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Das sensor 2×5 Interview mit Postlager & Gutleut-Betreiber Victor Anta Muñoz

Du betreibst mit zwei Kollegen das Gutleut und das Alte Postlager am Hauptbahnhof. Wie kam es dazu und wie sehen eure Zukunftspläne aus?
Genau, das Gutleut Nähe Schillerplatz, und im Frühjahr haben wir das alte Postlager von der Firma Gemünden als Zwischennutzung angeboten bekommen. Das Gebäude wird in einigen Jahren abgerissen und dort etwas Neues gebaut. Mein Kollege Victor Bergmann hatte dann die Idee aus London, aus dem Postlager eine Art „Food Markt“ zu machen. Wir haben also diverse Mainzer Gastronomen ins Boot geholt. Man kann jetzt hier kulinarisch von allem etwas haben. Und da die Immobilie mit 2.000 qm sehr groß ist und der Bedarf nach Events ebenfalls, machen wir mehr Konzerte, Ausstellungen, Conventions und im Dezember etwas Weihnachtliches mit Tannenbäumen, Kinderkarussell usw.

Wie viele Läden sind da und ist das mehr was für Hipster?
Um die elf Läden sind das, über Pizza, zum Vietnamesen, Araber, Edelbeef, Laurenz, N’Eis, alles mögliche – und alles ohne Eintritt! Dafür ist es vielleicht hier und dort ein wenig teurer, aber alles im normalen Bereich. Und deswegen wollen wir auch alle Leute ansprechen, nicht nur Hipster. Die Leute entscheiden selbst, ob sie kommen wollen oder nicht. Wir kategorisieren Menschen nicht, wir verbinden Menschen, bringen sie zusammen.

Wie organisiert ihr euch? Wer macht was?
Ich mache hauptsächlich das Booking, Ideengebung, Konzepte, Aufbau, Umbau. Victor und Fabian Heubel haben auch ihren Bereich, aber vieles vermischt sich auch. Fabian ist ein sehr guter Zahlenmensch, Victor ist sogar Doktor der Physik, er kann mit jedem und ist mega-engagiert. Klar ist auch nicht immer eitel Sonnenschein zwischen uns, aber die Dreier-Situation hilft uns allen bei der Entwicklung. Wir haben ein hohes Arbeitspensum und machen die Geschichte trotz Feierei sehr diszipliniert. Und wir haben vor allem auch ein super Team!

Auch das Gutleut hat sich verändert. Was wurde dort umgestellt?
Früher hatten wir noch Café-Betrieb und Frühstück. Aber da sind wir nicht so gut drin, und es gibt viele andere, die das besser können. Unser Ding ist vor allem das Abendgeschäft. Und Ausstellungen, die laufen auch sehr gut. Die nächste Ausstellung im Gutleut ist übrigens Street Art von Christian Böhmer.

Wie lange macht ihr das noch?
Bei uns stellt sich nicht die Frage, wie lange wir das noch machen. Sondern eher: Was machen wir noch? Ich würde zum Beispiel gerne alle engagierten Mainzer Akteure an einen Tisch bringen und Know-how zusammengetragen, für die Stadt, Konzepte entwickeln, Ideen und Lösungen finden. Auch ein Nachtbürgermeister wäre eine gute Sache. Mehr Kultur machen, also richtige, relevante und über Grenzen hinaus strahlende. Nicht die Anstriche von Kultur, die sich so viele gerade überall geben.

Du bist seit zehn Jahren in Mainz. Wie kamst du hierher?
Meine Eltern kommen aus Cordoba in Andalusien, ich bin aber hier geboren und aufgewachsen. Sie sind 1973 vor dem Franco-Regime geflohen. Wir sind nach Biblis, ich bin da zur Schule und habe dann mehrere abenteuerliche Jobs gehabt. Später das Abi nachgeholt und 2009 bin ich zum Studium nach Mainz gekommen: Architektur an der Fachhochschule – aber nicht abgeschlossen. Und dann habe ich angefangen im schon schön an der Bar zu arbeiten. Da habe ich vieles gelernt und auch viele Leute kennengelernt – auch meine Kollegen getroffen, und wir hatten irgendwann die Idee und Möglichkeit, das Gutleut zu machen – anfänglich eine Schnapsidee bzw. Kaffeeidee, in der Annabatterie …

Was nervt dich an Mainz und was gefällt dir?
Die Wege sind kurz, man rückt zusammen und redet miteinander. Die Leute sind auf Augenhöhe, es ist eine Wir-Mentalität. Es ist also nett hier, nicht so kalt wie woanders, kaum Arroganz. Die Leute haben Ideen und sind innovativ. Mainz ist jung und voller Kraft. Die Stadt hat alles, was es braucht, wir setzen es nur nicht um. Wir haben Ämter und Strukturen, es funktioniert nur oft nicht. Vieles wird abgeblockt. Es fehlt teilweise an Verständnis für gute Ideen. Es fehlt der Ehrgeiz in den Köpfen, selbst Teil der Stadt zu sein und zu gestalten. Zu oft wird getan, als sei all das Gute eher ein Störfaktor. Wir dürfen mit ein paar Festen im Jahr und einer Schorle in der Hand nicht die Selbstzufriedenheit die Oberhand gewinnen lassen.

Und wie beurteilst du die sonstige Gastro-Landschaft?
Die ist auf jeden Fall ausbaufähig. Man kann den Leuten keinen Scheiß mehr vorsetzen. Die haben die Welt gesehen und wissen, was State of the Art ist. Sei es guter Kaffee, Essen oder was auch immer. Die Gastro-Szene ist divers, aber die Stadtverwaltung versteht das zu oft noch nicht. Wie auch immer – der Markt wird regulieren, was gebraucht wird und was nicht.

Wie sieht ein typischer Victor-Tag aus? Was machst du privat?
Ich stehe meistens gegen 9 Uhr auf und checke meine Nachrichten. Dann Büro, Mails, Termine, Gutleut, mit Kollegen sprechen, nochmal Mails, telefonieren, so ungefähr. Am Wochenende geht es nachts länger, dann schlafe ich mittags auch mal eine Stunde. Aber unter der Woche, da geht es mehr ums Vorbereiten, da mache ich nicht viel nachts. Und privat gehe ich auch kaum noch weg. Wenn, dann mal was Schönes essen oder in Museen: Städel, Schirn, Mannheimer Kunsthalle, also mehr Richtung Frankfurt und Mannheim. Und ich lese gern, auch mehrere Bücher und Magazine gleichzeitig: brand eins, auch mal die Vogue und viele Bücher – aktuell Remarque Im Westen nichts Neues, John Milton Paradise Lost und Jenseits von Eden von John Steinbeck.

Was hättest du gemacht, wenn du nicht das geworden wärst, was du bist?
Selbstmord – aus früherer Sicht. Heute allerdings sehe ich mich in zehn Jahren eher in einem Häuschen im Grünen mit Frau und zwei Kindern.

David Gutsche
Foto: Jana Kay

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