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Kinder kriegen in Mainz: Wie & Wo?


von Ulla Grall
Fotos: Isabel Jasnau

Jedes Jahr verzeichnet das Einwohnermeldeamt 1.900 Neugeborene Mainzer. In Mainz geboren werden allerdings viel mehr. Denn Mainz hat ein großes Hinterland und auch dortige Frauen bringen zu mehr als 90 Prozent ihre Kinder in Mainzer Kliniken zur Welt. „Ganz Rheinhessen ist unser Einzugsgebiet“, erklärt Christine Benz, eine der Hebammen der Universitätsmedizin. „Hier kommen jährlich 1.400 Kinder zur Welt, die Tendenz ist leicht steigend.“ Ein aus Papier ausgeschnittener Klapperstorch klebt am Eingang. In den Kreißsälen steht als übliche Einrichtung das Kreißbett, es gibt einen Gymnastikball, eine Sprossenwand und auch eine Gebärwanne. „Die wird jedoch selten genutzt“, weiß Frau Benz.
Neu eingerichtet ist die Abteilung für „Hochrisikoschwangere“, Frauen, die einer besonderen Überwachung bedürfen. „Mit einem Maximum an Ambiente“, wie Oberärztin Dr. Doris Macchiella am Tage der Einweihung erklärt. „Wir haben ständig 7 bis 8 Hochrisikoschwangere in Mainz“, so Prof. Heinz Kölbl. „Diese Frauen können hier optimal betreut werden.“
Aber auch allen anderen Frauen, die in der Klinik entbinden, gibt die Universitätsmedizin die Sicherheit, wie eine Einrichtung sie bieten kann, die mit den modernsten technischen Mitteln ausgestattet ist.
Nach der Entbindung bleiben Mutter und Kind für etwa zwei Stunden unter der Betreuung der Hebamme im Kreißsaal, danach erfolgt die Verlegung in die Wochenstation mit der Neugeborenenabteilung. Je nach Kapazität gibt es auch Zimmer, die als „Familienzimmer“ genutzt werden können, in denen die Väter oder ein anderes Mitglied der Familie den ganzen Tag und auch die Nacht mit Mutter und Neugeborenem verbringen können. Dies ist auch in anderen Kliniken Standard, die Mehrkosten muss die Familie selbst tragen.
„Seit 30 Jahren bin ich Hebamme“, erzählt Christine Benz. Ihre Erfahrung ist, dass es immer mehr Kaiserschnitte gibt. Auch „Wunschkaiserschnitte“ sind an der Tagesordnung, viele Frauen haben Angst vor einer normalen Geburt. „Von gesetzgeberischer Seite her muss mehr aufgeklärt werden, aber grade das macht manche Frauen ängstlich“, weiß sie. „Ich versuche, da immer gegenzusteuern“.

Hausgeburt im Wasser

Dessie, 33 Jahre, ist mit ihrem ersten Kind schwanger und weiß, es wird eine Tochter. Sie plant eine Hausgeburt und hat sich dafür auch eine aufblasbare Geburtswanne geliehen. „Ich liebe Wasser“, sagt sie, „und wünsche mir daher eine Wassergeburt.“ Die Wanne wird aufgepumpt und soll dann im Wohnzimmer stehen. Ihr Mann stand der Idee erst skeptisch gegenüber, nun freut er sich aber auch auf dieses Erlebnis. Nach drei Ultraschall-Untersuchungen hat Dessie auf weiteren Ultraschall verzichtet. „Ich will lieber nicht so viel mit Ärzten zu tun haben“, erklärt sie. Nach einer Hebamme hat sie längere Zeit gesucht. „Ich wollte eine finden, zu der ich von Anfang an Vertrauen habe. Es gibt nicht mehr viele Hebammen, die Hausgeburten begleiten, erst recht nicht eine Wassergeburt.“ Nun mischen sich bei ihr Freude, Vorfreude und auch Angst. Aber: „Je mehr man an seine eigenen Kräfte glaubt, desto besser.“

Hebammenpraxis OASE

Neben der Christuskirche, in der Kaiserstraße 56, liegt die Hebammenpraxis „Die Oase“. Marina Kuss hat die Praxis vor fünf Jahren gegründet und bietet Beratung und Geburtsvorbereitungskurse für werdende Mütter – und auch Väter. Die Arbeit der Hebammen hält sie für enorm wichtig. „Die Art der Fürsorge während und nach der Geburt hat Auswirkungen auf die ganze Familie und somit auf die Gesellschaft“, betont sie. „Doch der Beruf der Hebamme ist gesellschaftlich nicht entsprechend anerkannt.“ Viele Frauen wissen nicht, dass ihnen die Betreuung durch eine Hebamme zusteht. Durch den Einsatz von zu viel Technik in den Arztpraxen seien viele Frauen verunsichert, meint die Hebamme. „Ich bin nicht gegen pränatale Diagnostik“, betont sie, „aber es sollte eine bewusste Entscheidung sein. Ärzte sind dazu ausgebildet, Krankheiten zu finden, Hebammen sind dafür da, sich auf das „normale Leben“ zu konzentrieren.“ Den werdenden Müttern rät sie: „Mehr auf das Gefühl hören und zu dem Kind Kontakt aufnehmen.“ Alle drei Hebammen der „Oase“ machen auch betreuende Hausbesuche nach der Geburt, Hausgeburten bieten sie jedoch nicht an. „Die Kosten der Haftpflichtversicherung für Hebammen sind in den letzten Jahren enorm gestiegen“, erklärt Kuss die sinkende Zahl ihrer Kolleginnen, die noch Hausgeburten betreuen.

Hohe Verantwortung, niedriger Verdienst

Hebammen verdienen wenig. Die Haftpflicht liegt bei 4000 Euro im Jahr, für eine Hausgeburt gibt es 400 Euro. Dafür betreuen sie werdende Mütter während der gesamten Geburt. Und die kann, je nach Verlauf, zehn Stunden dauern, aber auch 20 und mehr. Für eine Zahnbehandlung erhält ein Zahnarzt im Durchschnitt 78 Euro, eine Hebamme bekommt pro Hausbesuch 27 Euro. Davon muss sie sich als Selbstständige versichern, Steuern zahlen, ein Fahrzeug unterhalten, ihre Fortbildung finanzieren und, und und … Unterm Strich ist ein Stundenlohn von etwa 7,50 Euro die Regel.

Hebamme und Mutter

Das bestätigt auch Natalie Gaal, Hebamme und schwanger mit dem vierten Kind. „Erst durch meine beiden ersten Kinder bin ich auf diesen Beruf gekommen“, erzählt sie. Gleich nach Abschluss der Ausbildung gründete sie die Hebammenpraxis „Herztöne“ in der Lennigstraße 7 in der Neustadt. Jeldrik, 11 und Finja, 9 Jahre kamen im Vinzenz-Krankenhaus zur Welt. „Aber Torben, unser Drittes, 3 Jahre alt, habe ich zu Hause bekommen.“ Nun plant sie wieder eine Hausgeburt. „Mir ist das vertraute Umfeld wichtig.“ Wie auch in ihrer dritten Schwangerschaft hat sie ganz auf den Frauenarzt verzichtet. „Bis jetzt habe ich das nur mit meiner Hebamme gemacht“, erzählt Frau Gaal. „Es ist gut, dass wir die Schulmedizin haben. Aber von der Natur her ist eine Geburt nicht so gefährlich, wie oft getan wird.“
Auch dem Ultraschall steht sie kritisch gegenüber: „Das ist ein diagnostisches Mittel und gibt eine trügerische Sicherheit.“ Natalie Gaal sieht einen leichten Trend in Richtung Geburtsvorsorge durch die Hebamme. „Die gesamte Vorsorge kann ohne Arzt stattfinden“, sagt sie. „Selbst in der Klinik darf kein Arzt die Geburt leiten und sogar beim Kaiserschnitt muss eine Hebamme anwesend sein.“ Sie verweist auf Holland: „Dort kommen 60 Prozent der Kinder zu Hause zur Welt. Hebammen haben da einen ganz anderen Status.“
Jana Schmid, Kollegin von Natalie in der Hebammenpraxis Herztöne, meint: „Betreuung durch eine Hebamme in der Schwangerschaft ist wichtig.“ Sie befürchtet, dass die „Kunst der Geburtshilfe“ in den Kliniken mehr und mehr verloren geht. In der Klinik, so scheint es, stehen alle unter Zeitdruck. „Aber eine normale Geburt ist nicht planbar“, weiß Schmid, „weder im Hinblick auf den exakten Termin noch auf die Dauer.“

Das Katholische Klinikum

Im Katholischen Klinikum, bekannter unter dem früheren Namen Vinzenz-Krankenhaus, wurden die Geburtsabteilungen von Vinzenz- und Hildegardis-Krankenhaus zusammengelegt. Etwa 1.100 Geburten pro Jahr hatten die beiden Kliniken jeweils zu verzeichnen. Das Hildegardis erfreute sich eines besonders guten Rufs unter Hebammen und werdenden Müttern. Mit dem Neubau der Geburtenabteilung verfügt das Katholische Klinikum über eine Ausstattung, die „eine Kombination von ruhiger, häuslicher Atmosphäre bietet, mit der Möglichkeit zur klinischen Technik“, wie es Nicole Albers formuliert, eine der Hebammen im Katholischen Klinikum. Die Klinik bietet die gesamte Palette an Geburtsvorbereitung. „Viel Wert wird gelegt auf Weiterbildung in der Stillberatung und integrierter Wochenbettpflege“, so Albers weiter. „Viele unserer 33 Kolleginnen sind teilzeitbeschäftigt und arbeiten parallel als Begleit- oder Beleghebamme, sie bleiben während der gesamten Zeit der Geburt bei „ihrer Gebärenden“, weiß Ewa Wagner, ebenfalls Hebamme am KKM. „Dies wird auch immer mehr gewünscht: etwa 20 bis 30 Prozent der Schwangeren würden gerne mit Begleithebamme in der Klinik entbinden. Leider müssen wir viele Anfragen ablehnen“, bedauert sie. Hausgeburten betreuen beide nicht. „Die Klinik bietet bei unvorhergesehenen Ereignissen Sicherheit“, ist die übereinstimmende Meinung. „Der Geburtsverlauf bleibt so natürlich wie möglich, bei Bedarf kann die nötige Technik aus der Schublade geholt werden.“

Mit Begleithebamme ins Vinzenz

Miriam Lenz ist 36 Jahre und erwartet Ende Januar ihr zweites Baby, einen Jungen. „Beim Zweiten ist alles viel lockerer“, sagt sie. Für die Geburt hat sie sich für das Vinzenz-Krankenhaus entschieden und wird dort mit ihrer Hebamme hingehen, die sie auch beim ersten Kind begleitete. „Die technischen Möglichkeiten in der Klinik gaben mir das Gefühl von Sicherheit.“ Sie erzählt weiter: „Eine Freundin hat mir Ilona Kuzic als Hebamme empfohlen. Was mir an ihr gleich gefallen hat: Sie ist resolut. Und die Chemie stimmt!“ Nach der Geburt plant sie, zumindest eine Nacht in der Klinik zu verbringen und erst nach Hause zu gehen, wenn die ersten Untersuchungen des Babys abgeschlossen sind. „Aber nicht länger als nötig.“ Sie erinnert sich: „Mit dem neugeborenen Baby zum Kinderarzt gehen zu müssen, fand ich sehr stressig. Auch das Stillen war am Anfang schwierig, aber Ilona war da eine große Hilfe.“ Überhaupt kann sie das Prinzip der Beleg-oder Begleithebamme nur empfehlen: „Eine Freundin erzählte, dass bei ihrer sehr lange dauernden Geburt drei verschiedene Hebammen Dienst hatten. Das würde ich nicht wollen.“

Eine Meldung zum Schluss

Dessies Tochter ist mittlerweile geboren. Mit zweitägiger Verzögerung zum errechneten Termin kam die kleine Gabriella zur Welt: zu Hause als Wassergeburt. „Es ist alles so gelaufen, wie ich es mir gewünscht habe“, sagt Dessie. Herzlichen Glückwunsch und alles Gute für die junge Familie.