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So wohnt Mainz: Das Studentenwohnheim der Leipziger Universitätssängerschaft zu St. Pauli in Gonsenheim

Neben dem Eingang des in einer ruhigen Straße gelegenen Neubaus prangt das blaue Emblem der Sängerschaft. Wer hier einziehen will, sollte bereit sein, einer Studentenverbindung beizutreten, und bestenfalls Talent für Musik mitbringen. Das Mitwirken im Chor und der Verbindung sind Voraussetzung, um in den Genuss der verhältnismäßig niedrigen Miete von 350 Euro warm für ein Zimmer und anderer Vorzüge zu kommen.

Gemeinschaftsklavier. Nadja aus der Ukraine beim Üben

Zweihundert Jahre Tradition
Die Wurzeln der in Leipzig gegründeten Verbindung reichen bis ins Jahr 1822 zurück – der Name der Pauliner, zurückgehend auf den Apostel Paulus, sogar noch mehrere Jahrhunderte weiter. Als eine der ältesten im Verband der deutschen Sängerschaften feierte man vor kurzem das 200-jährige Bestehen. Seit 1953 ist Mainz fester Sitz. Der Umzug aus Leipzig wurde nötig, da Studentenverbindungen nach dem Zweiten Weltkrieg in der damaligen DDR verboten waren. Auch heute noch haften ihnen Vorurteile an, bis hin zum Klischee eines „Vereins von rechten Suffköpfen“, so Bewohner und Pauliner Max Linn: „Das sind wir aber keineswegs. Wir sind eine akademische Verbindung, die unpolitisch und unkonventionell ist. Was uns verbindet, sind Musik und Geselligkeit.“ Schlagend ist die Verbindung auch nicht mehr. Wer möchte, kann sich dennoch im Fechten üben. Mit anderen Traditionen oder Abzeichen wie den bei Veranstaltungen quer über die Schulter getragenen blaufarbigen Bändern und grauen Kappen sollte man sich als Mitglied dennoch arrangieren können. Auch ist es nach wie vor nur Männern gestattet, der Sängerschaft beizutreten. Als Bewohnerinnen des Hauses und „Chordamen“ sind Frauen allerdings willkommen. Derzeit ist das Geschlechter-Verhältnis mit 9 zu 11 fast ausgeglichen.

 

Kleine Privatsphäre: Max Linn in seinem Zimmer

Moderner Neubau im Grünen
Studenten verschiedenster Fachbereiche bewohnen das dreistöckige, schlichte, aber dennoch modern und komfortabel gehaltene barrierefreie Gebäude. Außenbereiche gibt es zur Genüge: Eine größere Grünfläche schließt sich an den Veranstaltungsraum – genannt „Kneipsaal“ – im Erdgeschoss an. Ein Highlight ist die Dachterrasse im dritten Stock mit Grill, Sonnenmöbeln und Aussicht auf den Lennebergwald. Solaranlagen liefern einen Großteil der Energie – und das Naturschutzgebiet Großer Sand befindet sich gleich um die Ecke. Die auf die ersten beiden Stockwerke verteilten 20 Zimmer mit „Ensuite“-Bad sind mit 18 qm vergleichsweise klein gehalten. Die Standardausstattung mit Schreibtisch, Kleiderschrank und Bett lässt wenig Raum für die persönliche Note. Es gibt jedoch auch Zimmer, die individueller eingerichtet werden können. Seit dem Sommersemester haben auch Nadja und Anton – Musikstudenten aus der Ukraine – im Gästezimmer des Wohnheims Unterschlupf gefunden. Auf den Wohnetagen im 1. und 2. Stock befindet sich je ein Waschraum samt Maschine und Trockner sowie eine geräumige Wohnküche, die allen Bewohnern zur Verfügung steht und als Treffpunkt zum Kochen, Chillen und Austausch fungiert. „Da herrscht schon öfters mal Halli-Galli, wie in einer normalen Studenten-WG.“ Der auch privat nutzbare Große Saal mit Gästetoiletten und Gastronomieküche, ein Partyraum und ein schalldichter Proberaum im Keller runden das Raumangebot ab. Drei Klaviere und ein Harmonium im Haus können von allen genutzt werden.

Platz zum Chillen und Grillen: die Dachterrasse

Annehmlichkeiten versus „Pflichten“
Zu den „Ämtern“ für die Küche oder Dachterrasse gesellen sich verbindungsspezifische, wie etwa das Amt des „Bierwarts“, der sich um den „Getränkebestand“ kümmert, das des „Fuxmajors“ mit dem Auftrag zur Traditionspflege oder das Amt des Chorwarts. Der Chor steht auch Nichtbewohnern offen. Für „Interne“ ist die Teilnahme an den Chorproben während des Semesters Pflicht, aber auch ein Element, das zusammenschweißt. Geprobt wird in der Regel für die jährlichen Hauskonzerte. Künftige Mitglieder sind angehalten, bei der „Fuxenstunde“ mitzumachen. Hier werden die Neulinge (sogenannte Füxe) mit den Traditionen der Pauliner vertraut gemacht. Ihnen wird ein Semester Zeit zum Schnuppern gewährt. Danach müssen sie entscheiden, ob sie bleiben oder wieder gehen möchten. Die Finanzierung des Wohnheims und

Tradition und Geselligkeit: im Partykeller des Paulinerheims

der Verbindung beruht auf dem Prinzip des Generationenvertrages. Sie wird wesentlich von den Mitgliedsbeiträgen der Aktiven und „Altherren“ (Ehemaligen) getragen. Mit dem Beitritt als Student ist somit in der Regel eine lebenslange Bindung verknüpft, einschließlich geselligem Austausch von „Jung“ und „Alt“ bei den Veranstaltungen. Interessierte können montags bei der Chorprobe vorbeischauen. Zum kommenden Semester werden wieder fünf Zimmer frei. www.paulus-mainz.de

Text Tina Jackmuth Fotos Jonas Otte

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