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Der lässige Onkel – Onkel Willy´s Pub

Willy1seitig
von Anne Winterhager
Fotos
 Stefan Zahm.

Es gibt wenig, was eine so magische Ausstrahlung hat, wie eine echte, authentische Bar, die über Jahrzehnte gewachsen ist: abgewetzte Ledersitze, Dämmerlicht und abertausende Geschichten, die man sich im Laufe der Jahre am Tresen zugeraunt hat. Dutzende Bilder, Fotos und Schilder, die Willys Frau mit den Jahren liebevoll an die Wand dekorierte.

Kein einziger Fleck ist hier noch frei. Darunter Berühmtheiten, Hollywoodstars, Rockmusiker, Autogrammkarten, aber auch Fotos von vergangenen Festen. Doch das Wichtigste ist der Wirt selbst. Man erkennt ihn am Hut, weißen Bart und schnoddrig-freundlicher Ehrlichkeit.

Berlin Rock’n’Roll

Onkel Willy wurde 1947 als Wilhelm Schlismann in Mainz geboren. Seinen berühmten Pub gründete er 1973, mit gerade mal 26 Jahren und doch einer ganzen Fülle an Erlebnissen in der Tasche. Nach einer Lehre als Textilkaufmann ging Willy in den 60ern mit ein paar Musikerfreunden aus Mainz und Wiesbaden nach Berlin. Ursprünglich, weil man dort – dank dem sogenannten Berlinstatus – der Wehrpflicht entkommen konnte. Dort wurde der junge Wilde zum Berufsmusiker am Schlagzeug – eine magische Zeit: Überall gab es Pubs, in denen auch unbekannte Bands auftraten, jeder konnte sich ausprobieren.

Onkel Willys Band „We Dukes“ wurde sogar erfolgreich. Man spielte jeden Abend Konzerte und lebte ein wildes Musikerleben. Dann aber kam das große Bandsterben und die Live-Musik in den Bars ging zurück. In dieser Zeit kam Onkel Willy zurück nach Mainz und musste sich zwangsläufig einen Job suchen. Was lag da näher als wieder Musik? Willy wurde ein stadtbekannter Discjockey und präsentierte regelmäßig Bands. Aus dieser Zeit stammte auch sein „Künstlername“ Onkel Willy.

Verhasste Hipster

Die Bar gründete Willy in seinem früheren Elternhaus in der Binger Straße 5: vorher Bäckerei und Fischrestaurant, war es eines der wenigen Häuser der Straße, welches die Bombardierung im Zweiten Weltkrieg überstanden hatte. Unter Willy lief der Laden gut und schnell wurde der Pub zum In- Laden. Doch ihm gefiel das nicht. Erstens machte es ihn, als erfolgsverwöhnten Musiker und Musikmanager, anfangs unglücklich, so viel „schaffen“ zu müssen.

Zweitens wurde sein Pub aufgrund seiner Bekanntheit schnell zu einem Ort der Schickeria. Unfreiwillig, wie Onkel Willy betont, denn mit all den Hochwürden des Mainzer Karnevals und anderen „Kaspern und Profilneurotikern“, wollte Willy nichts zu tun haben. Er wünschte sich einen Laden für normale Leute, die sich in seiner Bar genauso wohlfühlen, wie er selbst. Mit der Zeit wurde der Pub zu dem, was er heute ist: Ein Ort für jeden und jede, wo alle so erscheinen, wie sie gerade sind, trotzdem aber irgendwie Kult.

Hektische Lässigkeit

Heute kommen viele Studenten und „die Menschen tippen zu viel auf ihren Smartphones herum und sind zu hektisch“, meint Willy, „das macht einen ja blöd.“ Aber damit hat er nichts mehr zu tun. Mittlerweile sitzt er oft außen in der Ecke, an der Peripherie und schaut sich das ganze Treiben nur noch lässig aus der Ferne an. Die meisten Gäste seien völlig in Ordnung.

Mit dem Aussprechen von Lokalverboten ist Willy daher auch immer vorsichtig: „Mit Gewalt erreicht man am allerwenigsten und meist das Gegenteil.“ Onkel Willy ist kein Mann des Dramas, wie er da so sitzt, seinen Hut in die Stirn gezogen, an seinem Cappuccino nippt und immer wieder zwischendurch auf die Straße schaut. Das ist sein Platz, der Münsterplatz, sagt er, hier hat er alles im Blick. Und Mainz? Mainz ist seine Stadt. Er möchte nirgendwo anders sein. Daran besteht kein Zweifel.

Nicht kaputt zu kriegen

Onkel Willy war immer Onkel Willy – autark und außer Konkurrenz. Inzwischen hat er sich etwas zurückgezogen und seine Tochter Rebecca führt die Bar. Die macht das auch ganz hervorragend, findet Willy. Doch immer noch ist er jeden Tag Stammgast. Weit muss er nicht gehen, die Familie wohnt noch immer im gleichen Haus. „Das Urgestein von Mainz, der Onkel Willy, der lebt ja immer noch, der ist nicht kaputtzukriegen“, lacht er zum Ende unseres Gesprächs.

Und auf die Frage, ob er zufrieden ist, sagt er: „Ja, sehr zufrieden.“ Die Antwort duldet kein Wenn und Aber. Es gibt eindeutig vieles was dafür spricht, irgendwann mal eine genauso lässige, alte Socke zu werden, wie Willy. Und was man immer mal machen kann, ist bei ihm vorbeizuschauen und gemütlich und zufrieden ein frisch gezapftes Fassbier zu trinken, oder eine Runde Billard im Hinterzimmer zu spielen.