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Herbstkrach – Die Schreckensherrschaft der Laubbläser beginnt

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von Florian Barz:

Sobald die ersten Blätter von den Bäumen fallen, stolzieren Gärtner und Hausmeister wieder mit ihrem Hackenporsche durch die Gegend. In Ghostbuster-Manier blasen sie das Laub vor sich her und quälen friedliebende Menschen aus dem Schlaf. Auch Einzelhandels-Geschäfte, Gastronomen & Co. machen fleißig mit. Da bläst der Cafébesitzer die Blätter einmal quer über den Marktplatz vor die Eingangstür des Friseurs und der bläst gleich wieder stilgerecht zurück.

Am Ende kommt dann die Stadt mit ihren futuristischen Monsterkehrmaschinen und entsorgt das Laub unter noch mehr wummerndem Krach. Der Soundtrack des Herbsts und keine Aussicht auf die Rückkehr vom guten alten Besen… Es gibt Erfinder und Erfindungen, die haben die Menschheit entschieden voran gebracht. Der gute alte Gutenberg mit seiner Druckerpresse oder James Watsons Dampfmaschine. Auch den Laubbläser muss irgendwann irgendjemand erfunden haben, doch der Name ist nicht überliefert, wohl aus gutem Grund. Niemand käme auf die Idee, dem Erfinder ein Denkmal zu setzen. In den 70er Jahren tauchte das mechanische Folterinstrument erstmals in Japan auf und fand seinen Weg schließlich nach Deutschland.

Massaker an der Natur

Auf bis zu 115 Dezibel kommen manche dieser Geräte – das entspricht der Lautstärke eines Presslufthammers. Laubbläser sind aber nicht nur Krachmacher, sie verpesten auch die Luft und schaden dem Klima. Zehn Mal so viele Partikel werden durch die Maschinen aufgewirbelt, wie bei einem einfachen Rechen oder Besen. In der Luft rund um den „Tatort“ finden sich dann Schimmelpilze, Sporen und pulverisierter Hundekot.

Und das ist noch nicht alles, denn Laubbläser verüben an Flora und Fauna ein regelrechtes Massaker. Bei Luftgeschwindigkeiten von 160 km/h wird so ziemlich alles eingesaugt und wegepustet, was auf dem Boden lebt: Insekten, Käfer und Regenwürmer. Igel und Vögel finden keinen Schutz mehr im Unterholz und der Gartenbesitzer hat irgendwann Brachland unter sich. Einige Kommunen und Städte haben diesem „technischen Fortschritt“ inzwischen einen Riegel vorgeschoben. In Graz etwa ist das Laubbläsern von Amts wegen verboten. Es darf nur noch geharkt werden. Bei Verstößen droht ein Bußgeld von 7.250 Euro.

In Mainz ist ein solches Verbot kein Thema. Hier darf an Werktagen, also auch an Samstagen, von 9 bis 13 Uhr sowie von 15 bis 17 Uhr munter geröhrt werden, so sieht es die teutonische Maschinenlärmschutzverordnung vor. Die gilt allerdings nur für Wohnsiedlungen. Wer in der Altstadt wohnt, hat Pech gehabt: Da reißen einen die Laubbläser ganz legal auch mal um 7 Uhr aus dem Schlaf.

Mainz soll leiser werden – ein wenig

Herrmann Winkel, Leiter des Entsorgungsbetriebs, versteht die Wut der lärmgeplagten Bürger, verteidigt die Laubbläser dennoch vehement. „Die Geräte erleichtern unseren Mitarbeitern die Arbeit und sind viel effektiver, etwa, wenn man an das Laub unter parkenden Autos heran möchte.“ Sein Team halte sich an die vorgegebenen Zeiten, aber es gebe eben viele schwarze Schafe, die das Gesetz missachteten: „Viele Firmen und Grundstücksbesitzer beauftragen Gärtner, die schon vor 9 Uhr anfangen, wenn ihre Arbeitszeit beginnt.“

Da hilft dann nur Denunzieren, sprich der Anruf beim Ordnungsamt. Die Stadt Mainz hat mal durchgerechnet, was ein kompletter Verzicht auf Laubbläser an Mehrkosten verursachen würde. Heraus kam eine Summe von 380.000 Euro. „Wir müssten ohne Laubbläser 33 neue Mitarbeiter einstellen“, ist sich Winkel sicher. Schön, wenn die Stadt neue Arbeitsplätze schaffen könnte… Bis zu 800 Tonnen Laub sammeln seine Mitarbeiter im Jahr auf. Das sei notwendig, um die Verkehrssicherheit zu garantieren. „Wenn ein Radfahrer oder Fußgänger auf nassem Laub ausrutscht und sich verletzt, ist die Stadt in der Haftung.“

Immerhin, man hat inzwischen ein paar akkubetriebene Laubbläser gekauft, die deutlich leiser sind, aber auch teurer. Nach und nach soll ein vollständiger Austausch stattfinden, ebenso bei den Kehrmaschinen. Winkler verspricht „Mainz wird leiser.“ Nur ein bisschen zwar und schleppend, aber immerhin. Und der nächste Frühling kommt bestimmt. Bis dahin einfach schon mal die Nummer vom Ordnungsamt auf die Kurzwahl legen: 06131-122477.