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Das fliegende Sofa – Couchsurfing in Mainz

„Die Welt darf bei mir zu Gast sein“, sagt Gisela mit Wuschelkopf, Badelatschen und Brille. Seit etlichen Jahren lädt die 60-Jährige Mainzerin die Welt zu sich ins Wohnzimmer ein. Ein Problem, Fremden zu vertrauen hat und hatte sie dabei nie.

Seit drei Jahren ist sie auch Mitglied der Couchsurfing-Community. Über 8.000 Mitglieder umfasst die Plattform alleine in Mainz, 14 Mio. in über 200.000 Städten insgesamt.

Was im Jahr 2004 als Projekt begann, ist heute unter vielen Reisenden, vor allem jungen, längst Gesetz: Durchgelegene Schlafcouch statt schickes Hotel. Lokale Leute kennenlernen statt Tourist-Info.

Fünf Sterne Couch in Mombach

Seit Gisela vor sieben Jahren mit ihrem Mann in das gemeinsame Haus in Mombach gezogen ist, hatte sie bereits zehn Couchsurfer zu Besuch. Es ist ihr wichtig in einem regelmäßigen Abstand von etwa sechs Monaten neue Gäste zu empfangen. Dabei ist sie stets auf der Jagd nach spannenden Biographien, wie zum Beispiel zwei Reisende, die mit dem Fahrrad von Peking nach London gefahren sind. Couchsurfer, die bei Gisela zu Gast sind, erleben einen ungewöhnlich luxuriösen Aufenthalt. „Meine Gäste schlafen in einem separaten Gästezimmer, mit Kleiderschrank und eigenem Bad.“ Das sei so eigentlich nicht gedacht, aber sie habe die finanziellen Mittel und den Platz.

Maximal drei Nächte dürfen die Reisenden bei der Heilpraktikerin übernachten, natürlich kostenfrei. Im Gegenzug freut sie sich über ein kleines Gastgeschenk oder ein leckeres Essen. Darüber hinaus ist es ihr wichtig, mit ihrem Besuch Zeit zu verbringen: gemeinsames Frühstück, eine kleine Stadtführung durch Mainz und Umgebung, zusammen kochen und bei einem Glas Wein über Reisen und Kultur austauschen. Obwohl Gisela viel verreist, hat sie selbst noch nie auf einer fremden Couch übernachtet. Das soll sich in Zukunft aber ändern. Während ihres Sabbatjahrs möchte sie auf jeden Fall couchsurfen: „Ich finde es toll, dass so die Welt ein Stück zusammenrückt.“

Die Studentencouch

Schallplatten, leere Club-Mate-Flaschen und Comics an den Wänden: Typisch studentisch Couchsurfen können Reisende in der WG von Fabian in Weisenau. Seit zwei Jahren ist der 21-Jährige Mitglied bei Couchsurfing. Bisher hatte er acht Surfer zu Besuch. Sein Highlight war die Begegnung mit einem Kanadier. Der 25-Jährige war während der ersten Uni-Woche bei ihm. Dementsprechend viel wurde gemeinsam gefeiert. Fabian ist es wichtig, auch das alltägliche Leben mit seinem Besuch zu teilen. Der kulturelle Austausch ist das, was er beim Couchsurfen besonders schätzt. Für ihn blicken Couchsurfer optimistischer in die Welt: „Der Kontakt mit Fremdem hilft, das eigene Weltbild zu relativieren.“ Dafür stellt er den Gästen gern sein eigenes Zimmer zur Verfügung und zieht zu seinem Mitbewohner auf die Couch.

Mit Couchsurfing um die Welt

Auch in Florians Familie schlägt das Couchsurfing-Blut. Schon sein Bruder hatte aus der ganzen Welt Besuch. Nach seiner Schreiner-Ausbildung schloss sich der 22-Jährige Mainzer dann selbst der Community an und übernachtete während seiner  Weltreise auf über zwanzig fremden Sofas. Dabei sei es ihm um mehr als nur um einen kostenlosen Schlafplatz gegangen. Aus vielen seiner Begegnungen wurden Freundschaften, der Kontakt hält bis heute.

In seiner Studentenbude hat der zukünftige Innenarchitektur-Student bisher erst zwei Gäste empfangen, darunter einen Matrosen aus Dänemark.  „Couchsurfer haben alle einen kleinen Schuss“, sagt Florian. Denn wer freiwillig auf der Couch eines Fremden übernachte, suche eindeutig Abenteuer. Für Unentschlossene empfiehlt er die Hangout-Funktion. Darüber kann man sich unverbindlich mit anderen Couchsurfern auf ein gemeinsames Bierchen treffen. Außerdem gebe es in vielen Städten ein Meeting für Einsteiger. „Das ist super für einen ersten Eindruck und um sich mit anderen Couchsurfern auszutauschen.“

von Lisa Winter

 

 

 

 

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