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Die besten Mainzer Jazz-Locations und -Events

„Jazz is not dead, it just smells funny”, sagte einst Frank Zappa. Ja, wie riecht er denn, der gute alte Jazz? Eigentlich ganz angenehm, teils etwas museal, teils frisch, manchmal kitzelt‘s auch scharf in der Nase, auf jeden Fall immer verführerisch. Wir stellen die wichtigsten Duftnoten und ihre Produzenten vor.

Jazzinitiative Mainz (JIM)

Ehrwürdig, aber jung geblieben: die Jazzinitiative Mainz (JIM). 1988 gegründet, um die 130 Mitglieder. Der Verein hat etwa 20 Konzerte pro Jahr, alle im M8, dem „Haus der Jugend“. Die geringe Förderung durch die Stadt versiegte 2005, aber durch Eintritt und Mitgliedsbeiträge ist Kontinuität gesichert – und nicht zuletzt durch die guten Randbedingungen: Jeden dritten und vierten Samstag im Monat ist der Initiative einer der beiden Säle kostenfrei garantiert, mit perfekter technischer Ausstattung. Gespielt wird alles zwischen Bebop und Aktuellem, mit Schwerpunkt auf Eigenkompositionen. Lokale und überregionale Bands sind gleichermaßen vertreten. Eine Programmgruppe plant die Bookings, die schon bis 2019 und 2020 vorgreifen. Sonderkonzerte mit höherem Eintritt sind auch immer wieder dabei, sie bringen Geld und Mitgliederzuwachs.

upArt

Ebenso lang wie die JIM besteht der „upArt – Verein für zeitgenössische Kultur e. V.“ Aus dem AStA der Mainzer Uni hervorgegangen, dreht sich bei den älteren Semestern dieser kleinen Enthusiastentruppe (fast) alles um das jährliche Festival AKUT. Seit 2006 wegen Budgetkürzungen nur noch eintägig, locken am 23. und 24. November wieder zwei Tage mit je drei Bands ein nicht nur regionales Publikum zu vielerlei musikalischen Grenzüberschreitungen in den Frankfurter Hof. Die stilistische Programmatik folgt der Entwicklung des aktuellen Jazz mit allen Nebenwegen, ob in Richtung Weltmusik, Elektronik, Crossover oder Klassik. Schwer zu definierendes Ziel: Die Musik spielen, die sonst niemand macht. Nicht so ganz einfach ist dementsprechend der Entscheidungsprozess in der Gruppe, aber „Basisdemokratie“ kann bei einer kleinen eingeschworenen Gemeinschaft funktionieren, und alle packen an, vom Catering bis zum Instrumentenschleppen.

Jazz im Atelier

Ein 100 Jahre alter „Ibach“, der Familienflügel, suchte eine neue Heimat, und die Malerin Christiane Schauder, die als Kind darauf Etüden geklimpert hatte, übernahm das schwergewichtige Erbe. Das gute Stück wurde ins Atelier geschafft, steht seitdem auf einer kleinen Bühne und wird von Pianisten aller Stilrichtungen geschätzt: Umgeben von Bildern begannen vor etwa zehn Jahren die Atelierkonzerte, nicht nur mit Jazzern. Einzelkämpferin Schauder lädt nur Musik ein, die sie mag, und das kann zwischen Barock und Avantgarde alles sein, wobei Jazz den Schwerpunkt bildet. Das Stammpublikum wächst beständig, die 90 Stühle reichen oft nicht aus. Zuhörer wie Musiker schätzen das private Ambiente, wozu auch die traditionelle Suppe nach der letzten Note gehört. 18 Konzerte gibt es in diesem Jahr. Es könnten viel mehr sein, denn die Bewerbungen häufen sich und alle kommen gern wieder. Da fällt ein Absagen manchmal schwer, aber es muss auch mal gearbeitet werden – der Konzertsaal ist schließlich eine Künstlerwerkstatt.

Tonkult und Uni

Vom ersten Moment an erfolgreich positionierte sich vor zwei Jahren „Tonkult e. V.“ in der Mainzer Szene. Tonkult ist eine Initiative von Studierenden und Absolventen der Jazzabteilung der Uni. Den Aktiven, die sich gern als Kollektiv bezeichnen, schienen die Jungen zu wenig in der Stadt präsent zu sein – zu Recht, was Bands wie auch das Publikum betraf. Also suchte man nach einer Location mit Clubcharakter und fand sie im LOMO. Im Keller des Lokals finden seitdem regelmäßig Konzerte mit jungen Jazzern, aber auch etablierteren Gastmusikern statt. Seitdem auch der Kulturclub schon schön regelmäßig montags jungen Jazz präsentiert (Bookings: Eduardo Sabella), konzentriert man sich bei Tonkult mehr auf Sessions: zweimal im Monat dienstags im LOMO. Dazu kommen Groove Sessions am 2. und 4. Dienstag im Alexander the Great. Am Aufleben vor allem der jungen Szene hatte in den letzten Jahren sowieso vor allem die „Abteilung Jazz und Populäre Musik“ der Universität entscheidenden Anteil. Etwa 50 von 350 Studierenden der Hochschule für Musik haben sich dem Jazz verschrieben, angemessen verteilt auf alle Instrumentengruppen einschließlich Gesang. Darauf achten der Leiter der Abteilung Sebastian Sternal und die Dozenten, die auch dafür sorgen, dass jedes Semester andere Combos zusammengestellt werden, denn Jazz besteht bekanntlich hauptsächlich aus Ensemblespiel. Ein wöchentliches Forum sorgt für Kontakt und Kooperation untereinander, und zweimal im Jahr erlebt man die klingenden Arbeitsergebnisse vom Duo bis zur Bigband in mehrstündigen Konzerten am Fachbereich oder bei der Konzertserie „Treffpunkt Jazz“ im Frankfurter Hof. Dass es eine Jazzabteilung in der Musikhochschule gibt, war bis vor einiger Zeit vielen noch unbekannt. Inzwischen gehören ihre Aktivitäten unverzichtbar zur Mainzer Szene – was sich übrigens herumspricht: Die Anzahl der Studienbewerber nimmt zu, und ihre Qualität ebenfalls, freut sich Sternal.

Jazzhaus und Festivals

Das jazzige Konzertangebot in Mainz erscheint also vielfältig, darin sind sich die Akteure einig. Weitere Veranstaltungsorte kommen immer wieder dazu: Der Frankfurter Hof punktet mit Konzerten größerer Berühmtheiten, die Altmünsterkirche mit dem SommerNachtJazz oder die Ignazkirche mit den Jazz-Serenaden im Sommer. Ab und zu findet auch im Tonstudio Klangraum oder dem SWRFunkhaus etwas statt. An der Uni gibt es den Mittwochs-Jazz im (oder vor dem) „QKaff“ und einmal im Monat die Session der ESG Bar, beides hauptsächlich von und mit Studis. Im Bereich der sporadischen Auftritte in Hotels und Kneipen ist das Spektrum sowieso weit offen. Fehlt noch etwas? Vielleicht ein Jazzclub, in dem jeden Abend und nicht nur einmal die Woche gute Musik läuft, ob live oder von der Konserve? Den wünschen sich eigentlich alle. Mitten in der Stadt sollte er sein, ein gemischtes Programm haben und alle Altersgruppen ansprechen. Ob auch ein zentrales Jazzfestival in der Landeshauptstadt wie 2016 den gemeinsamen Aufwand lohnt, wird zwischen den Akteuren und dem Kulturministerium noch diskutiert. Nicht zufrieden ist man jedenfalls mit dem bisherigen Vorstand der „LAG Jazz“, die als Landesverband für die Vernetzung aller Initiativen und Spielstätten sorgen müsste. Hier deuten sich für die Zukunft strukturelle Veränderungen an.

Text Minas Fotos Stephan Dinges & Minas

 

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