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Schule individuell: Das Geschäftsmodell freier Schulen im Aufwind?

Freie Schulen lehnen zu hohen Leistungsdruck eher ab und legen den Fokus auf andere Dinge

In Deutschland besuchen rund 90 Prozent aller Kinder eine Regelschule. Nur jedes elfte Kind geht laut einer Umfrage der Deutschen Presseagentur (dpa) und einer Statistik des Verbands Deutscher Privatschulverbände auf eine private Schule. „Mit der neuen Elterngeneration ist das Interesse an individuellen Schulangeboten jedoch gewachsen“, sagt Götz Döring, Geschäftsführer der Freien Waldorfschule in Mainz. Er ist auch Sprecher der neu gegründeten Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen (AGFS), ein Zusammenschluss von vier überkonfessionellen Verbänden, die rund 30 allgemeinbildende und berufliche sowie fünf Förderschulen vertreten. Ihr Credo: Das Land stehe in der Verantwortung freie Schulen nicht zu benachteiligen.
Privatschulen meist kirchlich
Die meisten freien Schulen sind kirchlich: In Mainz etwa das Willigis- Gymnasium und -Realschule, das Theresianum, die Maria Ward- und Martinusschule. „Katholische Schulen haben ein Monopol“, sagt Götz Döring, „Hessen ist da deutlich liberaler.“ In Mainz stehe man als überkonfessioneller privater Anbieter vor Fragen, die in anderen Bundesländern längst geklärt sind: Wie wird die Schule finanziert? Welchen rechtlichen Rahmen gibt es? Und welchen Status hat die Schule? In Rheinland-Pfalz werden lediglich 1,2 Prozent aller Schulen von überkonfessionellen freien Schulträgern betrieben. Der Durchschnitt bei den anderen Bundesländern liegt bei 5,4 Prozent. Ursache hierfür sei das „antiquierte“ Privatschulgesetz von 1970. Die AGFS vertritt daher die Interessen des Freien Schulwesens in der Öffentlichkeit. Insbesondere möchte man sich in die bildungspolitische Diskussion einbringen.

Spielen, toben und kreativ sein lautet das Credo.

Problem: Finanzierung
Die Mainzer Waldorfschule besitzt einen Ersatzschulstatus, das heißt, Kinder erfüllen dort ihre Schulpflicht, aber die Schule muss nicht die Lehrpläne des Landes übernehmen. Auch die finanzielle Unterstützung ist anders geregelt sowie die Ausbildung der Lehrkräfte. Obwohl Freie Schulen von offizieller Seite begrüßt werden, findet laut Götz Döring die Zugewandtheit der Politik vor allem in „politischen Sonntagsreden“ statt. In Realität herrsche eine Ungleichbehandlung: „Auf einen Schüler einer Freien Schule entfällt wesentlich weniger Geld als auf einen Schüler einer staatlichen Schule.“ Fahrtkosten würden oft nur zu geringem Teil übernommen. Auch die Gehälter der Lehrkräfte fallen niedriger aus. Eltern und Lehrkräfte zahlen etwa Schulgebäude ab, da nur ein kleiner Teil der Baukosten vom Land refinanziert werde. Rund 4,8 Milliarden Euro werden jährlich in das deutsche Bildungssystem investiert. Bei der Finanzierung von Schulen gilt das Trägerprinzip. Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Dr. Stefanie Hubig (SPD) bestätigt: „Grundsätzlich bekommt jedes Kind gleiche Chancen und erfährt die gleiche Unterstützung. Bei Freien Schulen muss jedoch der Träger neben der sozialen auch die finanzielle Verantwortung übernehmen.“ Das Land zahlt Pauschalen zu Personal- und Sachkosten sowie Baukostenzuschüsse. Das ist meist nicht genug. „Die Waldorfschule ist erst jetzt nach 41 Jahren endlich schuldenfrei“, so Döring.

Wildwuchs e.V. in Wiesbaden

Entspanntere Lage in Hessen
In Hessen scheint die Situation entspannter, fragt man zumindest Constanze Frank-Oster. Sie hat in Rheinland-Pfalz Lehramt studiert und gründete in Wiesbaden gemeinsam mit anderen Eltern die Freie Schule „Wildwuchs“. Das Konzept hat Anleihen von Montessori. Die Eltern wünschen sich für die Kinder, dass sie vielfältige Bildungserfahrungen machen und ihre Talente, Interessen und Kompetenzen selbstbestimmt entfalten und weiterentwickeln. Im Profil von Wildwuchs heißt es: „Wir nehmen Kinder ernst. In ihren Bedürfnissen, ihren Bestrebungen, Interessen, Sorgen, Ängsten und allem, was sie beschäftigt. Wir gehen davon aus, dass Kinder mit einem Gespür für sich, ihre Fähigkeiten und Bedürfnisse zur Welt kommen und diese auch zum Ausdruck bringen.“ Die Initiative geht davon aus, dass auch Eltern aus Mainz ihre Kinder auf die neue Schule nach Wiesbaden schicken. Wildwuchs sei bisher auf viel Zuspruch gestoßen. Sowohl bei interessierten Eltern als auch bei ersten Kontakten mit dem Schulamt. Frank-Oster: „In Hessen haben Freie Schulen eine lange Tradition, es wird gerne Unterschiedliches ausprobiert. Das ist in Rheinland-Pfalz anders.“ Das Recht eine Schule zu gründen ist im Grundgesetz verankert. Und das Interesse an Freien Schulen steigt. Ob sich das Konzept in Mainz und anderswo ausweitet, bleibt abzuwarten. Nicht wenige sind davon überzeugt, dass es Freie Schulen braucht, damit Kinder ohne Druck lernen können und den Spaß daran behalten.

Text: Lisa Winter
Fotos: Waldorfschule Mainz

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