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Nie wieder Foxtrott – Oldies but Goldies

von Ulla Grall und Katharina Dubno (Fotos):

Die Tanzschule Willius-Senzer am Karmeliterplatz dürfte den meisten Mainzern ein Begriff sein. Wer hat hier nicht seine Tanzstunden absolviert, sich beim Mittelball verknallt, nach dem Abschlussball wieder getrennt … Aber auch die älteren Herrschaften sind hier noch aktiv. Das beweisen die „Ü50er“, die bei Claudia Krehn-Azghandi fit bleiben oder es werden wollen.

Die Tanzlehrerin leitet verschiedene Kurse „Tanz fit Solo Ü50“. Als Seniorenbeauftragte im ADTV (Allgemeiner Deutscher Tanzlehrerverband) passt sie selbst in ihre Zielgruppe – allerdings sieht man ihr die 55 nicht an. „Eine Weiterbildung zu Gesundheit und Reha inspirierte mich auch im Tanzbereich. Viele sagen“, so erzählt sie, „ich gehe demnächst in Rente und will vorher schon wissen, was ich mit meiner Zeit anfangen kann.“ Nur vorm Fernseher zu lümmeln kommt nicht in Frage. „Die Leute, die zu uns kommen, sind lebenslustig und erpicht darauf, aktiv zu sein. Was wir hier machen, ist auch für Menschen mit Bewegungsunsicherheit geeignet. Sogar Parkinson-Patienten habe ich hier dabei.“

Rollator in die Ecke

Dienstag. Kurz nach drei. Der große Saal leuchtet in allen Facetten bis hin zu Discokugeln und einer kleinen Bühne mit verspiegelter Rückwand. Die ersten Tänzerinnen und Tänzer trudeln ein. Auch etliche Männer sind dabei. „Solo“ heißt, man muss keinen festen Tanzpartner haben, aber „es kommen mehr und mehr Männer“, freut sich Claudia. So auch Walter: „Meine Frau geht montags zu „Tanz fit Sport“, das ist etwas fordernder“, erzählt er. „Und freitags und sonntags gehen wir gemeinsam zum Paartanzen.“

Die Eheleute tanzten früher schon gerne. „Nach der Rente fangen wir wieder an“, haben sie beschlossen und dies in die Tat umgesetzt. Eine Teilnehmerin kommt sogar mit dem Rollator. Der wird in die Ecke gestellt. Nicht mehr so gut zu Fuß zu sein, hält keinen davon ab, tänzerisch aktiv zu werden. Die Tanz-lehrerin entert die Bühne und die Musik setzt ein: „Do you love me“. Claudia tanzt vor und die Damen und Herren schwingen die Beine. Weiter geht’s mit „Daddy cool“. Claudia zeigt Schrittfolgen und Bewegungen: „Wolle wickeln“ -„Ententanz“ -„Ausfallschritt“ -„den rechten Arm recken“… Bei so viel Engagement merkt man kaum, dass geschickt die eine oder andere gymnastische Übung einbaut ist: „Nach so einer Kursstunde sollen alle Gliedmaßen mal bewegt worden sein.“

Night fever, night fever

Bald bilden sich Paare. „Zueinander, voneinander“, kommandiert Claudia: „Cha, Cha, Cha.“ Erst mal als Trockenübung, dann wieder mit Musik. Maria und Norbert fallen auf. Beide sind silberhaarig, attraktiv, groß, sportlich und seit sechzig Jahren verheiratet. „Ich bin seine große Liebe“, weiß Maria nach wie vor. Als nach der Stunde noch die meisten der Kursteilnehmer an der Bar auf einen Kaffee zusammensitzen, holt Gerda, ebenfalls passionierte Tänzerin und seit drei Jahren dabei, das aktuelle Tanzmagazin raus: „Da, schaun Sie mal!“, ein Bild aus einer Serie alter Fotos zeigt Maria superschlank, im langen weißen Kleid.

Eine Ballschönheit von 1954. Hede, „e Meenzer Mädche“, wie sie von sich selbst sagt, hat mit ihrem Mann 23 Jahre lang getanzt. „Ich habe durch Zufall davon gehört. Hätte ich schon vorher von Tanzfit gewusst, wäre ich eher gekommen.“ Und Annette erklärt: „Nachdem mein Mann starb, habe ich ein Jahr pausiert. Seitdem tanze ich wieder.“ Die 63-jährige Katharina ist zum ersten Mal dabei. „Tanzen ist einfach mein Ding“, begeistert sie sich. Das Zusammensein mit Gleichgesinnten ist dabei für die Kursteilnehmer ebenso wichtig, wie das Tanzen selbst. „Paarweise aufstellen zur Promenade“, Claudias Stimme ist nicht zu überhören. Bei „Hey, big Spender“ wird das Ganze fast schon zum Showtanz: „Spend a little time with me.“ Das Gemeinsame ist eben das Wesentliche …

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