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Hinter dicken Mauern – Burgenbloggerin Mareike Rabea Knevels

„Burgfräulein“ Mareike genießt den Blick über das Rheintal

Es ist schon einzigartig, sein Domizil über eine mittelalterliche Zugbrücke zu betreten. Doch für Mareike Rabea Knevels ist es inzwischen nicht mehr ungewohnt. Als offizielle (5.) Burgenbloggerin wohnte sie im letzten Jahr ein halbes Jahr auf Burg Sooneck, einer alten „Raubritterburg“ auf einem Steilhang am Rande des Binger Waldes. Sagenumrankt ist die Burg und von Rosen bewachsen – Rheinromantik pur. Seit dem 11. Jahrhundert steht das Gemäuer über dem Engtal zwischen Bingen und Koblenz. Lange lag die Burg im Dornröschenschlaf. Vieles ist noch in originaler Substanz erhalten. Der Charme der mittelalterlichen Ritterburg besteht bis heute. Um ihn zu erhalten, gibt es unter anderem die Stelle des Burgenbloggers. Diese wird regelmäßig von der Generaldirektion Kulturelles Erbe und der Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz (EA) ausgeschrieben. 2019/20 bewarb sich die 32-Jährige und erhielt den Zuschlag. In kleinen Episoden – teilweise illustriert – bloggte die Studentin der Freien Kunst, Visuellen Kommunikation sowie Text / Editorial Design und Illustration auf www.burgenblogger.de Geschichten von der Burg und der Region – eine Art Stadtschreiber. Mareike hat sich vor allem mit den Menschen beschäftigt, mit ihren Geschichten und dem Besonderen im Alltag.

Aussicht von Mareikes „Dachterrasse“ auf den Innenhof der Burg

Das Projekt hat mittlerweile noch ganze andere Früchte getragen: Aus dem Burgaufenthalt entstand die Idee eines ganzen Buches mit dem Arbeitstitel „Heimat“. Hier geht es darum, wo man sich selbst verortet und wie man mit vielen Umzügen ein Zuhause schafft. Auch dieses Projekt unterstützt die EA – und die Mittelrheinregion ist Schauplatz von Mareikes erstem schriftstellerischen Werk. Anfang 2021 könnte es erscheinen. Da die Burgenblogger-Stelle 2020 wegen Corona ausfiel, durfte Mareike von Mai bis Oktober nochmals auf der Burg wohnen, um an ihrem Buch-Projekt zu arbeiten.

 

Über eine urige Treppe erreicht man die Wohnung

Moderne und Mauerwerk
Durch ein hohes, blau gestrichenes Tor gelangt man in den malerischen Innenhof. Von dort aus gibt es verschiedene Wege zu Mareikes kleiner Wohnung, die sich im Südturm befindet. Wir nehmen den durch den Burggarten. Im Zickzackkurs geht es steil hinab zur etwa 30qm großen möblierten Bleibe auf Zeit. Die minimalistisch eingerichtete Wohnung ist in Küche, Bad und ein kombiniertes Schlafund Arbeitszimmer unterteilt. Im Gegensatz zur rustikalen und massiven Außenfassade präsentiert sich die Wohnung hell und „leicht“. Die Farben Hellgrau und Weiß dominieren. Der Anstrich von Türrahmen und klobigen Deckenbalken nimmt die Schwere. Kombiniert mit schlicht gehaltenen Möbeln aus Holz und dem Parkett wirkt das Domizil nüchtern und modern. Das Mobiliar der schmalen Küche besteht aus einem Holztisch mit vier Stühlen und der holzverkleideten Küchenzeile, die das rückseitige Bad vom Essbereich trennt. Dank Rollen lassen sich die Möbel bewegen. Ein Schreibtisch mit Unterschrank vor dem Fenster zum Innenhof dient Mareike als Arbeitsplatz.

Befreiende Leere
Persönliche Gegenstände sucht man hier vergebens: „Ich habe gesehen, es gibt ein Bett, einen Schrank und einen Schreibtisch und dachte, was brauche ich mehr?“ erinnert sich Mareike. Ihr einziges persönliches Utensil ist ihr Laptop, der sie über einen mobilen Router mit der Welt jenseits verbindet. Die Leere und asketische Atmosphäre empfindet Mareike als befreiend: „Man ist weniger abgelenkt und völlig auf sich und das Schreiben reduziert.“ Ihr persönliches Hab und Gut sowie das urbane Leben hat sie in ihrem WG-Zimmer in Mainz zurückgelassen.

Ruhe und Kontemplation: Die Wohnung in der Burg selbst ist nüchtern-modern eingerichtet

Lieblingsplätze auf dem Burgareal
Ablenkung gibt es dennoch genug. Aus fast allen Fenstern der Wohnung hat man einen erhabenen Blick auf das Tal, Weinberge und den Rhein. Für Touristen war die Burg wegen Corona gesperrt. Nur der Verwalter schaute ab und an vorbei. „Ohne Besucher ist es intim und die Burg für mich mehr ein Schutzraum oder Ruhe und Rückzugsort“, so Mareike. Einsam fühlt sie sich dennoch nicht. Besonders gerne sitzt sie im berankten Pavillon auf einem Vorsprung unterhalb der Burg – ein lauschiges Plätzchen, über dem eine hohe Eiche thront. „Ich verbringe hier viel Zeit zum Zeichnen, Nachdenken oder um einfach den Ausblick zu genießen. Auch zum Sternegucken legt sie sich nachts gerne auf das Plateau des Südturms. Luxus, aber nicht luxuriös Mareike empfindet es als Luxus, alleine eine ganze Burg zu bewohnen. Dennoch ist es nicht in jeder Beziehung luxuriös. Der nächste Ort ist 300 Höhenmeter und zwei Kilometer entfernt. Trotz guter Zugverbindungen im Tal bleibt ein Auto unverzichtbar. „Zu Fuß und mit dem Fahrrad ist es zeitlich für mich leider nicht machbar“, bedauert sie. Schnell mal um die Ecke einkaufen oder zum Kiosk gehen, sei kaum möglich. Bei kühler Witterung wird es im Gemäuer der Burg schnell feucht und kalt. In den Wänden des Südturms sind Thermostate installiert, die das Mauerwerk kontrollieren und verhindern, dass die Temperatur nicht unter 10 Grad fällt. Zum Heizen der beiden Räume gibt es nur einen kleinen Ofen. Kuschelig warm wird es in der Wohnung dennoch nicht. Und getrübt wird die Idylle hin und wieder von herüber wehendem Staub und Baggerlärm des stetig wachsenden Steinbruchs. Wenn dort Sprengungen erfolgen, fühlt es sich an wie ein leichtes Erdbeben: „Dann wackelt der ganze

Turm.“ Nicht ohne Grund sind an der Außenwand Messstäbe angebracht, um Vibrationen zu messen. Mareikes Zeit ist und war begrenzt. Im Oktober arbeitet sie schon wieder in Mainz als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Studiengang Kommunikationsdesign an der Hochschule Mainz. Burg Sooneck ist trotzdem zu einem Stück Heimat für sie geworden. Doch dauerhaft dort zu leben, wäre nichts für sie: „Die Alternativen des urbanen Lebens brauche ich schon.“

Text Tina Jackmuth Fotos Stephan Dinges

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