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„Mainz ist dreckig und hinterhältig“

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von Mara Braun
Fotos: Andreas Coerper

Müllsammler Rainer Schäfer hat mit der Stadt abgeschlossen. Es ist nicht die Hassliebe zu Mainz gemeint, wenn Rainer Schäfer seinen Beziehungsstatus bei Facebook mit „kompliziert“ angibt, passen würde es aber: Einerseits seine Liebe zu dieser Stadt, andererseits die Enttäuschung, die sich aufgestaut hat. An allem sei nur „die Jobsache schuld“, bemerkt Schäfer, der als „Abfall- Robin Hood“ bekannt geworden ist, legt die Stirn in Falten, seufzt und schüttelt den Kopf. „Die hat mir geschadet.“

Geschadet, weil er kaum noch Spenden erhalte, seit in der Zeitung stand, er habe trotz Hartz IV ein Jobangebot der Stadt abgelehnt. „Es gab kein Angebot“, beteuert er. Diesen Satz wiederholt er im Nieselregen wie ein Mantra, sein Wunsch nach Richtigstellung ist spürbar: Ihm wird Unrecht getan, verdammt! Der Regen wird stärker. Ungemütlich setzt sich die feuchte Kühle in den Klamotten fest, der Himmel über dem Parkplatz am Eisstadion ist verhangen. Die pinken Säcke, in denen Schäfer Abfall sammelt, strahlen gegen die farblose Tristesse wie Schlauchboote auf stürmischer See. Behutsam biegt er mit dem Litter-Picker, einer Art Greifzange zum Müllsammeln, Gebüsch beiseite, Papier, Kaffeebecher, Pflaster und ein Tanga kommen ans Licht. Zwischendurch ein Telefonat mit der Mutter über seine Sammeltage an der Deutschen Edelsteinstraße. „Der Bürgermeister hat mich eingeladen, musste dann aber weg, da konnte ich seinen Braten auch essen.“ Dann geht’s weiter, Zange in der Hand, Mülleimer auf dem Rücken und den Slogan für sein Tun auf den Lippen: „Rainer macht reiner – sonst macht es ja keiner.“

„Köpfe müssen rollen!“

Rückblick auf ein bewegtes Leben: Rainer Schäfer ist 16, als die Eltern sich trennen und er in ein Eifeldorf zieht. „Da wurde ich ausgegrenzt.“ Ruhe und Trost findet er in den umliegenden Wäldern, doch nicht nur das: „Da lag viel Müll!“ Er wollte, erklärt Schäfer, dem Wald „etwas zurückgeben“. Es sind seine Anfänge als Müllsammler. Nach der Schule folgt eine Lehre als Heizungsbauer, dann acht Jahre beim Bund. Die Möglichkeit, Berufssoldat zu werden schlägt er aus, engagiert sich lieber in der Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung. Seine Motivation auch hier: „Etwas zurückzugeben.“ Diese Zeit verändert ihn, sagt Schäfer heute. „Das hinterlässt Spuren.“ Er arbeitet eine Weile in der Fahr zeugwartung und -pflege, macht den LKW-Führerschein, Aus- und Fortbildungen. Doch nie fühlt Schäfer sich so wohl wie in den Stunden, die er mit Müllsammeln verbringt. Also kündigt er Job und Wohnung, zieht auf einen Campingplatz und widmet sich ganz dem Abfall. Die Medien werden auf ihn aufmerksam: Plötzlich ist Rainer Schäfer ein bisschen berühmt. Er genießt die Aufmerksamkeit, erweitert seinen Arbeitsradius, trifft neue Leute. „In manchen Städten habe ich mehr Kaffee getrunken als Müll gesammelt. Die Gastfreundschaft war groß“ – besonders in Mainz: „Die Stadt hat mein Leben verändert.“ Auch die Aufmerksamkeit der Medien erreicht in dieser Zeit ihren Höhepunkt, sagt er, und rattert die Überschriften aller Beiträge, die sich ihm widmen, geübt herunter. Doch dann, das Missverständnis: „Es gab Kontakt mit der Stadt, aber nie ein konkretes Jobangebot.“ Darauf beharrt er, während er sich über den tiefliegenden Haaransatz streift. Die Bewegung bringt seine drei Armreifen zum Klappern. Mut, Fleiß und Ehrlichkeit symbolisieren die: „Meine Tugenden.“ Heute gebe es statt Spenden „Beschimpfungen im Internet, ich sei faul“. Doch er will zurückschlagen: „Köpfe müssen rollen“, sagt Schäfer finster. Welche, dazu mag er sich nicht äußern. Vielleicht hat er sowieso längst zu viel gesagt. Verdammte Medien! Verdammte Mainzer! „Dreckig und hinterhältig“, kommentiert er am Abend via Facebook, sei diese Stadt, für die er einst so heftig schwärmte. So ist das wohl manchmal, wenn eine große Liebe scheitert: Am Ende bleiben nur Scherben. Und niemand mehr, der sie in pinken Säcken einsammelt.

Anmerkung der Redaktion:
„Wir würden uns wünschen, die Mitarbeiter der Mainzer Entsorgungsbetriebe erhielten nur einen Bruchteil dieser Aufmerksamkeit“, kommentiert der Pressesprecher der Stadt Mainz Ralf Peterhanwahr. Rainer Schäfer habe man sehr wohl einen Job angeboten, das Thema ist inzwischen aber erledigt: „Wir können nicht mehr tun, als unser Interesse zu signalisieren.“ Auf der Gegenseite sei ein solches Interesse nicht erkennbar gewesen.

 

3 Kommentare “„Mainz ist dreckig und hinterhältig“

  1. Wieso muss eigentlich immer alles in irgend eine Schublade? Vielleicht möchte er euren Job ja einfach nicht haben. Und vielleicht ist das auch völlig ok so. Vielleicht bekommen die Mainzer Mitarbeiter sehr wohl Aufmerksamkeit, nämlich in Form ihrer tariflichen Bezahlung. Und vielleicht gibt es auch andere Lebensmodelle, als das jedes Zweiten? Und vielleicht wäre es sinnvoll, diese zu unterstützen, als hier wiederrum nachzutreten?
    Es ist wirklich sehr, sehr bedauernswert, wie soziales Engagement im Keim erstickt wird.

  2. “wir haben ihm einen Job angeboten, den er aber….”

    Anstatt es aber dabei zu belassen, wird es öffentlich breit getreten und wohl nur, um sich an eine Sache ran zu hängen, welche in der Öffentlichkeit so viel Anklang findet… nur, um “auch mal das Thema anzugeben” … …wie mein Vorredner bereits erwähnt…Zitat Tom: …bekommen die Mainzer Mitarbeiter sehr wohl Aufmerksamkeit,….” das reicht ja nicht, da muss man gegen die anstinken,die es nicht für Geld tun und “AUFGEMERKT” NICHT nach 8 Stunden nach Hause gehen u.o. den ganzen Tag nur jammern “hoffentlich ist bald Feierabend”… … er tut es jeden Tag.. bekommt es nicht vergütet… keinen Urlaub auf Malle… beschwert sich aber nicht… er ist wohl einer von ganz,ganz wenigen mit echtem Charakter!!!!!!

  3. Hi,

    ob er nun einen Job angeboten bekommen hat oder nicht kann ich nicht entscheiden.
    Wenn es aber so ist das er einen Chance auf eine Arbeit bekommen hätte kommt es auch darauf an welche Art Job es ist!

    Früher dachte ich auch “Ist doch egal welche Arbeit, Hauptsache arbeit…” aber so denke ich jetzt nicht mehr nachdem ich einige Male schlechte Erfahrungen gemacht habe. Von Ausnutzung, schlecht Bezahlte Jobs zu Beschimpfungen war alles dabei.

    NEIN man muss nicht jeden Job annehmen den er angeboten bekommen hat. Als was hätte er den Arbeiten sollen?
    Vielleicht als Vollzeit Müllmann auf 400 Euro Basis? Oder 1 Euro Jobber?

    Ich denke, wenn Rainer die Stelle abgelehnt hat (falls es denn wirklich so war), dann hatte er einen berechtigten Grund dazu.

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