. Insbesondere seine Leidenschaft für Soul- und Beatmusik der 60er-Jahre öffnete ihm dort Türen. Über die Organisation „Modcast in the City“ fand Kerl Anschluss an eine Szene, die sich ganz der tanzbaren Beatmusik verschrieben hat.
Mister Mojo
Seit einigen Jahren ist Wolfgang Kerl mit seiner eigenen Sendereihe „Mister Mojo on the Radio“ auf der Londoner OnlineRadiostation „Totally Wired Radio“ zu hören. Mehrmals im Jahr legt er in Londoner Pubs mitgebrachte Vinyl-Singles auf und ist auch in diesem Jahr wieder gemeinsam mit mehr als 30 britischen und italienischen DJs beim mehrtägigen Festival „Modcast Goes Riviera Beat“ in Italien gebucht. Vom Nachmittag am Pool bis in die frühen Morgenstunden in verschiedenen Clubs wird dort ausschließlich mit Original-Vinyl-Singles aufgelegt. Kerl ist dabei der einzige deutsche DJ und setzt mit seinem Stil bewusst eigene Akzente. Für seine Auftritte reist er auch nach London stets mit umfangreichem Gepäck: „Ich habe zwei extra Koffer nur für meine Platten“, erzählt er. Die sorgfältige Auswahl gehört für ihn ebenso dazu wie das eigentliche Auflegen. Sein Partykonzept „Wild at Heart – Tanzen von acht bis Mitternacht“ findet in Wiesbaden inzwischen nicht mehr ausschließlich bei der sogenannten Generation der Best Ager Anklang. Zunehmend zählen auch jüngere Besucherinnen und Besucher zum Publikum seiner Veranstaltungen. Perspektivisch könnte das Format auch in Mainz Einzug halten.

Text: Alexandra Rohde
Foto 1: Birgit Schmal
Foto 2: Eddie Piller