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Wisst ihr, wo eure Jungs sind?

Beitragsbild Incels

Zwischen TikTok, Wut und Orientierungslosigkeit: Warum junge Männer nicht nur Medienkompetenz brauchen, sondern Erwachsene, die ihnen helfen, ihre Gefühle zu verstehen.

Habt ihr schon mal den Begriff Incel gehört? Dabei handelt es sich um ein Kofferwort aus den englischen Wörtern „involuntary“ (unfreiwillig) und „celibate“ (zölibatär). So nennt sich eine Strömung junger Männer, die beklagen, keine romantischen oder sexuellen Beziehungen zu haben, und diesen Frust durch einen tiefen Frauenhass äußern. Was für euch zunächst wie ein unbedeutendes Internetphänomen erscheint, hat, besonders in den letzten Jahren, Ausmaße angenommen, die durchaus eine Auseinandersetzung mit der Thematik erfordern. Ein Jugendlicher fühlt sich unsicher oder einsam. Sein emotionales Support-System: Eine Freundin, die ihm erlaubt, verletzlich zu sein. Ein Umstand, der ihm scheinbar mit männlichen Freunden nicht möglich ist, weil „Jungs über solche Dinge nicht miteinander reden“. Da sie zu seiner alleinigen Quelle emotionaler Intimität avanciert, rutscht er in eine Abhängigkeit. Fest im Glauben, er habe sich verliebt, nimmt er seinen Mut zusammen und stellt die entscheidende Frage. Doch es kommt anders als erhofft. Sie erwidert seine Gefühle nicht. Zurückweisung. Herzschmerz. Aufgrund des fehlenden gesunden Support-Systems kann ihm keiner dabei helfen, dieses Gefühl einzuordnen. Er versucht, sich zu erklären, woran es lag. „War es mein Aussehen?“, „Biete ich zu wenig?“ „Was stimmt nicht mit mir?“

Schnell ist der Weg zur Schuldzuweisung

Eine gefährliche Frage, auf die das Internet entsprechend schnelle Antworten parat hat. Er sucht nach Muskelaufbau, Fitness oder Ernährung. Zunächst einmal eher harmlose Begriffe. Doch der Algorithmus arbeitet weiter. Plötzlich landen Videos im Feed, in denen es um Jawlines (deutsch: Kieferpartien), Härte, Status, Dominanz, sogenanntes „Looksmaxing“ oder angebliche natürliche Regeln zwischen Männern und Frauen geht. Selbstoptimierung und Selbstabwertung gehen so ganz schnell Hand in Hand. Und noch schneller ist der Weg zur Schuldzuweisung. Dann trifft er im Netz auf Gruppen oder Influencer, die ihm sagen: „Du bist nicht verletzt, du wurdest betrogen. Du bist in der ‚Friend-Zone‘ gelandet. Du bist nicht unsicher, nicht einsam, sondern überlegen. Du wurdest nicht zurückgewiesen, sondern bist Opfer einer Welt, in der ‚das System‘ gegen dichSongül Acar arbeitet.“ Nicht, dass er mehr als einen Menschen braucht, der seine ganze emotionale Last trägt, nein. Sondern: „Du hast dich zu sehr geöffnet. Du warst weich. Das macht dich unattraktiv. Du darfst keine Schwäche zeigen. Du bist nicht allein. Du gehörst zu uns. Schuld sind die anderen. Schuld sind die Frauen. Diese sind lediglich Objekte zu deiner Belustigung und liegen dir zu Füßen, wenn du bestimmten Erwartungen entsprichst. Sei ein ‚Alpha-Male‘, nimm die ‚Red-Pill‘ und wach aus der ,Matrix‘ auf!“ Der Junge wird zunehmend einem frauenfeindlichen Weltbild ausgesetzt, nimmt es an, fühlt sich darin wohl und gesehen, radikalisiert sich. Nebenbei konsumiert er hypersexualisierte und pornografische Inhalte, die ihn zunehmend abstumpfen und Frauen mit Objekten gleichsetzen. Im schlimmsten Fall verliert er sich in rechten Ideologien, da sich die Akteure dieser Bewegung und die der rechten Szene nicht selten überschneiden. Songül Acar (48) ist Kinder- und Jugendcoach, Entspannungspädagogin und Leiterin der „Calm Kids Academy“. Seit sechs Jahren arbeitet sie mit Kindern, Jugendlichen, Eltern und Schulen. In ihren Kursen geht es um Stressregulation und emotionale Kompetenz. Doch was heißt das konkret? Bei Jungen konzentriert sie sich auf das Erkennen und Benennen von Gefühlen und den Umgang mit Konflikten. Bei Mädchen stehen oft Selbstbewusstsein, das Setzen von Grenzen und „Nein“ sagen im Vordergrund. Manche Jungs seien doch arg überrascht, wenn sie mit ihnen über Wut spricht. Überrascht, dass sie überhaupt wütend sein dürfen. Die Rede ist nicht vom Schlagen, nicht vom Beleidigen, nicht von Ausrastern. Aber wütend sein? Klar dürfen sie das. „Jungs haben ganz oft zwei Gefühle“, sagt sie. „Wut und Stolz.“ Zwischen diesen beiden Polen bewegten sich viele. Wenn aber nicht gelernt werde, was unter der Wut liegt, entstehe irgendwann eben die Frage: „Was stimmt nicht mit mir?“ Acar erzählt von Jugendlichen, die im Coaching Sätze sagen wie, dass man eigentlich gar nicht unattraktiv sei, sondern Frauen schlichtweg zu hohe Ansprüche hätten. Für sie ist das kein isolierter Gedanke, sondern Teil eines größeren Musters. Das Bedürfnis, das dahinter bedient wird, ist nicht immer Hass. Oft ist es Zugehörigkeit und Akzeptanz. An dieser Stelle ist es auch wichtig, nicht zu pauschalisieren. Nicht jeder unsichere Jugendliche landet automatisch in frauenfeindlichen Foren. Nicht jeder Fitness-Content führt zu „Red-Pill“-Ideologie. Nicht jede Wut ist gefährlich. Aber emotionale Sprachlosigkeit macht anfälliger. Wer nicht weiß, was in ihm passiert, greift eher nach der Erklärung, die am leichtesten zu verdauen ist.

Zunahme toxischer Maskulinität

Auch Mehmet Kazar (54) beobachtet diese Entwicklung. Er ist Lehrer an einer Gesamtschule und erlebt Jugendliche täglich in einem Raum, in dem gesellschaftliche Konflikte unmittelbar sichtbar werden. Gerade bei jungen Männern sieht Kazar eine Zunahme von toxischer Maskulinität. Dabei sei wichtig, dass dies nicht an Herkunft oder Konfession gebunden ist. Er beobachtet es weltweit, in verschiedenen Milieus und Kulturkreisen. Natürlich spiele Prägung eine Rolle, jedoch nur als Aspekt, als Teil einer Mischung aus Familie, sozialer Lage, Online-Konsum, Schule und einer allgemeinen gesellschaftlichen Verunsicherung. Im Klassenzimmer muss das nicht zwangsläufig ideologisch sein. Manchmal zeigt es sich als Dominanzverhalten gegenüber Mädchen. Als abwertender Kommentar. Als toxisches Gespräch. Als Unfähigkeit, eine andere Perspektive einzunehmen. Veronica (Name vom Autor geändert, 24) erlebt diesen Alltag aus einer anderen Position. Sie studiert Lehramt für Gymnasien, arbeitet an einer Gesamtschule als Vertretungskraft und im Ganztagsbereich. Sie ist nah genug an der Jugend dran, um Trends mitzubekommen, aber alt genug, um den Unterschied zur eigenen Schulzeit zu spüren. Sie beschreibt Schüler, die an ihren Handys kleben, und Jungs, die misogyne Inhalte konsumieren. Auch nehme sie wahr, dass sie aggressiver reagieren, wenn das Handy weggelegt werden soll. Manche hätten weniger Hemmung, offen zu sagen, dass sie keinen Bock auf Unterricht haben. Gleichzeitig warnt auch sie davor, alles auf die Kinder selbst zu schieben. Wenn ein Kind stört, ist das nicht automatisch nur Respektlosigkeit. Manchmal ist es ein Signal. Acar arbeitet in ihren Kursen mit Bildern, die Kinder verstehen. Ein Vulkan zum Beispiel. Was bringt ihn zum Ausbrechen? Wenn jemand nervt, lügt, ausschließt, schlägt, angibt, ungerecht ist. Dann fragt sie weiter: Was liegt darunter? Status? Scham? Das Gefühl, dass jemand über einem stehen will? Der Wunsch, sich selbst zu schützen? In einer Jungengruppe hat sie drei Rollen erarbeitet: Den Clown, den Kämpfer und den Abwesenden. Der Clown will andere zum Lachen bringen. Er sucht Aufmerksamkeit, will dazugehören. Der Kämpfer fühlt sich unfair behandelt, will Stärke zeigen. Der Abwesende wirkt gelangweilt oder müde, will eigentlich Action. Acar will damit den Kindern helfen, zu verstehen: „Mein Verhalten hat eine Funktion. Hinter dem Stören, Kämpfen oder Wegdriften steht oft ein Bedürfnis.“ Erwachsene sehen oftmals das Verhalten, aber nicht das Bedürfnis. Sie sehen den lauten Jungen, den provozierenden Jungen, den abwesenden Jungen, den aggressiven Jungen. Aber zu selten werde gefragt: Was versucht dieser Junge gerade zu lösen?

Soziale Medien sind nicht neutral

Mehmet Kazar betont, dass soziale Medien durchaus ihre Vorteile haben. Sie vernetzen, informieren und öffnen Räume. Sie können Jugendlichen Zugang zu Themen geben, die sie sonst nie erreichen würden. Sie können Identifikation schaffen. Aber sie sind nicht neutral. Sie sind monetarisiert. Sie arbeiten mit Aufmerksamkeit, Erregung, Vergleich, Angst und Begehren. Unsicherheit ist ein Geschäftsmodell. Kazar ist jedoch auch der Auffassung, „Früher war alles besser“ wäre zu einfach gedacht. Im Gegenteil sogar: Jugendliche sind heute oft informierter als früher. Aber nicht unbedingt in der Tiefe. Das Wissen komme schneller, fragmentierter, emotionaler. Instagram, TikTok, politische Konflikte, Kriege, Influencer, Gerüchte, Memes: Alles landet im Klassenraum. Die Atmosphäre sei stärker polarisiert. Bei komplexen Themen merke er immer wieder, dass Differenzierung schwerer werde. Wenn er differenziert antworte, heiße es manchmal: Das ist mir zu kompliziert. Für Kazar ist dies das zentrale Problem. Viele Themen bräuchten Zeit. Perspektivwechsel brauche Zeit. Nachdenken brauche Zeit. Doch soziale Medien belohnen oft das Gegenteil: Kurze Urteile, schnelle Affekte und klare Feindbilder. Da stellt sich natürlich die Frage, ob und wie man diesen Konsum sanktioniert. Das sieht Kazar anders. Natürlich müsse Schule klare Grenzen setzen. Gewalt, Diskriminierung und Demütigung dürften nicht toleriert werden. Aber Strafe allein führe selten zu einem nachhaltigen Umdenken. Viel wichtiger seien Begegnung, Rollenwechsel, Darstellendes Spiel. Konfrontieren, statt nur abstrakt zu bleiben. Veronica meint, ein Handyverbot könne in der Schule helfen, aber nach Schulschluss warten das Smartphone, der PC, Instagram, Reddit und Co. Die Schule zeige mit dem Finger auf die Eltern, die Eltern auf die Schule. Am Ende entsteht ein Kreislauf, in dem sich alle zuständig fühlen müssten, aber niemand genug Ressourcen hat. Kazar sieht das ähnlich. Er hält Zugangsbeschränkungen für Kinder nicht grundsätzlich für falsch, glaubt aber nicht, dass sie in der Realität einfach durchsetzbar sind. Kinder würden Wege finden. Eltern würden aus Überforderung oder schlechtem Gewissen mithelfen, indem sie Geräte überlassen. Nicht aus bösem Willen, sondern weil sie arbeiten, Sorgen haben, erschöpft sind. Auch Acar sagt: „Wenn Erwachsene dauerhaft gestresst sind, fehlt ihnen oft der Puffer. Ein Kind kommt nach Hause, knallt die Tür zu, antwortet nicht.

Die Mutter oder der Vater ist selbst erschöpft, reißt die Tür auf, schreit. Schon eskaliert eine Situation, die vielleicht anders verlaufen wäre, wenn jemand emotional verfügbar gewesen wäre.“ „Kinder regulieren sich über Erwachsene. Wenn Erwachsene selbst nicht reguliert sind, lernen Kinder oft auch nicht, wie das geht“, sagt die Pädagogin. Das sei keine Anklage gegen Eltern. Es ist eine Zumutung, die ernst genommen werden muss. Viele Eltern arbeiten viel, sorgen sich um Geld, Wohnung, Zukunft. Lehrerinnen und Lehrer sind überlastet. Schulsozialarbeit ist knapp. Lehrkräfte sollen Bildung vermitteln, Konflikte lösen, Konflikte lösen, digitale Entwicklungen verstehen, politische Debatten auffangen, soziale Probleme abfedern und nebenbei den Lehrplan schaffen. Trotzdem führt kein Weg daran vorbei: Erwachsene müssen wieder näher an die Innenwelt der Jungen heran. Es geht nicht um Kontrolle oder Panik. Es geht um einfache Fragen: Was schaust du dir an? Was denkst du darüber? Was macht dich gerade wütend? Was hat dich verletzt? Was bedeutet für dich, ein Mann zu sein? Für Acar beginnt die Problematik nicht erst auf TikTok, nicht bei Influencern, nicht bei Begriffen wie „Red Pill“ oder toxischer Männlichkeit. Den perfekten Nährboden für Einflussnahme dieser Art sieht sie bei Kindern, die nicht gelernt haben, ein Gefühl auszuhalten: Jungen, denen Wut verboten wird, Traurigkeit, die mit Schwäche gleichgesetzt wird, und Scham, die praktisch nicht existieren darf. Jungen sind nicht verloren. Sie sind nicht automatisch auf dem Weg in Hass, Härte oder Rückzug. Viele suchen schlichtweg Orientierung. Viele können über Werte sprechen, wenn man sie fragt. Viele wissen sehr wohl, dass etwas mit der Welt, in der sie aufwachsen, nicht stimmt. Die Frage ist, wer ihnen hilft, daraus etwas anderes zu machen als Wut. Vielleicht beginnt Prävention genau dort: Nicht erst, wenn ein Junge frauenfeindliche Inhalte teilt. Nicht erst, wenn er Mädchen abwertet. Nicht erst, wenn er sich radikalisiert. Nicht erst, wenn wir in den Schlagzeilen von einem weiteren Femizid lesen. Sondern vorher. Bei dem Kind, das wütend ist und nicht weiß, warum. Bei dem Jungen, der ausgelacht wurde. Bei dem Schüler, der immer stört, weil er da zugehören will. Bei dem Stillen, der nach der Schule in seinem Zimmer verschwindet und erst zum Abendessen wieder auf taucht. Bei dem Freundeskreis, für den emotionale Intimität ein Fremdwort ist. Wenn in diesem Artikel die Frage gestellt wird: „Wisst ihr, wo eure Jungs sind?“, meine ich damit nicht nur, auf welcher App, in welchem Chat, bei welchem Influencer. Sondern auch, wo sie innerlich sind, was sie beschämt und wovor sie Angst haben. Wo sie dazugehören wollen und wo sie ihre Antworten herbekommen, wenn sie euch nicht fragen. Songül Acar schließt mit einem Satz ab, der den Kern vielleicht am besten trifft: „Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Aber sie brauchen Erwachsene, die emotional anwesend sind, zuhören, Grenzen setzen können, ohne zu verletzen, und ihnen das Gefühl geben: Du bist nicht allein mit dem, was du fühlst.“ Dies ist ihre Antwort auf eine Zeit, in der Jugendliche mehr wissen, mehr sehen und mehr konsumieren als je zuvor, aber nicht unbedingt besser verstehen, was mit ihnen geschieht. Nicht jeder Junge braucht eine Therapie. Nicht jeder braucht ein Verbot. Nicht jeder braucht eine Warnung. Aber jeder Junge braucht jemanden, der fragt. Fragen schadet nicht.

Text & Fotos: Aria Samad
Illustration: Songül Acar

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