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So wohnt Mainz – Corps Hassia Gießen zu Mainz

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von Florian Barz  Fotos Stick Up Studio

„Unpolitisch und tolerant“, steht auf dem Banner, das die Besucher des Verbindungshauses im Drususwall schon von der Straße aus begrüßt. Die Botschaft ist klar: Abgrenzung von alten Klischees. Studentenverbindungen gleich Nazis? Dieses Vorurteil steckt in vielen Köpfen, befeuert etwa von Diskussionen um einen Ariernachweis im Dachverband der Deutschen Burschenschaft. „Es wird leider alles über einen Kamm geschert“, klagt Corps-Bursch Carlo (24), der aus dem deutschsprachigen Teil von Belgien stammt. Er trägt ein weißes Hemd mit Kragen, darüber das Band mit den Farben von Hassia, schwarz, weiß und rot.

Gemeinsam mit Julius, Armin und Nils, der als einziger nicht im Haus wohnt, begrüßt er uns im Esszimmer des Hauses. Schwere Holzmöbel spiegeln die Tradition des Hauses wider, an den Wänden hängen, sauber sortiert, die Porträts aller aktiven und ehemaligen Corps-Burschen. „Wir sind ein Corps, keine Burschenschaft“, stellt Carlo gleich zu Beginn klar. „Rechtes Gedankengut ist hier tabu. Bei uns darf jeder mitmachen, egal welche Sexualität oder Herkunft.“ Abgesehen von Frauen natürlich… Corps sind die älteste Form von Studentenverbindungen in Deutschland. Sie begreifen sich politisch, religiös und weltanschaulich als tolerant. Dennoch sehen sich Carlo und die anderen Akti- Tradition verbindet – im Esszimmer hängen Porträts alter Corps-Burschen ven regelmäßig Anfeindungen ausgesetzt. Unbekannte schmeißen Fenster ein oder bewerfen die Hauswände mit Eiern. Mainz ist dabei noch ein ruhiges Pflaster. „In Städten wie Marburg oder Göttingen ist es viel schlimmer“, beteuert Carlo. „Da sind einige Verbindungshäuser sogar mit Panzerglas ausgestattet.“

Komfort und Tradition

Zwei Corps-Burschen und drei Anwärter, so genannte Füchse, leben derzeit im Haus. Sie genießen einen für Studenten ungewöhnlichen Komfort: Ein Salon mit gemütlichen Ledersesseln, ein Esszimmer, eine große Küche und ein Wintergarten  stehen den Bewohnern zur Verfügung. Im großen Garten finden im Sommer regelmäßig Grillpartys statt. Das Herzstück des Hauses ist aber die Kneipe. Hier singen die Mitglieder Lieder, halten Reden und trinken vor allem gemeinsam. Die Motive, sich einem Corps anzuschließen sind vielfältig: eine günstige Miete und gute Kontakte zu einflussreichen älteren Herren mögen eine Rolle spielen, aber auch das Gemeinschaftsgefühl ist wichtig.

„Die Verbindung ist wie eine Lebensschule“, meint Nils (24), ein schlanker, durchtrainierter Typ, der Maschinenbau studiert. „Man lernt Verantwortung für sich zu übernehmen, Selbstdisziplin, aber auch ganz praktische Dinge, wie vor anderen Leuten Reden zu halten oder Tischmanieren.“ Tradition wird also groß geschrieben. Dazu zählt auch das Fechten: Gleich neben der Kneipe liegt der Paukboden. Hölzerne Wappen befreundeter Verbindungen verzieren die Wände, darunter hängen Klingen, gepolsterte Westen und Helme. Durch die breite Fensterfront strömt Tageslicht. Sechs Mal in der Woche kommen die Jungs hierher, um für die Mensur zu trainieren, eine Partie mit scharfen Klingen.

Fechten als Ehrenprüfung

Die Mensur hat eine lange Tradition und folgt festgeschriebenen Regeln. 30 Gänge á 4 Hiebe gilt es zu überstehen. Als Schutz dient lediglich eine Stahlbrille mit Nasenschutz und Lederriemen über den Gehörgängen. Es geht nicht um Punkte oder Treffer, sondern um die Ehre. Jeder kämpft für sich und muss seine Tapferkeit beweisen. Die Teilnehmer stehen dabei so weit voneinander entfernt, dass sie nicht zustechen, sondern nur über Kopf zuschlagen können. Wer vor der Klinge zurückweicht oder Laute von sich gibt, hat verloren. Dann gilt die Mensur als nicht bestanden.

„Dir schießt das Adrenalin durch das Blut. Das ist ein echter Kick“, beschreibt Carlo die Momente vor der Mensur. Er hat schon fünf Gefechte hinter sich. Weiße Narben, die sich durch seine linke Gesichtshälfte ziehen, zeugen davon. In einer Mensur traf ihn die Klinge des Gegners an der Hauptschlagader. Das Blut floss in Strömen, verschleierte ihm die Sicht, doch er machte weiter. Erst als ein weiterer Hieb Carlos linke Wange aufriss, stoppte der anwesende Arzt das Gefecht. Ein Statussymbol sind solche Schmisse, wie die Schnittverletzungen genannt werden, heute nicht mehr. „Früher hat man sogar Salz in die Wunden gestreut, damit sich die Wunden entzünden und die Narben eindrucksvoller werden“, erzählt Fuchs Julius, der trotz seiner 20 Jahre sehr erwachsen wirkt, „aber da kann ich gerne darauf verzichten. Deshalb trainieren wir ja auch so viel.“

Die Mensuren sind für alle Corps-Mitglieder verpflichtend. Zwei Partien machen aus einem Fuchs einen Corps-Burschen, nach der sechsten Mensur wird er ein inaktiver Corps-Bursch. Der wohnt dann nicht mehr im Verbindungshaus. Doch verbunden bleibt man dem Corps sein ganzes Leben lang, auch als alter Herr. Carlo: „Unser Leitspruch ist: Einer für alle, alle für einen. Das gilt das ganze Leben.“

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