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Das sensor 2×5 Interview mit Laurent Vieille vom Haus Burgund

Seit wann leiten Sie das Haus Burgund?
Ich bin hier seit dem 1. April der neue Leiter. Die letzten 15 Jahre habe ich in Burgund-Franche-Comté gewohnt, aber dann führten mich alle Wege nach Mainz bzw. Deutschland. Ich habe immer wieder diese Stellenanzeige gesehen, bestimmt 15 Mal, bis ich mich dafür entschieden habe. Und da ich früher viel gereist bin und auf verschiedenen Positionen tätig war, bin ich nun froh, alle Bereiche hier zu haben, die mich interessieren.

Was sind die Aufgaben des Haus Burgund?
Das Haus Burgund ist Teil des Regionalrats Burgund-Franche- Comté und dessen offizielle Vertretung in Rheinland-Pfalz. Die Partnerschaft zwischen Burgund und Rheinland-Pfalz besteht seit 1962, wir feiern also im nächsten Jahr das 60-jährige Jubiläum. Früher war die Partnerregion nur Burgund – und Dijon die Partnerstadt von Mainz. 2016 aber wurde Burgund mit der Region Franche-Comté fusioniert und dadurch hat sich die Partnerregion sozusagen verdoppelt – und damit auch die Möglichkeiten des Austauschs. Unsere Aufgaben sind – neben der Koordination auf politischer und administrativer Ebene – vor allem die Praktikantenvermittlung und die Veranstaltung kultureller Aktivitäten, also Ausstellungen, Konzerte und Lesungen sowie die Burgundermärkte hier in Mainz, auf denen viele Produkte aus Frankreich verkauft werden. Dazu kommt die Beratung zu touristischen Zwecken, aber auch eine kleine Bibliothek ist bei uns im Haus.

Sie treten das Erbe von Mélita Soost an. Was werden Sie beibehalten und was verändern?
Frau Soost hat das Haus Burgund 26 Jahre geleitet und es eigentlich auch gegründet. Wir versuchen das weiterzuführen, vor allem die Märkte, die sehr gut funktionieren. Ich hoffe, dass sie im Oktober wieder stattfinden können. Es ist momentan wegen der Pandemie schwierig mit Veranstaltungen. Ich würde aber gerne mehr junge Menschen einbinden, etwa durch die kulturellen Veranstaltungen. Wir überlegen, wie wir es schaffen, uns insgesamt zu verjüngen.

Kooperieren Sie mit dem Institut français oder ähnlichem? Gibt es hier eine französische Community?
Das Institut français ist eine wichtige Anlaufstelle, hat aber andere Aufgaben. Ich möchte gerne mit vielen kooperieren und bin gerade dabei, alle Akteure der Stadt kennenzulernen. Eine offizielle französische Community gibt es meines Wissens nicht, wenn dann eher „underground“.

Gibt es Parallelen zwischen Deutschland und Frankreich oder zwischen Rheinland-Pfalz und Burgund? Und was trennt uns?
Das Trennende ist eigentlich nur die Sprache, was für den Tourismus wiederum nicht so wichtig ist. Ansonsten gibt es viele Ähnlichkeiten zwischen den Regionen: die Weinkultur, die Gemütlichkeit, die Außenterrassen, die Weinstuben, eine gewisse Lebensart, das alles ist sehr ähnlich. Ein Burgunder kann sich hier wie zu Hause fühlen und umgekehrt. Es fehlt nur ein wenig der französische Käse, den transportiere ich für Freunde und Bekannte im Kofferraum (lacht).

Wie ist ihr Lebensweg verlaufen?
Ich komme aus einer kleinen Stadt in Burgund-Franche- Comté im Tal des Doubts und habe in Dijon internationalen Handel studiert. Während und nach meinem Studium bin ich viel gereist: In Wales habe ich Erasmus-Zeit verbracht und am Ende meines Studiums war ich in Japan. Danach habe ich Künstlermanagement in Kanada studiert und dort auch meine Frau kennengelernt. In Österreich habe ich dann in der Industrie gearbeitet und mich verstärkt für Kultur interessiert, insbesondere Kunst und Musik. So kam ich zu einer Stelle in der Staatsoper Lyon und der Oper von Dijon im Bereich Kommunikation und Marketing. Danach übernahm in die interne Kommunikation bei der Stadt Besançon. Ich wollte allerdings schon immer nach Deutschland. Das habe ich meinen Kindern (13 & 15 Jahre) schon damals gesagt. Und nun sind wir hier und sie gehen jetzt auf das Otto-Schott-Gymnasium. Das ist eine große Umstellung, aber auch eine Herausforderung – auf jeden Fall ein Familienprojekt, sonst kann das nicht funktionieren.

Ihr Vater war Deutschlehrer.
Ja, Deutschunterricht war früher obligatorisch in Teilen Frankreichs, sogar erste Fremdsprache. Das liegt vermutlich an der Wirtschaftskraft von Deutschland, aber auch an den beruflichen Möglichkeiten in der Schweiz oder Österreich etwa. Natürlich muss man auch Englisch sprechen und bereit sein, ins Ausland zu gehen. Deutsch zu sprechen ist jedenfalls für einen Franzosen ein großer Vorteil. Mein Vater hat früher auch oft mit uns Urlaub hier gemacht, meistens in Schleswig-Holstein oder Freiburg. Ansonsten hatte er aber keine tiefere Verbindung.

Was haben Sie gelernt durch das ganze Reisen?
Da könnte ich ein Buch drüber schreiben … Auf jeden Fall die Offenheit durch Kontakte mit Menschen. Jede Begegnung ist immer wieder faszinierend. Mit dem Alter wird das mit dem Reisen aber auch weniger. Denn wir wollen uns nun auch als Familie in Mainz langfristig niederlassen, auch schon wegen der Kinder.

Haben Sie noch weitere Hobbys?
Ich spiele schon lange Klavier und mache gerne Sport, also Laufen, das habe ich erst vor einem Jahr entdeckt. Hier am Rhein ist das fantastisch, die Strecke über die Brücken. Meine Reisen werden in nächster Zeit also mehr zwischen Burgund- Franche-Comté und Rheinland-Pfalz stattfinden.

Sind Frankreich-Reisen durch Corona schwieriger geworden?
In den letzten Wochen waren die Regeln in Deutschland strenger, zumindest was das Testen betrifft. In Frankreich haben wir nicht so viele Test-Möglichkeiten, und das Testen ist auch anders geregelt. Reisen nach Deutschland waren trotzdem einfacher, weil ein Schnelltest genügte und für Frankreich brauchte man einen PCR-Test. In Frankreich wurde allerdings nicht so auf Inzidenzen und Nachverfolgung geschaut wie hier. Jetzt wird aber mehr darüber gesprochen und auch über die Anzahl der Geimpften.

Interview David Gutsche Foto Jana Kay

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