| | Kommentieren

Die Lichter der Stadt – Wie Lichtkonzepte zum Image der Stadt beitragen

Projektion von Flashlines von Daniela und Pascal Kulcsar (Foto: Joscha Brück)

Zu allen Zeiten und in allen Kulturen spielte Licht eine zentrale Rolle. Licht ist nicht nur eine Frage von Technologie oder Elektrizität, sondern auch von Kultur und so mit einer großen Symbolkraft verbunden. Auch in Mainz wird durch den Einsatz von Licht und durch das Inszenieren der Stadträume und Bauwerke das Stadtimage und Stadtbild in besonderer Weise betont. Städte wie Frankfurt mit eigenen Lichtmessen geben dem Thema eine stärkere, auch wirtschaftliche, Bedeutung. Licht fördert die Lebensqualität und die Lebensart sowie soziale Kontakte und Kommunikation. Die Stadt wird zur Bühne. Neben diesen Aspekten muss Lichtplanung aber auch vermehrt ökologische Gesichtspunkte berücksichtigen. Das Thema Lichtsmog spielt hier eine immer größere Rolle. Städte setzen daher seit Jahren auf eine multifunktionale Lichtplanung. Wir machen uns auf die Suche nach dem Licht in der Stadt.

Aus der Ferne
Im Landeanflug auf den Frankfurter Flughafen ist das nächtliche Mainz zweifelsfrei zu erkennen: nicht am Dom, nicht am Rhein, sondern vor allem am tiefrot beleuchteten Stadion. Die Opel-Arena ist wohl das am weitesten sichtbare Licht in Mainz. Aber auch sonst kennen die Mainzer kaum noch Dunkelheit. Die Stadt leuchtet, um sie im rechten Licht zu präsentieren. Aber auch, um für Sicherheit zu sorgen und um Orientierung zu geben. Das Problem: Zu viel künstliches Licht schadet Mensch und Natur. 2005 hat das Stadtplanungsamt ein umfangreiches Beleuchtungskonzept für die Innenstadt erarbeitet, dass bis heute Gültigkeit besitzt. „Beleuchtung ist als Bestandteil des Stadtmarketings zu betrachten. Ein bei Nacht attraktiv gestaltetes Stadtbild gilt als Standortfaktor. Das historische Erbe und die Potenziale der Stadt sind zu betonen, das positive Image der Stadt, ihre Schönheit und Einzigartigkeit sind hervorzuheben“, heißt es. Ein Pilotprojekt war die Beleuchtung des Doms als wichtigstes Wahrzeichen der Stadt: ursprünglich nur mit wenigen Strahlern und einer hohen Wattleistung. Unausgeleuchtete Flächen, fehlende Architekturbetonung und Lichtsmog – also die künstliche Aufhellung des Lichtsmogs- waren Defizite der Beleuchtung. In Abstimmung mit dem Bistum Mainz wurde ein Beleuchtungskonzept entwickelt, das einzelne Architekturelemente akzentuiert, Lichthierarchien aufbaut und den Dom somit plastischer dargestellt. Statt ihn flächig rundum zu beleuchten, wird das Bauwerk durch den bewussten Einsatz von Licht und Schatten vor allem in der Nacht zum Blickfang. Auch die städtische Silhouette vom Rhein aus gesehen scheint wie gemacht für eine effektvolle Illumination.

Weihnachtsstimmung trotz Lockdown
Wie wichtig Licht auch für die Aufenthaltsqualität in der Innenstadt ist, hat sich in der zurückliegenden Adventszeit gezeigt. Ohne den traditionellen Weihnachtsmarkt und trotz geschlossener Lokale und Geschäfte zauberte die weihnachtliche Beleuchtung in den Altstadtgassen eine besinnliche Stimmung. „Hierbei geht es vor allem um die Aspekte Wohlfühlen, Atmosphäre, Weihnachtsstimmung. Lichter sollten auch den Weg zu den Haupteinkaufsmeilen der Innenstadt weisen“, so Anja Obermann, die Vorsitzende von Mainz City Management. Erstmals wurden auch jene Straßen geschmückt, die sonst keine Lichterketten zieren, zum Beispiel die Stadthausstraße von Kaufhof bis Römerpassage oder die Große Langgasse von Ludwigsstraße bis Maria-Einsmann-Platz. Vorgaben zur Beleuchtung von Geschäften gibt es übrigens nicht, „die kommerzielle Beleuchtung soll Rücksicht auf städtebauliche Bezüge, Blickbeziehungen, Stadträume und Einzelobjekte nehmen“, mahnt die Stadt in ihrem Beleuchtungskonzept an.

Umrüstung auf LED
Auch Umweltaspekte fehlen nicht in städtischen Beleuchtungskonzepten: Mainz setzt auf den Einsatz ökologisch verträglicher Leuchtmittel und hat sich auf die Fahnen geschrieben, den Lichtsmog einzudämmen. Die alten Natriumdampflampen – erkennbar am orange-gelben Licht – werden sukzessive durch LED ersetzt. Von den 25.000 Lichtpunkten waren Ende 2019 rund 20 Prozent mit LED-Technik ausgestattet. Jüngstes Projekt war der Austausch der Leuchten auf der Kaiserstraße. Der Energiebedarf reduzierte sich so in den letzten fünf Jahren um 500.000 Kilowattstunden Strom pro Jahr. Auch der Kohlenstoffdioxid- Ausstoß sinke durch den LED-Einsatz. Seit 2016 setzt die Stadt für die öffentliche Beleuchtung zudem auf Ökostrom: „In einer einzigen langen Winternacht gibt die Stadt derzeit rund 5.500 Euro für die öffentliche Beleuchtung aus“, sagt Michael Theurer, Pressesprecher der Stadtwerke. Wenn man durch Mainz spaziert, fällt der wilde Mix an unterschiedlichsten Straßenlaternen auf. „Über sechs Jahrzehnte hinweg haben sich etwa 400 verschiedene Leuchtentypen summiert“, so Theurer. Seit einigen Jahren werde die Typenvielfalt jedoch kontinuierlich verringert. Die vermutlich älteste Laterne der Stadt, eine Gaslaterne aus den 1920er-Jahren, steht beim Stadthistorischen Museum an der Zitadelle – als Erinnerung an die Geschichte der Straßenbeleuchtung. „Die älteste Laterne am Originalstandort dürfte eine der Gaslaternen rund um St. Stephan sein“, so Michael Theurer. Diese stammen aus den 50er-Jahren und sollen auch weiterhin erhalten bleiben. Die älteste Elektroleuchte im Stadtgebiet sei von 1964. Die Straßenbeleuchtungsanlagen waren im 2. Weltkrieg gänzlich zerstört worden. Im Oktober 1945 waren gerade einmal zwölf Straßenlaternen in Betrieb.

Vom Unort zum Blickfang durch Licht: die Goethe-Unterführung

Kostengünstiger Blickfang
Ein gelungenes Beispiel für eine innovative und dabei günstige Beleuchtung stellt die Neugestaltung des Goethetunnels von 2012 dar. Das changierende Lichtband aus LED-Lampen und Radiant-Folien wirkt fast wie eine Installation. Die Farb-Licht- Bänder stellen eine gleichmäßige, normgerechte Ausleuchtung des Raums her und helfen andererseits durch ihre lineare Form und die Anordnung auf beiden Seiten, den Verkehr optisch zu führen. Damit gelang es, den ehemaligen Unort deutlich aufzuwerten. Eine ähnliche Lösung soll für die Ostein-Unterführung am Bahnhof geschaffen werden: Die Deutsche Bahn AG als Eigentümerin plant, die Unterführung vom Kaiser-Wilhelm- Ring zur Mombacher Straße in den nächsten Jahren von Grund auf zu sanieren und somit auch die Beleuchtungssituation zu verbessern. Woanders ist man da noch nicht so weit: Die maroden Kugelleuchten am Rheinufer vor dem Rathaus strahlen in alle Richtungen Licht in gleicher Intensität aus. Durch diesen Leuchtentyp aus den 70er-Jahren werden nachtaktive Insekten angelockt sowie der Nachthimmel überstrahlt. Die Kugelleuchten an der Uferpromenade sind zudem verdreckt und vergilbt, teils ist das Glas kaputt. Dennoch ist eine Erneuerung der Beleuchtung aktuell nicht vorgesehen. Auch das in Szene gesetzte nächtliche Stadion sieht zwar schön aus, zusammen mit den anderen Stadtlichtern erzeugt es jedoch eine schmutzig-rote Lichtglocke über der Stadt. Die sogenannte Lichtverschmutzung oder der Lichtsmog hat zur Folge, dass man in den Städten den Sternenhimmel kaum bis gar nicht mehr sieht.

Muss wirklich jede Fabrik die ganze Nacht beleuchtet werden?

Bärendienst für Insekten- und Vogelwelt
Doch es gibt nicht nur Lob für die Beleuchtung von Mainz. Christian Henkes, Vorsitzender des Naturschutzbunds NABU, sieht auch Probleme: „Durch die Umrüstung auf LEDs wird immer mehr beleuchtet.“ Die Lichtverschmutzung in Mainz nehme so immer weiter zu statt ab. Dadurch werde der natürliche Rhythmus der Vögel gestört, die inzwischen mitten in der Nacht anfangen zu zwitschern. Und selbst auf Bäume kann sich künstliches Licht auswirken, sodass sie zu spät ihre Blätter abwerfen. Auch in Wohnstraßen wird die LED-Beleuchtung von Anwohnern häufig als zu hell empfunden, was die Schlafqualität beeinträchtigen kann und sogar zu einer Reihe von Erkrankungen führen kann – von Herz-Kreislauf über Diabetes bis zu Krebs. Die Stadt aber beharrt darauf, dass die Anzahl der Leuchten seit 2015 nicht zugenommen habe und dass die Beleuchtung DIN-gerecht sei. Haben die alten Lampen meist ein schummrig-gelbes Licht ausgestrahlt, wirkt das LED-Licht tatsächlich weißer und kälter. Aber nicht erst seit der Umrüstung auf LED haben sich viele Städter angewöhnt, das Schlafzimmer nachts zu verdunkeln … Fest steht: Die dunklen Orte werden – nicht nur in Mainz – weniger. Früher gab es Leuchtreklame, heute werden nicht nur die Schaufenster, sondern gleich der gesamte Verkaufsraum die ganze Nacht über angestrahlt, dazu immer mehr Firmengebäude. Zudem ebben die Forderungen nicht ab, sämtliche Fuß- und Radwege, auch in ökologisch sensiblen Parkanlagen und Zeiten, auszuleuchten. Umweltinitiativen betrachten die Lichtverschmutzung als einen noch zu wenig beachteten Aspekt. Besonders kritisch sieht Henkes die taghell erleuchteten Gewerbegebiete, aber auch Schaufenster, die die ganze Nacht erstrahlen: „Muss wirklich jeder Parkplatz und jeder Weg die ganze Nacht beleuchtet werden?“ Ein Konflikt zwischen Sicherheitsdenken und Umweltbewusstsein, der oft zugunsten des Ersteren entschieden wird. Obwohl in puncto Lichtverschmutzung großer Handlungsbedarf bestehe, sieht er noch kein flächendeckendes Bewusstsein. „Die Stadt sollte sich gezielt fragen: Wo ist Beleuchtung, die man nicht ständig braucht?“

Beleuchtung intelligenter steuern
Das Zauberwort heute heißt bedarfsabhängige oder auch intelligente bzw. smarte Beleuchtung. Denkbar wäre eine Regelung wie in Wiesbaden, wo – bis auf in Hauptverkehrsstraßen – alle Laternen zwischen 23-4 Uhr gedimmt werden. Um die Straßenbeleuchtung in den Nachtstunden zu dimmen, ganz abzuschalten oder mit Bewegungsmeldern auszustatten, müsste die Technik allerdings zunächst kostenintensiv auf- bzw. umgerüstet werden. Das scheuen viele Kommunen noch. „Aktuell prüft das Stadtplanungsamt den Einsatz einer bedarfsorientierten Beleuchtung mit Solarleuchten, wodurch die Lichtverschmutzung auf ein Mindestmaß reduziert werdenkann“, so Ralf Peterhanwahr von der städtischen Pressestelle. Einzelne Beispiele für bedarfsabhängige Beleuchtung gibt es bereits: „In Mainz sind mehrere Fußwege, bei denen sich die Beleuchtung ab einer bestimmten Uhrzeit reduziert“, weiß Michael Theurer.

ZigZag im Zollhafen kann über eine App gesteuert werden

Lichtkunst in der Stadt
Zuletzt: Licht kann auch Kunst. Schon seit Mitte Dezember wird das neue Bürogebäude ZigZag am nördlichen Ende des Hafenbeckens interaktiv illuminiert. Das Besondere: Passanten können die Installation über eine App selbst steuern. Wer im Februar wehmütig ist, kann sich mit dem Szenario „Meenz bleibt Meenz“ ein wenig Fastnachtsstimmung an den Zollhafen holen – dann leuchtet ein Geschoss abwechselnd in Rot- Weiß-Blau-Gelb. Auch im Gebäudeinneren können künftige Mieter die Beleuchtung ihres Arbeitsplatzes nach individuellen Bedürfnissen über eine App steuern. Aber auch die Frankfurter Lichtkunst-Biennale Luminale hat in den vergangenen Jahren immer wieder mit Lichtinstallationen und Aktionen bis nach Mainz ausgestrahlt. Abgesehen vom künstlerischen Programm möchte das Festival einen nachhaltigen Beitrag zur Stadtentwicklung leisten – mit Projekten, die sich mit urbanen Visionen im Spannungsfeld von Licht, Architektur, Technologie, Ökologie, dem sozialen Miteinander in der Stadt oder mit ihrer Geschichte und Kultur auseinandersetzen. 2020 – die Luminale war dann doch ganz kurzfristig coronabedingt abgesagt worden – riefen die Veranstalter zum Lichtsparen auf, um es und somit die Energiekosten und Emissionen symbolisch der Luminale zu spenden. Das nächste Mal findet sie hoffentlich im Frühjahr 2022 statt.

Text Katja Marquardt Fotos Stephan Dinges

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.