
Anfang November 2025: Draußen wird es gerade dunkel. Das „Schick“ hat noch geschlossen. Dann kommt Gerrit Schick und schließt mir auf. Ich habe ein Déjà-vu: Mitte März 2002 stand ich um Punkt 21 Uhr allein vor den Pforten eines neuen Mainzer Clubs, „Schick & Schön – Kulturlounge im Südbahnhof Mainz“ – eine alte Bahnhofshalle mit einer Bar, zwei Räumen mit DJ-Pulten und Bühne, eingerichtet mit Vintagemöbeln und Retrolampen. Gerrit öffnete mir auch damals.
„Oh, eine ist schon da.“
„Ja, ich bin deine erste Stammgästin.“
Und daran hat sich bis heute, 23 Jahre später, nichts geändert.
„Was ist deine Lieblingserinnerung aus den alten ‚Südbahnhof‘-Zeiten?“, frage ich Gerrit, nachdem wir uns gesetzt haben.
Gerrit lacht.
„Meine Erinnerungen an diese Zeit sind etwas verschwommen.“

Das geht mir ähnlich. Ich war nicht nur Stammgästin der ersten Stunde, ich veranstaltete im „Südbahnhof“ auch eine Lesung aus meinem allerersten Buch und eine Technoparty, feierte Absinth- Stammtische, Geburtstage, Weihnachten und Silvester. Es gab den Jazzmontag und am Wochenende Hip-Hop, Techno, Elektro und Rock. Ich arbeitete 2002 auch schon in der Gastro, bei „Bodega“ und „Andau“ und war meistens nach der Arbeit bei Gerrit, der damals noch selbst hinter dem Tresen stand. Über der Bar hingen kleine Fernseher, über die das Programm und diverse Filme flackerten, ein paar alte Softpornos waren auch dabei, wenn ein gewisser Psycho-Jones auflegte. Und nicht zu vergessen, der Imbisswagen vor der Tür mit der lebensrettenden Bratwurst. Es waren wilde Zeiten damals, legendäre nämlich. „Ich erinnere mich noch gut an die ersten Wochen, da war gar nichts los. Warum auch immer. Das hat sich nach sechs oder sieben Wochen gedreht, wahrscheinlich über Mundpropaganda. Am Anfang stand ich allein hinter der Theke, ich hatte gar kein Personal, außer zwei, drei Dudes, die mal geholfen haben. Es war neu, exciting.“
Ein, zwei Monate nach Eröffnung herrschte Hochbetrieb im Südbahnhof, er wurde zu dem Mainzer Inn-Laden. Ich lernte Gerrits Geschäftspartner Nobse (Norbert Schön) kennen – für den ich später im „Kulturclub schon schön“ als Barkeeperin, Barchefin sowie Veranstalterin von Lesungen und einer Literaturshow arbeiten sollte – und Psycho-Jones. Hier entstanden unvergessliche Erinnerungen und Freundschaften, die bis heute halten.
„Ich erinnere mich am liebsten an die große Abwechslung, es war immer was los, man hat viele, verschiedene Leute kennengelernt, Künstler, Bands, jeder Monat war anders. Das war super. Auch die Masse an Menschen, die man in der Kürze der Zeit kennenlernte. Nicht nur Partygäste, sondern auch die, die das Ganze mit einem zusammen gestemmt haben, Techniker und Barleute. Aber natürlich auch Gäste. Zu den Konzerten kamen Menschen von überallher, das Einzugsgebiet war groß. Es war schön, dass das Konzept in Mainz Erfolg hatte.“
So war das damals: Man ging in den Südbahnhof, und jeder war da. Die Konzerte, Lesungen und Partys waren fester Bestandteil unseres Lebens. Als der Südbahnhof 2006 seine Pforten schloss, blutete vielen Mainzerinnen und Mainzern das Herz. Eine Epoche ging zu Ende.
„Die Kündigung der Wohnbau kam. Wir hatten gesagt, wir machen die Show solange es geht, und dann war es eben vorbei.“
Vladimir Kaminer („Russendisco“, Goldmann Verlag 2000) formulierte das in der Dokumentation von David de Larrea, einem angehenden Filmproduzenten und Barkeeper im Südbahnhof, „Schick & Schön – Baubeginn in wenigen Wochen“, so: „Man braucht genau so ein schwarzes Loch, wie dieses ‚Schick&Schön‘ es war.“ Und ein uns damals allen bekannter Partygast aus der Südbahnhof-Clique ergänzte: „Jeden Tag, den wir hier gelebt haben, kann uns keiner mehr nehmen.“

Für Gerrit war die Zeit danach nicht leicht. „Ich war arbeitslos, das war nicht schön. Südbahnhof war ´ne geile Zeit, das war echt Rock’n’Roll. Es war ein Break im Leben. Doch ich hatte sofort wieder Bock, was Neues aufzuziehen. Die Idee war gut und es hatte funktioniert, warum nicht wieder was anfangen?“
So fanden die ehemaligen Stammgäste des Südbahnhofs 2007 ein neues zweites Wohnzimmer bei Gerrit und Nobse im ehemaligen „Coupé 70“, von da an als „Schick&Schön“ bekannt. „Wir haben uns damals alles Mögliche angeschaut und das ,Coupé‘ war der letzte Anker. Die Leute fragten: ‚Wo ist der Dancefloor, wo ist die Konzertbühne?‘ Aber wir hatten nichts anderes gefunden. Und es ist eine gute Lage.“ Erstmal gab es nur wochenends Barbetrieb und DJs, Psycho-Jones legte wieder auf, und man traf seine alten Kumpels aus Südbahnhof-Zeiten. Langsam füllte sich der neue Laden mit Veranstaltungen und Leben. Als die Herren Schick und Schön im Jahr 2010 geschäftlich getrennte Wege gingen, wurde aus dem „Schick&Schön“ das „Schick“.
„Nobse war nicht mehr da, dementsprechend gab es nur noch einen Chef und so ist alles, was danach entstand, auf meinem Mist gewachsen. Es gab Renovierungen, und Booking und Live- Musik kamen dazu. Das hat sich über längere Zeit entwickelt.“
Von 2011 bis 2015 führte Gerrit außerdem noch das „Oma Else“ im ehemaligen „Octan“ in der Altstadt. Hier gab es leckeres Essen nebst Getränken und Cocktails in Wohlfühlatmosphäre. „Es war ´ne Umstellung vom Zeitmanagement her, vom Handling gar nicht so. Ich bin mit Gastro groß geworden und hatte schon immer Lust, ein Café zu machen. Es war eine neue Herausforderung. Das Octan stand vor dem Aus. Da dachte ich: Jetzt mach ich das einfach.“
Gerrits Mutter hatte ein Restaurant-Café, in dem auch schon der Sohn mithalf. „Schon im Alter zwischen 12 und 16 Jahren hab ich im Laden meiner Mutter mitgearbeitet. Da wurde oben geklingelt und dann musste die Kinderbande runter, um zu helfen. Das waren mein Bruder, meine Cousine und ich. Ich hab immer irgendwas mit Gastro gemacht. Mir macht es einfach grundsätzlich Spaß, Leute zu bewirten und ihnen Freude zu schenken, egal ob Getränke oder Essen. Und die Gastro ist der Weg, den ich dazu beruflich eingeschlagen habe.“
Genau diese Leidenschaft Gerrits für seinen Beruf kann man im Schick spüren: Es gibt gemütliche Kneipenabende, DJs, die Techno, House, Drum and Bass, Swing, Italo-Disco und Indie spielen, es gibt Swing-Tanzkurse und „GEILOBINGO!“ mit Psycho-Jones. Und seit 2017 finden die Montagskonzerte von der Mainzer Konzertagentur „Musikmaschine“ statt, die heute noch das Booking für die Konzertreihe „Klein Aber Schick“ macht. Es ist für jeden was dabei. Im Sommer kommt noch der Außenbereich mit kleiner Bar sowie Tischen und Bänken dazu.
„Das Geile am Schick ist“, sagte eine Freundin kürzlich hier an Halloween zu mir, „dass man immer herkommen kann und es alles gibt, was man braucht, ob Kneipenabend oder Party.“ Doch nicht nur im Schick ist Gerrit darauf bedacht, seinen Gästen Neues zu bieten: Im September eröffnete er in den Räumlichkeiten des ehemaligen „Alexander the Great“ einen zweiten Laden, das „beben“. „Das mit dem ‚beben‘ war die Gelegenheit der Gelegenheiten der Gelegenheiten! Und ich hätte mir das nie verziehen, wenn irgendein anderer das gemacht hätte. Da hätte ich mir so in den Arsch gebissen.“ Wenn es um Locations und gastronomische sowie musikalische Konzepte geht, leuchten Gerrits Augen. „Es war meine Vision und ich dachte mir: Das wird geil. Endlich kann ich Rockkonzerte machen, wie ich will. Im ‚Schick‘ hören wir um zehn auf, damit sich keiner beschwert und können nicht wirklich laut sein. Das ‚beben‘ ist die nächste Stufe.“
Wenn Gerrit einen neuen Club aufmacht, darf ich natürlich nicht fehlen und war gleich bei beiden Softopenings, den sogenannten „Testflügen“. Die kleine, aber feine Location des ehemaligen „ATG“ erstrahlt renoviert in neuem Glanz, im oberen Bereich finden sich gemütliche Sofas und unten eine vergrößerte Bar, ein ebenerdiges DJ-Pult im sogenannten „Heizraum“ und der kleine Raucherraum mit dem Kicker. Die alten Sitzarrangements wichen dem vergrößerten Dancefloor. Der Laden ist dazu gemacht, ausgiebig zu tanzen und es krachen zu lassen. Das „Take off“, die offizielle Eröffnung, fand am 5. September statt.
„Bei der Eröffnung war ich sehr aufgeregt. Im Lauf des Abends wurde es aber besser. Alle hatten ihren Fun und waren happy. Also hat es mir dann natürlich auch gefallen. Es hat alles wunderbar funktioniert, dank der ‚Testflüge‘ – die Abläufe an der Theke, die Logistik hintendran, die der Gast nicht sieht, Booking, Sound, die Tür. Wir passen das noch von Wochenende zu Wochenende an. Wir sind ja auch in einer ganz neuen Hood. Anderes Viertel, andere Leute und Gegebenheiten, positive wie negative.“
Falls man im beben doch mal zum Chillen kommt, kann man dies stilgerecht auf Kinosesseln aus dem Palatin tun, das bereits 2022 leider schließen musste. Erst hieß es, das Haus werde bald abgerissen. Doch 2024 beschlossen die derzeitigen Besitzer „fischer+co“ das Gebäude aufgrund der aktuellen Baupreise weiter zu nutzen (wir berichteten im Dezember 2024). Wie wir es schon vom Südbahnhof kennen, gilt es, die kommende Zeit im beben zu genießen. „Es geht, solange wie es geht“, sind Gerrits Worte dazu.
Auch im beben bietet der erfahrene Gastronom seinem Publikum musikalisch ein breites Spekt- rum: Von Indierock über Metalcore und Hardcore, von Drum and Bass über Techhouse und House, von Melodic Techno bis Hard Techno. „Einklang“ veranstaltet „Open Sessions“ mit Newcomer-DJs, und regionale sowie überregionale Bands erhalten hier eine Bühne – wie zum Beispiel am 27. August beim „Neue Portland- Festival“, das dieses Jahr als Clubnacht parallel im Schick und im beben stattfand, oder am 4. Dezember, wenn die Mainzer Hip-Hop-Band „Grundfunk“ auftritt. Das beben ist, wie schon das Schick, eine Spielwiese der Kunst und Kultur – gerade der bunte Mix garantiert Attraktivität für ein breites Publikum und ist eine wunderbare Bereicherung für die Mainzer Party- und Musikszene. „Das ist genau das Ziel, was ich damit angestrebt habe. Mein Booking machen ‚Musikmaschine‘ und Dominik Heller alias Dom Waits, der sich auch um unser Social Media kümmert. Die machen das alles mit einer unglaublichen Professionalität und Gelassenheit. Das bewundere ich.“
Auch praktisch ist, dass man jetzt – und das nicht nur wochenends – vom Schick ins beben weiterziehen kann – unsere eigene Partymeile am Rand der Mainzer Altstadt, Richtung Neustadt. Ich persönlich bevorzuge Vorglühen im Schick, Feiern im beben und danach nochmal Chillen im Schick, bevor es nach Hause geht. „Ich hoffe, dass das ‚beben‘ auch sein eigenes Publikum findet, vielleicht nicht nur aus der unmittelbaren Umgebung.“ Ich gehe davon aus, denn ich habe diese Entwicklung schon zweimal miterlebt, im Südbahnhof und im Schick.

Inzwischen ist es dunkel geworden, und der Soundcheck im Schick hat begonnen. Gerrit und ich sitzen gemütlich in einer Sofaecke und lauschen der wundervollen Stimme von Ava Adonia, die heute Abend bei „Klein Aber Schick“ auftritt. „Das ist das Schöne hieran. Solche Momente. Man lernt nicht nur tolle Talente kennen, man erlebt auch mit, wie sich der Abend entwickelt. Mir macht dieses Business sauviel Spaß.“ Und das spürt man, wenn man in Gerrits Läden zu Gast ist – ob damals oder heute. Und man ist gespannt, was er als nächstes plant. „Man spinnt ja die ganze Zeit weiter, man hört nicht auf zu überlegen, was möglich sein könnte. Aber man muss realistisch bleiben. In der Gastro braucht man erstmal `ne Location, bevor man anfangen kann zu träumen. ‚Ich mach ´ne coole Bar auf‘ ist ja schön und gut, aber wo machst du die dann? Die Gastro muss grad ganz schön knapsen, viele gehen hops. Die Menschen geben derzeit ihr Geld lieber für andere Sachen aus, viele Dinge sind jetzt teurer, und das bleibt an uns hängen, wenn wir das nicht eins zu eins an den Kunden weitergeben wollen. Auch Steuern und dergleichen, nichts davon wird günstiger.“
Bundesweit bedroht das Clubsterben viele Läden, wir in Mainz haben Glück mit unseren vielen Discos und Kneipen. Drum lasst uns dafür dankbar sein und uns an unserer Ausgehkultur erfreuen. „Jetzt hab ich aber ja erstmal das ‚beben‘“, sagt Gerrit, als ob er meine Gedanken lesen könnte. Wir verabschieden uns, wie schon seit dreiundzwanzig Jahren mit den Worten: „Bis die Tage!“ Trotz allem, was uns in diesen schwierigen Zeiten bewegt und wovon wir für ein paar schöne Stunden in Gerrits Läden eine Auszeit nehmen, dürfen wir unsere positiven Wünsche in die Zukunft richten. Als ich Gerrit am ersten „Testflug“ im beben gratulierte, wie ich es auf jeder seiner vier Neueröffnungen getan habe, antwortete er: „Ich hoffe, es kommen noch mehr!“ Und das hoffe ich auch.
Text: Henriette Clara Herborn