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Der große Test: Glühwein


von Ines Schneider
Fotos: Oksana Kyzymchuk

Es ist dunkel und kalt, der Winter wird noch lange dauern. Was wirkt dagegen? Natürlich Glühwein! In der Vorweihnachtszeit begegnen wir unzähligen Mischungen. Unser Test konzentriert sich jedoch auf drei Aspekte: Temperatur: Da der Glühwein „Glüh“wein heißt, sollte er auch glühend heiß sein. Kalt wird er von selbst. Rezeptur: Heißer Wein verdient durchaus schon die Bezeichnung „Glühwein“, darüber hinaus sind aber auch verschiedene Gewürze beliebt. In der Regel werden Zimt und Nelken verwendet. Anis und Zitrusfrüchte sind schon etwas raffiniertere Varianten, gelegentlich trifft man auch, nach skandinavischem Vorbild, auf Rosinen und Nüsse. Ein verbindliches Grundrezept gibt es nicht, deswegen waren wir bei unserem Test gespannt auf individuelle Zusammenstellungen. Süße: Häufig wird der ohnehin schon halbtrockene oder liebliche Wein noch gesüßt, was nicht immer zu seinem Besten ist.

Im Altstadtcafé (Schönbornstraße 9) verlassen sich die Betreiber nicht nur auf die Kraft ihres Kachelofens: Der Glühwein wird hier heiß serviert, gerade noch trinkbar. Glas- Tassen bringen den roten Inhalt zum Aufleuchten und die Zutaten zur Geltung: Zitronen- und Orangenscheiben und Zimtrinde. Zucker wird dazu gereicht. Zitrusfrüchte und Zimt alleine werden wohl nicht für den starken Geschmack sorgen, vermutlich wurden sie einer Grundmischung beigefügt. Doch auch wenn sie die Wirkung nicht ganz alleine bestreiten, verstärken sie diese zweifellos und die Wölkchen aus Obstsaft sorgen dafür, dass jeder Schluck anders schmeckt.

Weinzauber (Römerpassage / Pfandhausstraße) führt Weine aus aller Welt. Was die Glühwein-Zubereitung betrifft, folgt man hier keiner bestimmten Tradition. Das Getränk, eher warm als heiß, ist alarmierend süß, etwas anderes ist nicht zu identifizieren. Der Farbe nach kommt Rotwein darin vor, es verströmt aber auch einen leichten Mandelduft. Mandeln im Glühwein wären eine willkommene Variation, doch in diesem Fall ist er mit einem tödlichen Schuss Amaretto versetzt! Indem man Wein mit solch einem cremigen Likör verrührt, treibt man jeder feineren Note das Leben aus. Pluspunkte gibt es für die freundliche Bedienung.

Bei den Betreibern des Café Awake (Steingasse 24 – 26) steht das Konzept des „Fair Trade“ im Mittelpunkt. Die verwendeten Produkte werden bei regionalen oder mindestens deutschen Händlern eingekauft. Cola und Limo beispielsweise werden aus Hamburg geliefert, der Glühwein aus Stuttgart. Er kommt ordentlich heiß auf den Tisch bzw. an den Ohrensessel. Nelkenaroma paart sich mit der moderaten Süße und der sanften Schärfe des Weins, die nicht unangenehm ist und erheblich ausgeprägter als bei anderen Zusammenstellungen. Ein Zuckerspender befindet sich in Reichweite.

Das Raugraf (Parcusstraße 1) ist eine bodenständige Weinstube. Glühwein gehört nicht unbedingt zum Standardrepertoire, doch man geht gerne auf Kundenwünsche ein: „`Mer ham Wein, `mer ham Glüh!“. Das Ergebnis ist eine Tasse lieblicher Rotwein (wirklich heiß), in der ein Beutel „Glühfix“ hängt. Danach ist der Wein so stark mit Frucht-, Zimt- und Nelkengeschmack durchsetzt, dass ich unwillkürlich an rote Grütze denke. Selbst ein Hauch Vanille fehlt nicht. Das klassische „Glühfix“ von Teekanne besteht aus Zimt, Nelken und Orangenschalen. Vanillezucker wird auf der Packung nicht genannt, der Vanillegeschmack könnte sich so erklären lassen, dass der Wein gesüßt und dann aufgekocht wurde, sodass der Zucker karamellisiert. Die herzliche Bewirtung und die Tatsache, dass schnell improvisiert wurde, lassen über manches hinwegsehen.

Im Weinhaus Horn (Augustiner Straße 27) wird der Wein direkt auf dem Herd zum Glühen gebracht. Es handelt sich um einen halbtrockenen Rotwein, ergänzt mit Nelken und einer Idee Zimt. Das Ergebnis wird ein wenig gesüßt, allerdings nicht mit Zucker oder Honig, sondern mit Traubensaft. Irritierend sind höchstens die dazu gereichten Lebkuchen. Das ist zwar eine liebenswürdige Geste, doch Gewürzkuchen oder Früchtebrot würden besser mit dem Wein harmonieren. Der Geschmack der mit Milchschokolade überzogenen Fertigware überlagert die Glühweinmischung zu stark. Trotzdem nett, essen wir dann später.

Das Restaurant Schwayer betreibt im Volkspark einen kleinen Kiosk, andem auch Glühwein angeboten wird. Holzbänke laden zum Sitzen ein. Der Geschmack des Weins erinnert an die Glühfix-Version im Raugraf, nur dass die Spur Vanille fehlt. Beim „Schwayer“ fällt auf, dass Süßstoff bereit liegt. Das mag aus kulinarischer Sicht kein Fortschritt sein, doch ist es immerhin eine kleine Eigenart. Vielleicht ist nicht alles, was diesen Glühwein süß macht, Zucker. Vielleicht ist aber auch nicht alles, was in diesem Glühwein enthalten ist, Wein, denn mit dem Alkoholgehalt hält er sich zurück. Da aber viele der Volksparkbesucher ein bis zwei Kinder im Auge behalten müssen, ist das nur vernünftig.

Der Domsgickel (Grebenstraße 16) ist eine solide Kneipe, dekoriert mit Gickeln aller Art. Drei Flachbildschirme sorgen für den Genuss größerer und kleinerer Sportereignisse, ein erfreuliches Kontrastprogramm zum Krippenspiel. Glühwein behauptet sich auf der Karte tapfer gegen eine ansehnliche Auswahl an Biersorten. Orangen- und Zitronenscheiben versehen ihn mit Citrus- Schleiern. Mehr ist schwer feststellbar, denn es dominiert eine sirupartige Süße. So ist die Beschaffenheit des Weins oder andere Geschmacksnoten nicht auszumachen. Auch die Temperatur bei der Darreichung war nur lauwarm. Der „Domsgickel“ hält eine saure Alternative bereit, den heißen Apfelwein.

Das Sixties (Große Langgasse 11) besitzt mit Bier, Whisky und FussballÜbertragungen den Reiz eines Irish Pubs, aber auch Glühwein wandert über die Theke. Schnell kommt heraus, dass es sich um „Christkindle“- Glühwein handelt, eine beliebte Fertigmischung. „Christkindles Markt- Glühwein“ von der Firma Gerstacker ist dem Glühweinfreund ein Begriff, weil er bereits von der Stiftung Warentest gelobt wurde. Von der Flasche lassen sich das Anbaugebiet und ein Teil der Zutaten ablesen. Neben den vertrauten kommen nochAnis, Kardamom, Heidelbeere und Muskat vor. Der Wein ist sehr süß, auch wenn Zucker nicht erwähnt wird. Im Sixties könnte er noch heißer gereicht werden.

Wem der Glühfaktor fehlt, der kann auch auf eine fertige Kreation aus dem Supermarkt zurückgreifen.

Aldi führt viele Produkte, die wenig kosten, aber von guter Qualität sind. Der Glühwein gehört nicht dazu. Auf dem Preisschild wird zum unschlagbaren Preis von 99 Cent pro Liter ein „weinhaltiges“ Getränk aufgeführt. Das endet vermutlich mit Kopfschmerzen, aber die Angabe „Zimt und Nelken“ klingt verführerisch und mehr als Orangen- und Zitronen„auszüge“ sind auch in keiner Limo. Die Inhaltsstoffe sind nicht aufgelistet, aber Zucker stände vermutlich ganz oben. Gewürznoten schmeckt man ebenfalls heraus, Nelken etwas mehr, Zimt etwas weniger, neben der Süße sind aber vor allem die Fruchtaromen wahrnehmbar und ein Hauch von Alkohol. Wirkt alles in allem stark übertrieben.

REWE führt den Winzerwein Wolfsblut in der mittleren Preisklasse von 3,49 Euro. „Rotwein, würzig, fruchtig, aromatisch“, viel mehr gibt es auf der Flasche nicht zu lesen. Das Ergebnis ist nicht übel, aber auch nicht bemerkenswert. Der Wein ist kaum gesüßt, was nach vorangegangenen Orgien positiv auffällt. Auch die versprochene Aromaisierung ist eher verhalten: ein Hauch von Zimt, eine Spur Nelken. Wer sich seine eigene Mischung zusammenstellen möchte, kann den Wein als Basis benutzen. Laut Etikett ist das Getränk heiß und kalt genießbar und tatsächlich schmeckt es kalt sogar besser. Doch ist das dann noch Glühwein?

Der Aronia Glühwein ist mit 6,69 Euro der teuerste Glühwein, den Denn´s Biomarkt zu bieten hat. Der Hersteller gibt zu, dass Zucker im Spiel ist und offenbar auch nicht zu knapp. Auch wenn die Aroniabeere eine geschmacksintensive Frucht ist, für eine derart konzentrierte Süße ist sie bestimmt nicht alleine verantwortlich. Sie bügelt fast alles nieder, den Beerengeschmack genauso wie die mit dem Aufdruck „gewürzt“ angedeuteten Zutaten und die leichte Schärfe des Weines. Da beruhigt es auch nicht, dass es sich um „Bio“zucker handelt. Diese Mixtur ginge in kühlerem Zustand in jeder Cocktailbar als „red-eyed reindeer“ oder „santa insane“ durch. Der Rat „Vor Gebrauch schütteln“ weckt die Hoffnung, auf Überbleibsel von Früchten zu stoßen, aber auch in der letzten Tasse ist nichts zu finden, für das sich das Schütteln lohnen würde.