
Seit Jahren ist das Thema in aller Munde: der Abriss der Mainzer Hochstraße alias Mombacher Hochbrücke. Der Mainzer Highway, wenn man so will, ist also bald Geschichte. Laut Informationen der Stadt sollen erste Fräsarbeiten seit 28. September erfolgen, der eigentliche Abriss im Januar 2027 beginnen und circa drei Jahre in Anspruch nehmen. Hinter einer einfachen Schlagzeile liegen aber auch Schicksale, Veränderungen in der Stadtlandschaft und Nostalgie.
Was ist los?
Doch jetzt mal von vorne: Warum muss die Kultbrücke überhaupt abgerissen werden? In einfachen Worten: Die Brücke ist marode. „Der verbaute Spannstahl ist anfällig für Spannungsrisskorrosion, weshalb ein vollständiger Abbruch aus Sicherheitsgründen alternativlos ist“, heißt es seitens der Stadt. Gebaut wurde der Betonkoloss 1969, bereits vor fünf Jahren dann gesperrt. Abgerissen werden soll von Süd nach Nord – insgesamt 1,4 Kilometer. Kalkulierte Kosten für die ganze Aktion: schlappe 33 Millionen €. Zuständig für den Abriss ist das Unternehmen Max Wild. Langsam macht sich eine leichte Anspannung seitens der Stadt bemerkbar: „Ein solch komplizierter Brückenabriss passiert in der Stadtgeschichte nicht alle Tage“, erklärt Ralf Peterhanwahr, stellvertretender Leiter der Presseabteilung der Stadt Mainz. Ein weiteres großes Thema sind die drei Bahnstrecken, die unter der Brücke verlaufen. Diese werden bis zum Abschluss der Arbeiten Ende 2028 jeweils für einen Monat gesperrt. Den Anfang macht die Strecke zwischen Mainz und Alzey. Ab März 2028 folgt der Abschnitt der Bahnlinie zwischen Köln und Mainz, im April 2028 schließlich die Strecke zwischen Mainz-Mombach und Wiesbaden. „Die Planung und Realisierung des Abrisses an sich als auch die Absprache mit der Deutschen Bahn für notwendige Trassensperrungen ist ein immenser logistischer Aufwand, weil man sich natürlich mit der DB sehr gut abstimmen muss. Und dann gilt es für den Spezialdienstleister, der den Auftrag abwickelt, sich minutiös an die Slots der DB zu halten und beim Fortgang der Brückenniederlegung auf einer Strecke von insgesamt 1,4 Kilometern an den Bahnstrecken eine Punktlandung hinzulegen“, ergänzt Peterhanwahr.
Konsequenzen für das Tierheim
Doch diese Bahnstrecken sind nicht das Einzige, was sich unter der Brücke befindet: Das Mainzer Tierheim wird ebenfalls von diesem Abriss betroffen sein. Es befindet sich in der Zwerchallee, mitten im Industriegebiet. Von außen sieht es völlig unscheinbar aus. Man würde niemals denken, dass sich in dieser etwas trostlosen Gegend ein Tierheim befindet. Etwa 400 Tiere plus unzählige Kleintiere leben aktuell hier, zwischen Bahngeräuschen und Straßenlärm, umsorgt von 20 Mitarbeitenden. Von typischen Haustieren wie Hunden oder Katzen bis zu Wildtieren wie Waschbären ist alles dabei. Nur die Geräusche und die Gerüche verraten das Mainzer Tierheim. Und die beiden Banner, die am Zaun hängen: „Wir müssen raus“ und „Grundstück zu verkaufen?“, heißt es in bunten Buchstaben.
In anderen Worten: Das Tierheim muss umziehen. „Anfang 2028 müssen wir unseren aktuellen Standort komplett räumen. Wir fangen aber schon Anfang 2027 mit dem Ausräumen an“, erklärt Michael Steige, der Leiter des Tierheims. Von den beginnenden Bauarbeiten bekommt er bereits ziemlich viel mit: „Es fallen ab und zu ein paar Brocken runter“, sagt er mit einem Schulterzucken. Seit Juli dieses Jahres ist er in dieser Position. Zuvor hat er in diversen zoologischen Einrichtungen gearbeitet. Tatsächlich hat er sich wegen des Umzugs auf die Stelle beworben. „Mich reizt das Organisatorische und das Baurechtliche“, erklärt er. Der Umzug wird auf jeden Fall eine organisatorische und logistische Herausforderung: Das Tierheim wird auseinandergerissen und somit mehrere Standorte haben. Der erste befindet sich am Rondell, der zweite an der Mombacher Straße, ein paar Meter weiter. Am ersten Standort werden sich die Verwaltung, Lagercontainer sowie die Katzen und Kaninchen befinden. Des Weiteren wird dort ein provisorischer Teich für die Tiere gegraben, die Wasser brauchen. Am zweiten Standort werden die Hunde untergebracht.
Möglicher Standort mit Zuglärm
Eine Lösung, die dem Leiter nur so halb gut gefällt. „Ich muss gestehen, ich bin nicht zufrieden mit den Standorten. Ich weiß, dass es zwar die einzigen Standorte waren, die die Stadt uns bieten konnte, aber ich habe meine Zweifel. Beide sind zum Beispiel in der Nähe von Clubs oder Eventlocations – und ich habe Angst, dass am Wochenende immer Rambazamba ist. Lärm ist nämlich ein großer Stressfaktor für Tiere“, bedauert der Leiter. Der erste Standort am Rondell ist des Weiteren von Bahnschienen umzingelt, was den Lärmpegel noch steigen lässt. Außerdem wird es ein größerer Aufwand, wenn einige Tiere zum Tierarzt müssen, da dieser nur an einem Standort sein wird. Die Kosten für den Umzug sowie den Erwerb der Flächen und Räumlichkeiten seien mit 4 Millionen € zu beziffern und trage die Stadt, erklärt diese in einer aktuellen Pressemitteilung. Steiges größter Wunsch ist derzeit, dass sich spontan ein ganz anderes Grundstück findet, am liebsten am Stadtrand oder im Wald. „Wenn ich mir andere Tierheime anschaue, wie zum Beispiel das in Bad Kreuznach, sind sie immer mitten in der Natur. Das ist natürlich ein deutlich angenehmeres Klima für die Tiere und die Mitarbeitenden als in einem Industriegebiet, gerade wenn man mit den Hunden Gassi geht“, bedauert er. „Deswegen gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass sich doch irgendwas anderes ergibt. Es wäre ein Wunder, aber daran darf man doch noch glauben“, sagt er mit einem kleinen Lächeln. Als wir mit ihm an den zweiten Standort gehen, verschwindet sein Lächeln. „Schön ist anders“, seufzt er. Tatsächlich kann man sich bessere Orte vorstellen, um Tiere in Not unterzubringen.
Dabei sei das Tierheim aber extrem wichtig für Mainz, betont Steige. Alle anderen Tierheime seien brechend voll. Gerade im Sommer habe es Wochenenden gegeben, an denen um die 50 Tiere auf einmal kamen. „Der Job, den die Mitarbeiter da machen, ist wirklich klasse! Ich glaube, die Leute sind sich nicht bewusst, was das für eine Knochenarbeit ist. An wirklich extremen Wochenenden kann man das mit der Notaufnahme vergleichen, wenn ein Flugzeug abgestürzt ist.“ Was sagt die Stadt Mainz dazu? Seit 2022 sind das Tierheim und die Stadt Mainz im Austausch. Die Gespräche laufen gut, bestätigen beide Parteien. Bei der ganzen Diskussion um den Brückenabriss ist Ralf Peterhanwahr eine Sache wichtig zu erwähnen: „Das Mainzer Tierheim ist natürlich eine überaus wichtige und sensible Variable in dieser ganzen Gleichung, aber es gibt eben auch zahlreiche weitere Akteure, die en detail berücksichtigt werden müssen und mit denen wir uns eng abstimmen, um die Beeinträchtigungen möglichst gering zu halten.“, fasst er zusammen. Trotzdem versichert die Stadt, dass das Wohl der Tiere an oberster Stelle stehe.

Ein Tierheim in Betonmodulen
Eins ist also klar: Es soll bei den beiden Standorten bleiben. Noch sind diese aber kahl. Beim Betreten ist kaum zu glauben, dass dort in ein paar Monaten Tiere leben werden. Untergebracht werden die Tiere in sogenannten Betonmodulen. Diese kann man sich ungefähr wie jene Container vorstellen, welche man vielleicht mal in der Schule hatte. Die sind aber noch in der Konzeption. Ein bis eineinhalb Jahre sollen die Tiere darin bleiben, bis die Bauarbeiten fertig sind und die Tiere zu ihrem ursprünglichen Standort zurückkehren können.
„Oft ist es aber so, dass das Ganze viel länger dauert als ursprünglich geplant. Baustellen haben ja des Öfteren Verzögerungen“, sagt Steige. Offiziell sollen die Arbeiten Ende 2028 oder Anfang 2029 beendet sein. Gerade muss der Leiter des Tierheims praktische Fragen abklären, wie zum Beispiel, wie viele Steckdosen oder Wasseranschlüsse er braucht. Für die Module wurde ein Architekt beauftragt. So richtig sich vorstellen, wie das Ganze aussehen soll, kann er aber noch nicht. „Das Problem ist, dass es keinerlei Erfahrungswerte von Tierheimen gibt, die in solchen Modulen untergebracht sind. Ich glaube, viele Schwierigkeiten werden sich spontan ergeben und wir werden schnell darauf reagieren müssen.“ Bei einer Sache ist er allerdings ganz offen skeptisch: „Allgemein ist vieles sehr unklar. Was ich mich vor allem frage, ist, wie das Umsiedeln der Tauben funktionieren wird. Wir haben aktuell rund 1000 Tauben. Dazu kommen noch viel mehr, die direkt unter der Brücke sind, das sind aber Stadttauben. Diese Tiere sind sehr standorttreu. Deswegen müssten wir relativ bald anfangen, sie umzusiedeln“, so der Leiter des Tierheims. Allgemein heißt es aktuell: warten, planen und die Veränderungen auf sich zukommen lassen. Sein größter Wunsch aktuell? „Ich betone es noch einmal: einen neuen Standort!“

Text: Caroline Rayner