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Haus gesucht: (Gemeinschaftliche) Wohnprojekte haben es schwer

Die snuggies, das selbstverwaltete
Wohnprojekt für (junge) Menschen
und Familien in Mainz, auf der Suche

Angesichts eines überhitzten Immobilienmarktes und für Normalverdiener bald nicht mehr bezahlbaren Preisen scheint die Suche nach einem großen, leerstehenden Mehrfamilienhaus in Mainz beinahe hoffnungslos. Die 15 Mitglieder des Wohnprojekts snug e.V. suchen dennoch seit sechs Jahren eine Immobilie, in der sie ihre Vorstellung vom Wohnen und Leben realisieren können. Doch die Hürden sind groß. Der Verein will nicht einfach nur Eigentum erwerben, sondern einen dauerhaft bezahlbaren Lebensraum schaffen für sich und andere, den die Bewohner gemeinschaftlich, solidarisch und selbstbestimmt gestalten können: ob Singlehaushalt, WG oder Familien aller Art, von jung bis alt, und alles unter einem Dach.
Gemeinschaftlich statt vereinzelt
„In einer guten Hausgemeinschaft kann man sich gegenseitig unkompliziert unterstützen, egal ob es um geteilte Dinge, Hilfe im Alltag oder bei der Kinderbetreuung geht“, sagt Nina, eines der Gründungsmitglieder des Vereins. Nach der Geburt von mittlerweile drei Kindern hat sich an ihrem Ideal vom gemeinschaftlichen Wohnen nichts geändert. Auch für das Paar Marc und Mel ist das Modell trotz Familiengründung attraktiv: „Für uns kommt ein Leben in einer WG nicht in Frage. Aber das Leben als Kleinfamilie erscheint uns zu abgekapselt und separiert.“ Vorteile hätte das gemeinschaftliche Leben aber nicht nur für Familien: Kathi gehört als Einzelperson zu snug, sie sagt: „Für mich ist es ein Traum mit einer größeren Gruppe, die ähnliche Ideale teilt, gemeinsame Projekte zu verwirklichen. Das ist allein oder in kleineren Wohngemeinschaften nicht möglich. Und Milli, ein weiteres Mitglied, ergänzt: „Nicht nur Wohnraum, auch kultureller (Frei-)Raum wird in Mainz immer knapper. Ich wünsche mir ein Viertel, in dem es auch nicht- kommerzielle Räume gibt, die mitgestaltet werden können. Vielleicht können wir einen solchen Raum schaffen.“

Nachhaltig und urban
Die Mitglieder der Gruppe leben in der Innenstadt und wollen das Projekt möglichst zentrumsnah realisieren: „Die Mieten steigen und die Gentrifizierung schreitet voran. Es geht Vielfalt verloren, wenn sich Menschen mit geringem Einkommen das Leben in der Stadt nicht mehr leisten können“, sagt Milli. Auch in Sachen Nachhaltigkeit hat die Stadt Vorteile: In Zentrumsnähe könnten die Bewohner auf eigene Autos verzichten und selbst über energetische Sanierungen oder die Heizungsform ihrer Wohngebäude mitentscheiden. „Das würde für uns dazugehören, wenn wir eine Immobilie kaufen und umbauen“, so die Vereinsvorsitzende Julia.

Selbstbestimmt wohnen
„Raum für Fahrräder schaffen statt Autos, geteilte Büros oder eine Werkstatt: solche Dinge funktionieren nicht beim herkömmlichen Mieten, da muss ich klarkommen mit dem, was da ist“, so Milli. Auch die Anpassung an veränderte Lebenssituationen ist in normalen Mietverhältnissen ohne Umzug nicht möglich. „Wenn Kinder dazukommen oder ausziehen, braucht man eine andere Wohnung“, sagt Nina. In einem selbstbestimmten Wohnprojekt könnte Wohnraum getauscht oder in Gemeinschaftsfläche umgewandelt werden. Da die Gruppe kein Eigentum für sich selbst erwerben möchte und offen bleiben will für Menschen, die kein Eigenkapital mitbringen, hat sie sich für das Modell des Mietshäuser Syndikats entschieden. In diesem Modell gründet der Wohnprojekt- Verein gemeinsam mit dem Syndikat eine GmbH, die eine Immobilie erwirbt. Die Vereinsmitglieder werden zu Mietern und gleichzeitig Vermietern, denn der Verein entscheidet hinterher über die Belange des Hauses. Das Syndikat verhindert durch sein Stimmrecht, dass das Haus wieder auf den Immobilienmarkt gelangen kann. Finanziert werden die Immobilien durch Direktkredite und Bankdarlehen. Im Unterschied zu anderen Immobilien- Kauf-Modellen werden die Mieteinnahmen ausschließlich zur Tilgung und zur Bildung von Rücklagen genutzt – Gewinne sollen nicht erzielt werden. Die Mieten können deshalb günstiger sein als auf dem normalen Wohnungsmarkt. In Deutschland gibt es bereits über 140 realisierte Syndikatsprojekte, eines davon sogar ganz in der Nähe: In Mainz-Kastel haben es die „Blüchis“ geschafft, das von ihnen bewohnte Haus in ein Wohnprojekt zu verwandeln. „Wir hatten großes Glück, weil wir dort bereits gewohnt haben, und mussten nur noch zugreifen“, freut sich Julia, Geschäftsführende der Blüchi GmbH. Trotzdem war das Ganze ein Kraftakt für die Gruppe. „Ohne Hilfe, auch von snug e.V., hätten wir das nicht geschafft.“ Für die Mainzer ist der Erfolg der Blüchis ein Ansporn: „In ganz Rheinland-Pfalz gibt es bisher kein Syndikatsprojekt. Und jetzt gibt es eins auf der anderen Rheinseite – wird Zeit, dass wir in Mainz nachziehen“, so Julia. (rp)

snug sucht ein Haus, Mitstreiter und Direktkreditgeber www.wohnprojekt-snug.de

Fotos Stefanie Ohler

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