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September-Kolumne: Dr. Treznok über das besetzte Haus


Das besetzte Haus in der Oberen Austraße ist vielleicht längst Geschichte, wenn der neue sensor erscheint. Aber auch wenn das Grundstück bald geräumt sein sollte, wurde eine Diskussion über nichtkommerzielle Treffpunkte in Gang gesetzt. Das ist und bleibt – speziell in Mainz – hochaktuell.
Als Folge von sozialem Kahlschlag, irrwitzigen Mieterhöhungen oder Privatisierung wird seit Jahren die Arbeit vieler kultureller oder sozialer Initiativen erschwert. Das Literaturbüro Mainz musste den Dalberger Hof verlassen und dümpelt nun im obersten Stock in der Zitadelle vor sich hin, abgeschnitten von jeglichem Publikumsverkehr. Die nichtkommerzielle alkoholfreie Gaststätte Senfkorn musste vor einigen Jahren schließen. Und vagabundierende Kunstvereine haben in Mainz fast schon Tradition.
Die Liste der aktuell bedrohten Räume und Projekte ist lang. Die Zukunft von Mainusch, Atelier Zukunft oder Buchkinderwerkstatt ist ungewiss, während gleichzeitig moderne und geeignete Räume leer stehen. Zusammengenommen steht vermutlich einer der beiden Türme am Hauptbahnhof leer, und im Fort Malakoff richtet man lieber Pseudo-Läden ein, damit es für die Touristen nicht so blöd aussieht, anstatt kulturelle oder soziale Projekte zu integrieren. Das Fort Malakoff hat eine schöne Lage, ist modern und größtenteils barrierefrei. Das kann man von dem besetzten Haus in der Oberen Austraße oder vom Mainusch nicht behaupten.
Dabei ist das Haus Mainusch immer noch besser als gar kein Haus. Nichtkommerzielle Konzerte, politische Diskussionen oder der Proberaum für junge Bands leisten einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Leben weit über den Campus hinaus. Dummerweise wurde das Campus-Gelände teilprivatisiert, sodass die Uni nun Miete für die eigenen Gebäude zahlen muss. Da soll dann das Mainusch Platz machen für irgendetwas, das Geld einspielt.
Die Hausbesetzung in der Oberen Austraße macht die zunehmenden Probleme deutlich, vor die nicht nur unkommerzielle Projekte gestellt werden. Das Stadtinnere soll den Schönen und Reichen vorbehalten bleiben, den globalisierten Ladenketten und McDonalds-Filialen. Bezahlbaren Wohnraum gibt es nicht mehr. Öffentliches Leben ist dann nur für diejenigen möglich, die sich den teuren Cappuccino im schicken Straßencafe leisten können. Wer sich mangels kostenloser Sitzgelegenheit auf den Bahnhofsvorplatz setzt, muss damit rechnen, vertrieben zu werden.
Dazu passt die Frage, die vor kurzem auf der Nachttanzdemo gestellt wurde: Wem gehört die Stadt? Warum hat die Öffentlichkeit keinen Anspruch auf den öffentlichen Raum? Ist das nicht eigentlich Betrug am Volk? Die Bevölkerung ist vielfältig, und die Stadt sollte allen Menschen Möglichkeiten zum Leben und zur Begegnung bieten. Dass Kinder, Behinderte oder arme Rentner am öffentlichen Leben teilhaben können setzt voraus, dass es überhaupt ein öffentliches Leben gibt. Da das im öffentlichen Raum immer schwieriger wird, muss man eben ein Haus besetzen. Als nächstes bitte das Fort Malakoff oder einen der Twin-Towers …

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