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Der Kita-Rechtsanspruch und die Folgen in Mainz

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Mainz ist eine schöne Stadt. Nicht zu groß und nicht zu klein, multi-kulti, mit ordentlichem kulturellen Angebot und guter Anbindung zu noch viel mehr Möglichkeiten im wundervollen Rhein-Main-Gebiet. So oder so ähnlich denken viele. Und die Einwohnerzahlen steigen. Und mit ihnen die Zahlen der kleinsten Einwohner. Nicht zuletzt auch, weil aktuell viele ältere Mütter zusätzlich auf das Geburtenkonto zu Buche fallen. Die Folge ist nicht nur, dass eine gewisse Knappheit an Wohnungen herrscht, sondern auch eine an Kinderbetreuungsplätzen. Vor allem für die ab Zweijährigen, wenn nämlich das Elterngeld und Elternzeit erst einmal aufgebraucht sind.

Kita-Bedarf 2020

Vor Kurzem hat die Stadt einen neuen „Kindertagesstättenbedarfsplan“ veröffentlicht, der auch online auf den Seiten der Stadt zu finden ist. Sozialdezernent Kurt Merkator stellte ihn vor und legte klar und deutlich dar, wie die städtischen Mitarbeiter „ackern und ackern“, um die „Mammutaufgabe“ des Kita-Ausbaus über die Bühne zu bringen. Der Bedarfsplan will zum Beispiel Klarheit darüber schaffen, wie viele zusätzliche Kitas und vor allem Personal gebraucht werden, um dem „Ansturm“ an Neugeborenen gerecht zu werden. Denn Rheinland-Pfalz ist das einzige Land in Deutschland, das den Kindergarten ab dem zweiten Lebensjahr beitragsfrei und sogar mit einem Rechtsanspruch gestaltet.

Die Erwerbstätigkeit oder Ausbildungssituation der Eltern wird bewusst nicht zur Voraussetzung für die Platzvergabe gemacht. Die 81 Seiten des Bedarfsplanes sind mit diversen Säulendiagrammen gespickt. Sie sagen u.a. die demografischen Entwicklungen in Mainz bis 2020 voraus. Kinder werden nach Alter gestaffelt und die einzelnen Stadtteile separat betrachtet. Nicht nur städtische und nicht-städtische Kindertagesstätten werden einbezogen, sondern auch Plätze bei Kindertagespflegepersonen. Flüchtlingskinder haben ebenfalls einen Rechtsanspruch.

Natürlich können sich solche Prognosen nicht en detail bewahrheiten; im Gegenteil: Je detaillierter die Rechnung, umso größer die Gefahr der Abweichung. Außerdem sind die Menschen, mit denen man kalkuliert, zum größten Teil noch nicht geboren. Hierauf wird der Leser auch explizit hingewiesen. Die Abteilung Kitas der Stadtverwaltung muss also ständig umdenken, benötigt aber trotzdem eine langfristige Planung. Was also sind die Ergebnisse?

Mehr Kitas, mehr Erzieher

2015 dachte die Stadt noch, sie bräuchte „nur“ zehn neue Kitas bis 2020. Aktuell jedoch wurde die Zahl auf 17 erhöht. Zudem soll es acht Ersatzneubauten geben und umfassende Umstrukturierungen in mehreren bereits existierenden Einrichtungen. Auf diese Weise will die Stadt in den nächsten fünf Jahren ganze 1.735 neue Betreuungsplätze schaffen. Das sind bis 2020 insgesamt um die 10.000 Kita-Plätze in 134 städtischen und nicht-städtischen Kitas. Alles, um eine „Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen“, so Merkator. So viele Plätze und Kinder benötigen natürlich auch sehr viele neue Betreuende. Also besteht der ambitionierte Plan, die aktuelle Zahl der Erzieher bis 2020 fast zu verdoppeln: Man geht davon aus, dass 748 neue Mitarbeiter bis 2020 benötigt werden – Teil- und Vollzeitstellen einkalkuliert. Insgesamt hätte man dann ca. 1.700 Menschen in und für Kitas in Lohn und Brot. Ein Ding der Unmöglichkeit angesichts schon allein der derzeitigen Betreuungssituation?

Wunsch und Realität

Irene Schunk-Deus hütet schon seit vielen Jahren im Auftrag der Stadt Knirpse und kennt die Problematik: „Einmal pro Woche steht bei uns jemand vor der Tür, der dringend einen Platz braucht.“ Die 61-jährige Leiterin der Kita auf dem ZDF-Gelände tut ihr Bestes, aber die vom ZDF geführte Warteliste leert sich nie. Die quirlige Kita-Leiterin weiß, dass man sich als Laie über den Kita-Bedarfsplan wundern könnte, wenn die Ausbau-Agenda lediglich neun neue Plätze auf dem Lerchenberg vorsieht. Laut Berechnungen ist der Stadtteil bei einigen Altersgruppen aber sogar überversorgt. Von Umstrukturierungsmaßnahmen kann sie viele (Kinder)Lieder singen.

Bereits 12 Umstrukturierungen in 14 Jahren hat sie mit- und durchgemacht. Mittlerweile ist man in der Kita Lerchenberg (wie in anderen Kitas auch) von einer Einteilung der Gruppen nach Alter von der Krippe bis zum Hort weg, zu aktuell neun Gruppen mit „kleiner Altersmischung“ (also kleinen Gruppen mit Kleinst- und Kleinkindern) gekommen. Dies trägt der Entwicklung Rechnung, dass die Kinder immer jünger in Krippen und Kitas gebracht werden und diese meist mit der Einschulung wieder verlassen.

Sie erkennt, dass dies klar mit dem Zeitraum der Elterngeld-Zahlung und dem Rechtsanspruch auf Beitragsfreiheit für einen Betreuungsplatz ab dem zweiten Geburtstag zu tun hat. Zur breit angelegten Erweiterung der Altersspanne in Mainzer Kitas sagt sie trotzdem: „Ich find’s toll! Seit viele Kinder schon als Einjährige zu uns kommen, kann man viel mehr mit Ihnen machen!“ Man merke es vielen Kindern eigentlich eher positiv an, wenn sie schon früh Zeit in einer Tagesstätte verbracht hätten.


Gewinner oder Verlierer?

Ist flächendeckende Kita-Versorgung also eine Win-Win-Win-Situation? Pädagogen freuen sich über die bereichernde Arbeit, Kinder über fünf Jahre hinweg zu begleiten; Kinder lernen voneinander und von den Erziehenden und können Eltern ihren Beruf und Familie (optimal) miteinander vereinen? Nur bedingt: Häufig sei es nicht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sondern die von „Eltern und Beruf“, die in unserer Gesellschaft angestrebt werde, so Schunk-Deus. Wenn Kinder neun Stunden täglich in der Krippe verbrächten, könne das auch zu viel des Guten sein, „aber mein Team und ich sind Erziehende für Kinder, nicht für deren Eltern. Wir wollen und haben die unterschiedlichen Gründe der Eltern nicht zu bewerten, Gründe, die wir häufig auch gar nicht kennen.“

Selbstverständlich gebe es Fälle, in denen es nicht anders ginge. Die Regel seien solche Fälle aber nicht. Insgesamt sieht Schunk-Deus der Zukunft enthusiastisch entgegen. Nachdem früher eher andere Bundesländer das Bildungs-Aushängeschild allein für sich beansprucht hätten, „steht doch mittlerweile unsere Rheinseite dem in nichts mehr nach“. Man kann also nur hoffen, dass die Stadt Mittel und Wege findet, nach der Flüchtlingswelle auch noch die „Mammutaufgabe Kita-Ausbau“ erfolgreich zu meistern, damit bald wirklich jeder seinen Rechtsanspruch erfüllt bekommt. Einfach wird das nicht.

von Ulrike Melsbach und Jonas Otte (Fotos)