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Gelebte Utopie – Der Wiesbadener Kulturpark am Schlachthof

Auf einer temporären Bühne rockt die Grungerock-Band Skuff. „Eine Mischung aus Nirvana und Queens of the Stone Age“, meint einer im Publikum. Direkt hinter dem Schlagzeug spielt eine Gruppe Beachvolleyball. Woanders wird derweil das „Currywurst Bankett“ vorbereitet, bei dem die Würste an einer Tafel mit weißen Tischdecken serviert werden. Das FKK-Gelände nutzt gerade niemand, dafür chillt eine Gruppe Geflüchteter neben den Containern, die auch ein Bienenhotel beherbergen. Immer mitten drin im Geschehen: „Hans“, die gute Seele mit Legendenstatus, der Pfandflaschen sammelt und den besten Draht hat zu den vielen unterschiedlichen Menschen. Das ist ein typischen Abend im Kulturpark Wiesbaden. Davon kann Mainz nur träumen. Eine gelebte Utopie?

Fünf Gruppen beteiligt

Konzerte, DJs, Graffiti, Straßentheater, Sport … Das Angebot an Kulturund Freizeitgestaltung auf dem Gelände an der Murnaustraße ist groß und lockt Menschen aller Generationen an. Für Kulturdezernent Axel Imholz ist es gar „als Gesamtensemble ein kultureller Ort, der deutschlandweit seinesgleichen sucht.“ Neben dem Schlachthof, der 2015 gemeinsam mit dem angeschlossenem Lokal 60/40 den restaurierten Wasserturm bezogen hat, beteiligen sich auch die Kreativfabrik und das Murnau Filmtheater an der Nutzungsvielfalt des Parks. Zusammen mit dem städtischen Projekt Kultur im Park (KiP) werden die Aktivitäten koordiniert und abgestimmt. Die Besonderheit liegt in der freien Nutzung des Parks. Jeder kann sich beteiligen, muss aber nicht. Man kann auch einfach so eine gute Zeit haben.

Freiraum bevorzugt

Das Projekt Kultur im Park (KiP) wurde 2012 ins Leben gerufen. Koordiniert wird es von Dietmar Krah vom Amt für Soziale Arbeit. Neben ihm sind auch Peter Beck und Bartholomäus Wischnewski zuständig. Gemeinsam kümmern sie sich um alles Organisatorische und sind von April bis Oktober fast täglich vor Ort – zu erkennen an der bei ihrer Anwesenheit gehissten Flagge. Die Aufgabe ist es, eine vielfältige und friedliche Nutzung des Kulturparks zu fördern. Zu diesem Zweck initiieren sie verschiedenste Veranstaltungen. Jeden Freitag gibt es ab 18 Uhr ein Theater- oder Konzertevent, und jeden Samstag legen DJs auf – ohne Eintrittspreise oder Absperrung des Geländes. Die Musikveranstaltungen werden technisch von der Kreativfabrik unterstützt.

Außerdem regen Krah und sein Team zur Selbstorganisation an. So können auch Einzelpersonen und Gruppen das kulturelle Potenzial des Parks ausschöpfen. Wischnewski dazu: „Wir finden die Tage am schönsten, wo verschiede Veranstaltungen auf dem Gelände parallel laufen. Wenn ein Fahrradkorso im Kulturpark endet, der mit Livemusik empfangen wird und wenige Stunden vorher ein Streetfoodfestival beginnt, gibt es viel zu erleben und es treffen lauter nette Menschen aufeinander.“ Das soll auch so weitergehen: „Wir sehen in Zukunft großes Potenzial für diese bunte Vielfalt. Sie gehört hierher. Das macht den Platz so spannend.“

Gemeinsame Programmgestaltung

Die Besucher des Geländes wissen das Engagement der Akteure zu schätzen. Aber wer welchen Beitrag leistet, ist für die Gäste zumeist nebensächlich. Was viele auch nicht wissen ist, dass die Kreativfabrik bereits 2002 aus der Initiative für einen Kulturpark entstanden ist. Damals gab es vor Ort noch keine Grünflächen. Einige kreative Köpfe schlossen sich zusammen, um das großflächige Areal zu beleben. Vom 1. bis 3. September wird die Kreativfabrik ihr Jubiläum gemeinsam mit den anderen Anliegern im Kulturpark feiern. Bis dahin wird der Park aber noch einigen Veränderungen unterzogen. Die bisherige Fläche soll sich in den nächsten Wochen und Monaten verdoppeln. Die Calisthenics-Anlage im vorderen Bereich wurde bereits Anfang Juni eröffnet und wird bestens angenommen. Mit Reckstangen und Barren bietet die Anlage Trainingsmöglichkeiten für jedermann und jederzeit.

Auch neue Skate-Elemente und Graffiti-Wände wurden errichtet. Zudem erhält das Gelände nun auch die dringend benötigten öffentlichen Toiletten sowie mehr Raum zum Parken. Die Planierraupen rollen, um den Bereich hinter der großen Halle des Kulturzentrums nutzbar zu machen. Nachdem die umliegende Fläche modelliert und begrünt wurde, steht nun auch mehr Platz zum Skaten und für Streetball zur Verfügung. Sie kann aber auch flexibel für andere Zwecke genutzt werden: Neben der neuen Liegewiese werden den Besuchern bald Grillplätze zur freien Nutzung bereitstehen. Der Wiesbadener Sportclub „La Boule Joyeuse“ erhält 16 Bahnen, die er gut gebrauchen kann. Der Boulebereich ist sowohl für Anfänger als auch für Turniere geeignet. Wer kein Interesse hat, die Kugeln rollen zu lassen, kann nebenan auf der Wiese eine ruhige Kugel schieben und chillen.

Flexible Funktionsräume

Dietmar Krah erklärt, worauf es bei den vielen Neuerungen ankommt: „Alle Teile des Parks sind so angelegt, dass sie flexibel nutzbar bleiben. Es gibt kaum Räume, die nur für eine Funktion verwendbar sind. Fast alle fest installierten Elemente wurden bei der Planung so gesetzt, dass genügend Raum bleibt für Festivals, Open-Air- Konzerte und mehr.“ So entstehen keine Hindernisse für eine freie Nutzung. Von großer Bedeutung ist da auch die Sicherung der Fluchtwege, besonders bei großen Events. Die sollen in Zukunft noch häufiger werden: „Mit den neuen Funktionsräumen entstehen auch Räume, wo man ohne Pfützen und matschige Füße Flohmärkte und alles Mögliche machen kann“, betont Dietmar die Flexibilität des Geländes.

Regelmäßige Runden

Das KiP-Team schickt wöchentlich Newsletter an die Kreativfabrik und anderen Anlieger. Sie informieren über aktuelle Geschehnisse und vermitteln zwischen Vertretern des Parks und Initiativen, die sich mit kreativen Ideen und Visionen einbringen möchten. Vor Ort tauscht man sich weiter aus. Die sogenannte Sicherheitsrunde mit der Polizei und dem Ordnungsamt ist ebenfalls ein Bestandteil der Kooperation.

Janne Muth, 29 Jahre, wurde kürzlich zum 1. Vorsitzenden der Kreativfabrik gewählt. Er ist schon länger als DJ tätig und hat die angesagte Veranstaltungsreihe „Circus Lunae“ mit Houseund Technomusik ins Leben gerufen: „Ich bin auf fast jeder Veranstaltung der Krea, so die Kreativfabrik intern. Die Veranstaltungen vom befreundeten Schlachthof, die Projekte von Kultur im Park und das Ausnahme- Filmprogramm der Murnaustiftung sind so vielfältig, dass ich mich oft nur schwer entscheiden kann, wo ich hingehe“, sagt er. „Ich muss eigentlich aufpassen, dass ich nicht zu viel Zeit auf dem Gelände verbringe und den Rest der Welt vergesse.“ Wer also Interesse hat seine Ideen weiterzugeben oder eigene Visionen auf dem Gelände zu verwirklichen, hat die Möglichkeit sich vor Ort mit den Mitarbeitern auszutauschen oder per Mail Kontakt aufzunehmen. Man freut sich über alle Engagierten, die sich an der Gestaltung und Nutzung des Parks beteiligen – auch über Exil-Mainzer.

Text Tamara Winter Fotos Samira Schulz

 

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