
Was verbindet Mainz, einen surrealistischen Maler, Johannes Gutenberg und KI-Chatbots, die sich miteinander unterhalten?
Sie alle spielen eine Rolle in „Divina Commedia 21 – Reise im 21. Jahrhundert“, einem Projekt, das Kunst, Wissenschaft und künstliche Intelligenz zusammenführt. Die weltberühmte „Göttliche Komödie“ von Dante? 14. Jahrhundert. KI-Chatbots? Gegenwart. Dazu Malerei, Musik, wissenschaftliche Diskussionen – und eine visuelle Reise durch Mainz. Wie passt das zusammen?
Hinter dem Projekt steht Rudolf Engler, Chemiker und Hochschuldozent im Ruhestand. Er ist weder Literaturwissenschaftler noch Künstler. „Divina Commedia 21“ entstand vielmehr aus seinen vielfältigen persönlichen Interessen – und aus der Frage, was Dantes mehr als 700 Jahre altes Werk uns heute noch zu sagen hat. Dantes Reise durch Hölle, Fegefeuer und Paradies bildet den Ausgangspunkt für ein internationales Kulturprojekt, in dem Künstler, Wissenschaftler und Philosophen zentrale Themen aus unterschiedlichen zeitgenössischen Perspektiven betrachten. Malerei trifft auf Musik und Literatur, wissenschaftliche Diskussion auf digitale Technik. Künstliche Intelligenz soll dabei helfen, aus den einzelnen Elementen neue, interaktive Formen des Erzählens und Erlebens entstehen zu lassen. Doch das „Divina Commedia 21“-Projekt bleibt nicht in Dantes Welt. Es führt auch an Orte, die mit Englers eigener Biografie verbunden sind. Mainz, der Rheingau und Limburg spielen dabei eine besondere Rolle. An der Johannes Gutenberg-Universität Mainz studierte Engler einst Chemie; der Region ist er bis heute eng verbunden. Diese Kulturlandschaften innerhalb des Projekts zu würdigen, sei für ihn ein „Herzenswunsch“. So wird Dantes Reise ins Jenseits im 21. Jahrhundert überraschend konkret: Sie führt uns visuell mitten durch Mainz. Erste Arbeiten für „Reisen im fantastischen Mainz“ wurden im Frühjahr im Gutenberg Hub präsentiert. Gemeinsam mit dem surrealistischen Maler Helmut Gerigk aus Wiesbaden arbeitet Engler an 100 digitalen Mainz-Mosaiken, die jeweils aus 5.000 individuellen Kacheln bestehen. Die hochauflösenden Grafiken sollen nicht nur am Bildschirm zu sehen sein: Denkbar sind etwa großflächige Projektionen auf Festen und Veranstaltungen. Doch der Bezug zu Mainz endet nicht bei dieser umfangreichen Kunstserie. Engler lässt zwei historische Persönlichkeiten miteinander diskutieren: Johannes Gutenberg, der Mainz mit dem Buchdruck weltberühmt machte, und den italienischen Gelehrten Cristoforo Landino. Der fiktive historische Dialog ist vollständig durch künstliche Intelligenz generiert. Mit der Gefahr konfrontiert, die Kirche könne eine gedruckte Version der „Göttlichen Komödie“ zensieren, erwidert KI-Gutenberg darin mit einem Lächeln:
„Ich glaube, dass wir den Mut haben sollten, diese Grenzen herauszufordern. Wenn wir das Buch drucken, dann könnte es der Funke sein, der viele zum Nachdenken anregt.“
Ob Gutenberg tatsächlich so argumentiert hätte? Wir wissen es nicht. Doch gerade darin liegt der Reiz dieser KIExperimente. Engler hat lebende und historische Persönlichkeiten bereits in verschiedenen Konstellationen miteinander ins Gespräch gebracht und sieht darin Potenziale für die Wissensvermittlung. Mehr als 500 Jahre nachdem Gutenberg in Mainz die Verbreitung von Texten revolutionierte, lässt ihn eine neue Technologie über die Chancen und Risiken einer Medienrevolution diskutieren. So liefert Dante die jahrhundertealten Fragen, das fantastische Mainz die historischen und künstlerischen Schauplätze – und die KI lässt Vergangenheit und Gegenwart auf ungewöhnliche Weise miteinander ins Gespräch kommen.
Text: Kai Heinius