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Das sensor 2×5 Interview mit Kulturei-Chefin Yvonne Wuttke

Bei dir ist das Berufliche viel mit Privatem verbunden. Wo kommst du her und wie hat sich das mit der Kultur-Arbeit ergeben?
Ich komme ursprünglich aus dem Osterzgebirge bei Dresden und bin 1989 nach Wiesbaden gezogen mit meiner Mutter. Nach ein paar Jahren bin ich aber wieder zurück und habe im Osten ein wildes Leben geführt. In der Zeit des Schulabschlusses oder während der mittleren Reife wurde ich schwanger. Nach der Schule bin ich dann mit meiner Tochter nach Wiesbaden gekommen und war dann quasi alleinerziehende Mutter. Dazu habe ich im botanischen Garten der Gutenberg-Universität meine Ausbildung zur Zierpflanzengärtnerin gemacht. So bin ich nebenbei zum Allgemeinen Studierenden Ausschuss (AStA) gekommen, wo sich die Sachen schließlich ergeben haben.

Du meinst vor allem kulturelle Sachen?
Ja, es ging dort los mit dem AStA-Sommerfest, das habe ich viele Jahre organisiert. Dazu kamen diverse Partys, die Nacht der Wissenschaften, Lumpenbälle, Hochschulfeste, die Sommerschwüle, der CSD, der Filmsommer Mainz, die freie Projektgruppe des Open Ohr Festivals usw. In dieser Zeit habe ich auch meine eigene kleine Firma damals gegründet, grossraus. com, über den EULE Mainz e.V., ein gemeinnütziger Verein und Netzwerk für Gründer und Unternehmer.

Mittlerweile bist du hauptsächlich mit der „Kulturei“ auf der Zitadelle beschäftigt. Was hat es damit auf sich?
Die Zitadelle war schon immer einer meiner Lieblingsorte in Mainz, vor allem auch durch das Open Ohr Festival. Darüber habe ich die Initiative Zitadelle Mainz (IZM) kennengelernt, ein Verein, der sich für die Erhaltung der Zitadelle einsetzt. Mit denen zusammen mache ich das Zitadellenfest und den „Kunst & Korinthen“ Weihnachtsmarkt. So kam schließlich die Idee, die Kulturei an der Mauer der Zitadelle sozusagen als Location wieder neu zu bespielen mit kleineren alternativen Events.

Und was erwartet einen mittlerweile in der Kulturei?
Wir sind ein offener Kulturort mit diversen Veranstaltungen. Leider war während Corona nicht so viel möglich, da hatten wir aber immerhin den Kulturei Kiosk und die Sommerlounge draußen mit Ausstellungen. Dieses Jahr gibt es vor allem den Kulturei-Donnerstag: Jeden Donnerstag ab jetzt Kultur & Wein ab 17 Uhr mit unterschiedlichem Programm. Da ist die queere Szene mit dabei, historische Sachen, Konzerte, Lesungen, alles Mögliche. Das kann man sich ab jetzt merken: Jeden Donnerstag Kulturei!

Gibt es dieses Jahr noch andere Projekte von oder mit dir?
Ja, am 21. Mai wird es eine Open Ohr Verein-Vorveranstaltung geben zusammen mit dem Absinto Orkestra und der Märchenlampe. Das Open Ohr Festival selbst findet endlich auch wieder statt vom 3. bis zum 6. Juni. Im August kommt dann unser Filmsommer Mainz zurück, als Festival, vom 16. bis zum 27. August, größer und bunter und lauter. Wir wollen dieses Mal vielen Kulturschaffenden aus der Region eine Bühne geben, also nicht nur Filme zeigen, sondern es werden auch noch viele weitere Sparten zu erleben sein.

Was ist die Philosophie hinter deinen Aktionen?
Ich bin keine, die die Kurzstrecke geht, sondern ich stehe für die Langstrecke. Ich musste damals als junge Mutter viel kämpfen, vor 28 Jahren war das noch ein wenig anders als heute. Ich beiße mich also durch und halte auch gern durch. Meine Vision ist es, Leute miteinander zu vernetzen und bei manchen Themen lege ich auch gerne gesellschaftlich den Finger in die Wunde. Ansonsten verstehen wir uns als Team, Plattform und Netzwerk. Denn allein geht es nicht. Dazu gehört auch eine gute Zusammenarbeit mit der Stadt, zum Beispiel mit dem Ordnungsamt oder dem Grünamt. Und manchmal gehört eben auch dazu, dass eine Veranstaltung schonmal früher vorbei sein muss. Hierfür sollte man Verständnis haben.

Machts denn noch Spaß, oder würdest du lieber wieder zurück in deinen erlernten botanischen Beruf?
Das letzte Corona-Jahr war schon ein Tiefpunkt bei mir und ich dachte auch schonmal daran, es anders zu machen … Aber ich habe gemerkt, ich kann nicht aufhören. Wir alle haben zwar mehr oder weniger viel verloren, aber auch viel gewonnen. Corona hat uns vor Augen geführt, wie wir leben und was wir leben. Und ich versuche, das Ganze auch positiv zu sehen, als Chance, dass man sich vielleicht auch nochmal ein Stück weit neu erfindet.

Viele Veranstaltungen finden jetzt wieder statt, einige fallen noch aus. Was sagst du dazu?
Also, wenn der Rheinland-Pfalz-Tag stattfindet, dann finde ich, kann auch das Open Ohr stattfinden – das ist ein wichtiges Zeichen. Eine Museumsnacht wäre möglich gewesen und hätte nicht ausfallen müssen. Da hätte ich mich über alternative Konzepte gefreut. Es gibt so viele Leerstände, Flächen und Projekte mit Kreativen. Für diese Absage wird es Gründe geben, aber vielleicht ist das ja eine Überlegung für nächstes Jahr, mal wieder alle Kreativen und Institutionen an einen Tisch zu holen und sich gemeinsam was zu überlegen.

Was würdest du dir noch wünschen von bzw. in der Stadt?
Die Stadt hat in den letzten zwanzig Jahren schon einiges gemacht. Man könnte die Innenstadt aber noch kreativer füllen, Raum schaffen für Neues und BITTE mehr Grünflächen. Und eine autofreie Innenstadt würde ich mir auch wünschen, da bin ich leidenschaftliche Radfahrerin. Ansonsten ist Mainz auf jeden Fall eine Stadt zum Wohlfühlen.

Du bist aber auch gerne mal auf Lanzarote?
Ja, das erdet mich immer. Dort hat es vor vielen Jahren viel gebrodelt, Feuer und Vulkane … Wenn ich da ankomme und den Fuß auf den Boden setze, tritt direkt die Entspannung ein. Jetzt blüht es dort gerade viel, aber sonst gibt es große Lavalandschaften. Da merkt man auch, wie klein und unwichtig man eigentlich ist. Da komme ich gut zu mir.

Interview David Gutsche
Foto Jana Kay

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