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Party bei den Pharaonen – Die Ü50-Partyszene von Mainz

Schon vor Acht stehen die ersten vorm Eingang: Ü50 ist angesagt. Das lässt sich vielversprechend an in der Pyramide. „Hauptsächlich für Businessveranstaltungen und Events“, so Pyramidenbauer Geiling, „wird das imposante Gebäude am Rande des Hechtsheimer Gewerbegebiets genutzt“. Das war zu Beginn der Bauzeit, vor mehr als zehn Jahren, anders geplant.

Eigentlich sollte es eine Discothek werden, was die Herren Dörrschuck, Geiling und Waldmann mit sehr viel Eigenleistung hochgezogen haben. „Aber“, so meint Geiling „die große Zeit der Discos ist wohl vorbei“. Trotzdem gibt es hier jede Menge Partys: Mit 80er und 90er Jahre Musik, Club Night, Schlagernacht, Tanz in den Mai und auch Ü30, Ü40 und Ü50 ist für fast jeden etwas dabei. „Ü50 ist eine starke Veranstaltung“, meint Geiling. „Das sind die geburtenstarken Jahrgänge. Aber die gehen nicht dreimal die Woche weg.“ Wichtig ist: „Die können Umsatz schaffen.“ Und Carolyn Dörrschuck, zuständig für´s Büro von Pyradise Entertainment, dem Pyramiden- Betreiber, ergänzt: „Bei den Ü50ern steht das Tanzen im Fokus.“

Erstmals legt heute Abend Michael Lueg auf. Der bekannte Früh-Moderator von SWR1 (jeden Morgen von 5 bis 9 Uhr), passt mit Mitte Fünfzig selbst in die Zielgruppe. Mit Discos im Hinterland hat er viel Erfahrung, in den Ü50ern sieht er sein Publikum: „Das sind diejenigen, die mit der Musik der 70er und 80er Jahre sozialisiert wurden“, und verspricht: „Ich lass es langsam angehen. Am Anfang ein bisschen Discofox, später dann etwas härtere Sachen.“

Die Spitze der Pyramide

Als sich pünktlich um acht Uhr die Tore öffnen, herrscht fast noch Grabesstille. Nur leise erklingt „Walking in Memphis“. Bei den herein strömenden Gästen herrscht starker Frauenüberschuss. Viele Paare, die das Ü50er-Durchschnittsalter eher ´raufsetzen, wenig Männer solo, abgesehen von den jungen „Men in Black“, die als Security fungieren. Die obersten Räume entert man durchs schlichte Treppenhaus und verteilt sich an den langen Tischen mit Barhockern. Da sitzen die Damen dann wie die Hühner auf der Stange im Halbdunkel. Das hellste Licht scheint in den Getränkekühlschränken an der improvisiert wirkenden, blau illuminierten Bar. Ansonsten dominieren Schwarz- und Weißtöne. „Irgendwie ´n bisschen gruftig hier, aber was soll´s, die echten Pyramiden waren ja schließlich als Gräber konzipiert“.

Kein Tanztee

Das ändert sich schlagartig, als um kurz nach neun eine Fanfare ertönt. Die Scheinwerfer beginnen zu kreisen: rot, orange, blau, weiß. Erste Paare wagen sich in die Mitte zum versprochenen Discofox. Als diese erste Hürde mal genommen ist, füllt sich die Tanzfläche schnell. „Vier, drei, zwo, eins!“, da ist Michael Lueg und er macht mit „Love is in the air“ sofort Stimmung, „Alle singen mit“, ruft er. Wer eben noch ´rumhing, ist plötzlich animiert und locker. Paare legen eine flotte Sohle hin, der Überhang an Frauen macht sich beim Solotanzen bemerkbar. „Please Mr. Postman…“ Schnell wird der Platz zum Tanzen fast zu eng. Lueg versteht es, Atmosphäre zu erzeugen, er kennt sein Publikum, „Yes Sir, I can boogie.“ Vom Bühnennebel umwabert steht er auf der Empore über den Tanzenden und ist voll in seinem Element: „Movie star, a movie star…“ Die Lautstärke macht Gespräche unmöglich, aber die Nacht ist ja zum Tanzen da. Bald wird auch schon in der Panoramalounge getanzt. Zwölf Meter über dem Boden, freie Sicht zum Himmel, ins Rheinhessische, auf Mainz und die nahe liegende Autobahn. Die Musik ist weniger laut, aber auch hier präsent. Lichter kreisen über der Tanzfläche, die Discokugel wirft Reflexe auf gepflegt tanzende Paare. Zwei Bildschirme werben für kommende Events.

Um Mitternacht noch wach

„Ich mach mal ´ne Ü50 Party“, sagte sich Klaus Roß, der Veranstalter dieses Events, „es war ein Schuss ins Blaue, aber die beiden ersten, mit Live- Bands, waren ein Erfolg.“ So ist´s auch heute. Der weitläufige Parkplatz ist voll. Den Autokennzeichen nach kommen die Tanzlustigen nicht nur aus Mainz, sondern aus dem näheren und weiteren Umland, Alzey, Groß-Gerau, Wiesbaden, Darmstadt, sogar Frankfurter sind darunter. Die Lichter der Großstadt blinken von ferne. „Das Verhältnis von Frauen zu Männern beträgt etwa 60 zu 40“, weiß Roß.

Nach zehn werden vereinzelt Männergrüppchen gesichtet. Die lungern erst mal am Rande der Tanzfläche herum. Es ist kein Ball der einsamen Herzen, Bekanntschaften schließt man anderswo. Im nahegelegenen Rotlicht-Etablissement vielleicht, das so eindringlich gegenüber des Parkplatzes wirbt? Nach elf, wenn die ersten schon gehen, treffen immer noch Partybesucher ein. „Life is life“ und die Stimmung ist großartig. Lueg spielt einen Titel an, alles singt den Refrain mit, die Arme in die Höhe gereckt. „All right now.“

Getrunken wird nicht übermäßig. Auf vielen Tischen stehen Mineralwasserflaschen. Gegen Hunger-Attacken gibt es heiße Wurst mit Brötchen. „I can get no satisfaction.“ Im Laufe des Abends relativiert sich der Eindruck, Ü60 sei das neue Ü50. Nach unten hin ist die Altersangabe wohl auch durchlässig. „Seid ihr noch wach?“, fragt Lueg. „Ja!“, ertönt es vielstimmig. Man kennt von den meisten Texten zumindest den Refrain: „We are the champions!“ Und nicht wenige fühlen sich in ihre Jugend zurückversetzt. „Verdamp´ lang her“. Nach zwölf wird es deutsch und es gibt etwas zu gewinnen. Wer kennt noch „Mein kleiner grüner Kaktus“? Oder „Blau blüht der Enzian“? Und weiter geht’s mit „Skandal um Rosi“ und „Bitte mit Sahne“. Keine Rede von Pause. Wer hier tanzt, tut es ausdauernd und auch „Atemlos durch die Nacht“. Ein Uhr, halb zwei, ist ein Ende abzusehen? „Que sera.“

Text Ulla Grahl   Fotos Stephan Dinges

 

 

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