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„9 Euro-Ticket nicht ganz wie erhofft“: Berit Schmitz, Geschäftsführerin Mainzer Verkehrsgesellschaft

Wo steht die Mainzer Mobilität aktuell?
Mit Blick auf den Klimawandel stellen wir uns auf Wachstum ein. Ohne eine Verkehrswende werden wir die Klimawende nicht schaffen. Dazu werden wir immer mehr Bürger überzeugen müssen, vom Individualverkehr auf den ÖPNV umzusteigen. Wir brauchen mehr Busse und Straßenbahnen, auch längere Straßenbahnen, die mehr Fahrgäste als heute aufnehmen können. Eine größere Straßenbahn testen wir aktuell mit der Partnerstadtbahn aus Erfurt. Hinzu kommt auch der Ausbau unseres Straßenbahnnetzes. Wir wollen eine Alternative darstellen zum motorisierten Individualverkehr und die Fahrgäste von unserem Angebot begeistern.

Zuletzt gab es eher Probleme: Corona, Hacker-Angriff, Ausbau von E-Autos, Personalmangel, steigende Preise. Wie soll der Kunde sich dafür begeistern?

Wir wissen, dass wir Probleme hatten und haben. Wir haben aber vielfältige Maßnahmen ergriffen, um besser zu werden. Wir wollen vor allem auch ein attraktiver Arbeitgeber bleiben mit einer überzeugenden Unternehmenskultur, so dass unsere Mitarbeiter gerne bei uns arbeiten und auch bleiben.

Wie sieht es mit dem Ausbau der Straßenbahn aus?
Wir planen derzeit drei neue Trassen: die Verbindungsspange Alicenplatz bis Münsterplatz über die Binger Straße. Das zweite Projekt ist der Ausbau eines Innenstadtrings über die Haltestelle Höfchen in die Neustadt. Hier haben wir drei Variantenideen. Aktuell hört man eine Präferenz für die Rheinallee heraus. Mitte September finden wieder Themenwerkstätten statt. Beginn des Planfeststellungsverfahrens ist für 2025 geplant, der Ausbau könnte bis 2030 erfolgen. Die dritte Trasse soll das Heiligkreuz-Viertel sowie Teile der Oberstadt und Weisenau erschließen.

Das 9 Euro-Ticket ist nun vorbei. Das 365 Euro-Ticket für Schüler und Azubis startet in Mainz. Wie ist Ihre Einschätzung dazu?
Wir hatten eine hohe Nachfrage nach dem 9 Euro-Ticket und haben auch eine intensivere Nutzung gespürt, aber nicht in dem Umfang wie z.B. die Regionalzüge. Deutschlandweit hat man festgestellt, dass das Ticket intensiv genutzt wurde, aber nicht so viele Fahrgäste vom Auto auf den ÖPNV umgestiegen sind wie erhofft.
Das 365 Euro-Ticket für den Schul- und Ausbildungsverkehr gibt es ab jetzt. Der Verkauf läuft sehr gut an und gegenüber dem alten Preis von 588,60 Euro gibt es eine Ersparnis von immerhin über 200 Euro.

Und wie geht es mit den Mieträdern weiter?
Wir haben unser Hintergrundsystem umgestellt. Dadurch können wir zum Beispiel wieder die Mehrfachausleihe anbieten. Bis Ende 2022 werden wir bis zu 25 E-Lastenräder an bestehenden Stationsstandorten anbieten – eins gibt es schon am Stadtwerke-Hochhaus. Bis zum Ende des ersten Quartals 2023 werden die „blauen“ Andockstationen durch die „grünen“ Stationen ersetzt, bei denen die Räder durch Schließen des Hinterradschlosses via App zurückgegeben werden. Die Radschlösser werden wir ebenfalls im Jahr 2023 umrüsten. Und wir erwarten bald 200 neue Räder.

MENSCH

Sie kommen vom Flughafen Hannover zur Verkehrsgesellschaft nach Mainz. Was sind die Unterschiede und was die Gemeinsamkeiten?
Die Gemeinsamkeiten sind größer, als man denkt: Beide Branchen ermöglichen den Transport von A nach B. Beide sind personalintensiv und haben eine große Infrastruktur. Das Verkehrsmittel ist zwar unterschiedlich, und im Gegensatz zur Luftfahrt verantworte ich in Mainz nun Infrastruktur und Transportmittel, also quasi Flughafen und Airline. Im ÖPNV ist es damit etwas umfassender und dynamischer und ich kann die Klimawende mit vorantreiben.

Und warum Mainz?
Ich bin mit vollem Herzen Rheinländerin – in Aachen geboren und in Düsseldorf aufgewachsen. Daher habe ich mich sehr gefreut, wieder an eine Stadt am Rhein ziehen zu können. Mainz hat die Fastnacht, sagt auch „Helau“ und hat einen erstklassigen Bundesligaverein. In Düsseldorf habe ich übrigens auch mein Abitur und meine Bankausbildung gemacht, später in Ingolstadt BWL studiert und währenddessen ein Jahr in England studiert. Dann war ich noch mal 15 Monate in Mailand, um meinen MBA zu machen, eine sehr schöne Zeit!

Reisen Sie denn noch viel?
Wir treffen uns noch ab und an in Mailand von der Uni oder mit Freunden. In Großbritannien bin ich auch noch gern, meistens in London. Das ist eine tolle Metropole. Ich würde da zwar nicht leben wollen, aber ab und an dort zu sein, auch mit meiner Familie zusammen, das genieße ich. Und an der Nordsee bin ich gerne, am liebsten auf Sylt, eine wunderschöne Insel. Generell bin ich früher mehr gereist als heute. Aber ich möchte unbedingt nochmal die Polarlichter sehen.

Was machen Sie sonst noch in Ihrer Freizeit?
Ich bin viel unterwegs und gehe gerne schwimmen. Ich treffe Freunde und Familie, das gibt mir viel Energie. Ich bin ja noch nicht so lange in Mainz – seit letztem Oktober – und wohne in Weisenau. Die Pandemie hat das Kennenlernen der Stadt noch erschwert, aber ich war schon im Staatstheater und bei Heimspielen von Mainz 05. Kürzlich hatte ich Besuch von Freundinnen: Wir waren essen im Gasthaus Willems in der Altstadt, haben uns die Sehenswürdigkeiten angeschaut und die Altstadt erkundet und waren noch im Biergarten im Zollhafen. Alle waren sehr angetan von der Stadt!

Wie erleben Sie ansonsten diese aufreibende Zeit der Verkettung von Krisen?
Das ist schon viel: Corona, Krieg, Cyber-Angriffe … Es darf gerne mal etwas normaler laufen wieder von mir aus. Die Frage ist nur: Gibt es noch „normal“ oder ist jetzt immer irgendetwas? Da muss man sich drauf einstellen. Wir müssen mit den Gegebenheiten leben und schauen, dass man das Beste daraus macht.

Interview David Gutsche Foto Jana Kay

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